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Archiv der Kategorie 'Gesellschaft'

Wo Auswandern zur Pflicht wird

Dienstag, den 5. September 2017 um 10:51

Niemand wird Griechenland zum Wohlstand führen können. „Die Staatsverschuldung ist so gigantisch hoch“, schreibt die Süddeutsche Zeitung, „dass Griechenland auch nach dem Rettungsprogramm auf Jahrzehnte hinaus ein armes Land bleiben wird.“ Die Tageszeitung der reichen Münchner empfiehlt den Griechen, „dieser Zeit mit Anstand und Würde zu begegnen“. Die Vermutung liegt nahe, dass der Führer durch die griechische Wüste Tsipras heissen wird. Wäre ich ein junger Grieche, würde ich auswandern. Schon die Gross- und Urgrossväter haben dies getan. Für deutsche Touristen tanzen? Nie im Leben.

Scheinheilige Empörung.

Freitag, den 1. September 2017 um 17:02

Ich kenne keinen Schweizer, der sich nicht gerne empört über den Waffenmissbrauch in den USA. „Es ist grauenhaft, wie in den USA jeder Zugriff zur Waffe hat und deshalb viele unnötige Morde stattfinden“, ist die Standardformulierung.

Jetzt erfahre ich an der GV des Schweizer Ruag-Konzerns, dass die Umsätze mit Schweizer Munition schlecht gewesen seien. Die amerikanischen Waffenbesitzer hätten sich vor den letzten US-Präsidentenwahlen aus Angst vor Hillary Clinton, die eine Verschärfung der Waffengesetze wollte, übermässig mit Schweizer Pistolen- und Gewehrmunition eingedeckt. Jetzt seien sie damit gut versorgt und würden in der Schweiz weniger einkaufen.

Zweimal tief durchatmen! Bei jeden Mord in den USA, sei es Weiss gegen Weiss oder Weiss gegen Schwarz oder Schwarz gegen Weiss oder Mensch gegen Polizei oder Polizei gegen Mensch oder Schüler gegen seine Lehrer oder Mann gegen Frau oder Kinder gegen ihre Eltern, dass Schweizer Munition es ist, mit welchen Amerikaner sich gegenseitig ins Jenseits befördern. Hunderttausende von Verwundeten nicht einmal eingerechnet.

Zermatt und Saint Tropez sind Schwesterstädte

Montag, den 14. August 2017 um 17:08

In Frankreich hat Zermatt keine Schwesterstadt, aber ich könnte mir keine bessere vorstellen als Saint Tropez. Beide Ferienstädte haben in der letzten Generation eine berauschende Entwicklung erlebt. Aus Zermatt wurde „Matterhorn City“, aus Saint Tropez die „LVMH City“. Was in der Schweiz die „Mattini“ genannt wird, sind in Frankreich die „Trapéziens“.

Einer der ersten Ausflüge zusammen mit meiner gerade angetrauten Walliser Ehefrau führte uns auf die Halbinsel Ramatuelle nach Saint Tropez, wo kurz zuvor Brigitte Bardot aus den Wellen aufgetaucht war. Die Luft war champagnös, die Strassenmaler im Hafen von Saint Tropez noch bezahlbar. Aber schon stieg der junge und letzte Krupp mit einem vergoldeten Spazierstock aus seiner weissen Luxusjacht, um die jungen Burschen der Côte d’Azur einer Augenprobe zu unterziehen.

Saint Tropez mit 4 500 Einwohnern wird heute „LVMH City“ genannt, denn der reichste Franzose, Bernard Arnault, Präsident von LVMH, hat dort nicht nur eines der schönsten Anwesen gebaut, sondern gleichzeitig die meisten Boutiquen im Zentrum der Stadt aufgekauft. Nicht alle sind glücklich darüber, aber der Rubel rollt. Offiziell nennt sich das Co-Branding, ganz wie der unvergessene Dr. Hans Peter Danuser dies für St. Moritz aufgebaut hatte und von seinen Nachfolgern ruiniert wurde.

Saint Tropez, ganz unbescheiden, hat in den letzten 20 Jahren nach dem Motto gelebt „on ne veut plus les riches, on veut les ultra-riches.“ Man zieht jenen Gast vor, der jährliche eine Million Euro im Dorf ausgibt und meidet jene Millionen, die nur einen Euro ausgeben wollen. Deshalb sieht man dort kein „fast food“, aber achtzehn Palasthotels.

Wer die gut geschützten Villenviertel, meist von aussen, bewundert, sieht, die Strategie ist aufgegangen. Als neuer Investor wird nur zugelassen, wer in diesen Kreis passt, wo eine Villa nicht mehr Dutzende von Millionen, sondern Hunderte von Millionen kosten darf.

Damit es in den Bars und Läden der Stadt richtig brummt, kommen im Jahresschnitt gegen neun Millionen Besucher in die Stadt. Spätestens freitags fliegen die Helis der Reichen von Paris ein, um spätestens am Montag wieder die Kurve nach Norden zu nehmen. Einige Genfer Bankiers gehören natürlich zu dieser Crème de la Crème.

Zermatt, das immer ein Bergsteiger- und Wanderdorf sein wollte, stieg erst spät in den Luxus ein. Mit 5 700 Einwohnern, darunter der harte Kern der wohlhabenden Burger, verlegte man sich auf den Ausbau der Bahnen und der Infrastruktur. Die anspruchsvollen Hotels und Chalets zogen dann mit, sahen manche doch mit Neid nach Verbier, wo das Geschäft mit den reichen Gästen aus London, St. Petersburg und Moskau deutlich besser lief. Sogar das benachbarte Crans Montana zeigte Zeichen der Erholung.

Zermatt wie Saint Tropez sind Goldgruben für ihre Besitzer. Die Bodenpreise unterhalb des Matterhorns stiegen auf das Niveau der Zürcher Bahnhofstrasse. Jetzt sollen die Bahnen nach Italien hinüber konsequent ausgebaut werden, denn die Bettenauslastung bleibt immer noch bei 60% hängen und die Asiaten sind schlecht zahlende Hotelgäste. Saas Fee, einst die „Perle der Alpen“, nur ein Tal weiter, ist unterdessen verblasst. Bleibt nur zu sehen, was aus Andermatt wird, wo Samih Sawiris bereits über eine halbe Milliarde Franken verbaut hat und ein Ende der Investitionen nicht abzusehen ist. Die Kataris hatten mit dem „Bürgenstock“ einige Kilometer weiter unten im Tal sicher die bessere Karte gezogen.

Saint Tropez und Zermatt sind für mich zwei Seiten einer Medaille. Die frische Bergluft der Hochalpen, wo es längst nicht mehr ärmlich zugeht, passt zur mediterranen Modezone. In Zermatt holt man sich die Form, in Saint Tropez zeigt man sie.

Locarno – das Festival macht Spass

Donnerstag, den 10. August 2017 um 9:12

Zwei Tage hatten wir für das Festival Locarno reserviert und waren angenehm überrascht von der entspannt-südlichen Atmosphäre, die uns empfang. Es war mit gut 35 Grad extrem heiss, sodass der Platzregen am zweiten Tag uns durchatmen liess.

Gut war auch die Küche in einem gezielt altmodischen Restaurant oberhalb der Piazza, denn dort zu essen, wäre uns nicht eingefallen. Etliche weibliche Zürcher Snobs mischten sich mit Tessiner Kunstvolk. Essen und Getränke grossartig und ein Drittel billiger als in Zürich.

Locarno hat sich gemacht. Aus dem etwas verschroben gebauten Städtchen ist eine kleine See-Schönheit geworden, wo Parks, Gärten und enge Strassen der Altstadt gut harmonieren.

Das Festival selber hatte ein Filmangebot, das einen längeren Besuch gerechtfertigt hätte. Man muss allerdings Lust haben, die manchmal verschrobenen Filme auf ihre guten Seiten hin abzuklopfen. Etwas Entdeckergeist vorausgesetzt, sah man Szenen, die sich einprägten. Die Schauspieler selber spielten meist Nebenrollen, waren doch viele Filme oft auf psychologisch-politische Thesen festgelegt. Man wollte etwas aussagen und vergass dabei nicht selten die Handlung, den Spannungsbogen. Seltsamkeiten eben. Wer derlei sucht, wird nicht enttäuscht sein.

Es ist mein Eindruck, dass auf der Piazza kein besonders toller Film gezeigt wurde. Das Liebesdrama von Francesca Comencini, dessen italienischer Titel zu kompliziert war, um sich an ihn zu erinnern, brachte allerlei erotische Verrenkungen, wo sich vor allem die weiblichen Teilnehmer hervor taten und ihre jeweiligen Partner im Sturm nahmen. Neben mir der Stammgast, der seit über 30 Jahren kein Filmfestival versäumt hat, rülpste zufrieden. Pornographie als öffentliches Schauspiel wird nicht alle Tage geboten.

Wer vieles bietet, bietet am Ende vielleicht nichts. Was ich allerorten vermisst habe, sei es in den Tessiner Medien wie in den öffentlichen Diskussionen, war eine spannende Diskussion. Das diesjährige Festival hatte offensichtlich kein Thema, sondern wollte allen gefallen. Das halte ich für einen Fehler. Junge wie alte Menschen wollen, kommen sie nach Locarno, herausgerissen werden aus der Alltäglichkeit. Semi-intellektuelles Geplauder ist dann zu wenig.

Der Festivaldirektor verströmte dauerhaft lebhaft gute Laune. Sein Präsident, Marco Solari, dessen Verdienste um das Festival, Locarno und den Tessin unübertroffen gross sind, blickte in jener leidend lächelnden Stimmung um sich, die jederzeit Hilfsangebote auslösen kann. Bundesrat Alain Berset stürmte vor die grosse Leinwand, jedermann zu Höchstleistungen anstachelnd und dabei vergessend, wie viele schlecht investierten Millionen sein Bundesamt für Kulturförderung sonst ausgibt. Dabei wären Zentralisierung und mehr Qualität die weitaus bessere Lösung. Vorgänger Moritz Leuenberger, wie üblich sehr gequält wirkend, wand sich durch die Menge, verfolgt von alt Kollegin Ruth Dreifuss, die sich walzend durch die Menge lächelte und schob. Drittweltsekretärin bleibt Drittweltsekretärin.

Gut, vieles in Locarno ist zu verbessern: Die Information, das Reservationssystem, die Einladung der richtigen Gäste an die richtigen Orte. Weder ist das Festival so klein, dass es unbedeutend wäre, aber auch nicht so gross, dass die Welt es wirklich kennen würde. Avanti popolo, es geht vorwärts. Und der Tessin ist weitaus besser als sein Ruf.

Schweiz hat mehr jugendliche Arbeitslose als Mexiko

Dienstag, den 25. Juli 2017 um 11:38

Wenn wir den OECD-Statistiken Glauben schenken wollen, hat die Schweiz mit 8,4% der 15-20jährigen eine höhere Jugendarbeitslosigkeit als Mexiko (7,7%). In Deutschland sind es sogar nur 7,1%.

Derlei Zahlen werden bei uns nicht kommuniziert. Sie zeigen deutlich, dass der Binnenmarkt Schweiz schwach geworden ist und seit nahezu zehn Jahren kaum ein Wachstum aufweist.

Wir können gerne sagen, dass Frankreich, Portugal, Italien, Spanien und Griechenland, alle mit über 20%, schlechtere Zahlen aufweisen, aber Spitzenklasse, „Das Land der Auserwählten“, wie der Tagi jüngst schrieb, sind wir bei weitem nicht mehr.

Warum Printmedien ihre Leser verlieren

Donnerstag, den 13. Juli 2017 um 14:02

Viel ist die Rede davon, die Printmedien würden Leser verlieren, weil diese zu den Online-Medien überlaufen. Sicher spielt dies eine Rolle, aber wesentlich wichtiger ist die Tatsache, dass unsere heiss geliebten und teuer bezahlten Tages-, Wochen- und Monatszeitungen sich zu oft gar nicht mit den Themen beschäftigen, die ihren Lesern am Herzen liegen.

Ausgelöst hat diesen Beitrag die „Neue Zürcher Zeitung“ vom 13. Juli, wo auf einer halben Seite diskutiert wird, ob die Schweiz ein Nationaltier braucht. Redaktor Erich Aschwanden kommt nach vielen Zeilen zum Schluss, ein Nationaltier sei schon aus föderalen Gründen nicht infrage. Diese Diskussion erinnert mich an das Projekt „Neue Schweizer Landeshymne“ von SGG-Direktor Lukas Niederberger, wo viel geredet, geschrieben und gesungen, aber nichts entschieden wird.

Andere Redaktionen sind nicht besser. Wo früher Artikel oder mindestens ganzseitige Inserate prangten, bringt die „Zürichsee Zeitung“ grosse Reportagen über entlegene Destinationen. Das ist Füll- und Werbematerial für die globale Tourismusindustrie.

Hat ein Journalist ein Hobby, wird er zum Fachredaktor ernannt. Ein solcher Fall ist Michael Meier, Kulturredaktor des „Tagi“, der, auch am 13. Juli, ein ganzseitiges, durchaus lesenswertes Interview mit dem Wiener Kardinal Christoph Schönborn publiziert, dessen Inhalt aber nicht termingebunden ist.

Interessiert dies die Leser beider Medien-Grossorgane, wo Tagi und ZSZ sogar zur gleichen Verlegerfamilie gehören?

In wenigen Wochen wird der Bundesrat entscheiden, ob der Flughafen Kloten künftig auch Starts über Zürichs Süden ausführen darf. Hunderttausende von Menschen sind davon negativ betroffen, weil der Lärm, die Gesundheits- und die Umweltrisiken gewaltig sein werden. In jedem Garten, auf jeder Terrasse und in vielen lärmbedrohten Schlafzimmern zwischen dem Opfikon, Dübendorf, dem Zürcher Seefeld, in Zollikon, Zumikon, Egg bis nach Horgen wird nur darüber gesprochen, was nach den ungesetzlichen Südlandungen nun die Südstarts bedeuten werden.

Der „Tagesanzeiger“ schweigt darüber seit Monaten, die „Zürichsee Zeitung“, in der Kernzone des heutigen wie des künftigen Lärms, berichtet gelegentlich eher zurückhaltend. Was ihre Leser interessiert, interessiert beide Redaktionen wenig oder gar nicht. Ob Alfred Eschers Vater im 19. Jahrhundert ein Besitzer von 80 Sklaven in Kuba war, ist dem Tagi ganze Seiten wert. Die 300 000 Lärmsklaven der Lufthansa/Swiss im 21. Jahrhundert interessieren die sich „unabhängig“ nennende Schweizer Tageszeitung nicht.

Bei der NZZ rettet Fachredaktor Andreas Schürer die redaktionelle Glaubwürdigkeit, indem er seit Monaten intensiv über Kloten und dessen (notwendiges) Wachstum berichtet. Die Fluglärmgegner dürfen hie und da in Leserbriefen (kurz bitte) und zweimal jährlich in einem Meinungsbeitrag zu Wort kommen.

Der „Blick“, der auch eine Zürcher Tageszeitung ist, kennt die Wörter Fluglärm, Gesundheitsrisiken und Umweltschutz, das „Trio Infernal“ vieler seiner Leser, überhaupt nicht. Dafür sind die Ansichten der Hinterteile exponierter Frauen ein Dauerthema. Ringier könnte in London lernen, wie man intelligenten Boulevard macht.

Alle vier Redaktionen nehmen ihren Auftrag zur korrekten Berichterstattung nicht wahr. Sie versäumen es sogar, Auflage zu machen, weil sie eines der dramatischsten Probleme, die ihre Leser beschäftigen, kaum zur Kenntnis nehmen.

Müsste man denn nicht nur Airline-Fans und –Betreiber zu Wort kommen lassen, sondern auch Fachleute, die etwas davon verstehen, was dieser Hub-Krieg gegen das Volk bedeutet? Gibt es an den Zürcher Unis nicht genügend Fachleute, die alles wissen über Lärmfolgen, Umweltschäden und Gesundheitsrisiken? Unseren von Ängsten geplagten Chefredaktoren und Ressortleitern fällt dazu gar nichts ein. Sie beschäftigen sich vorzugsweise mit Weltpolitik („Warum macht Merkel alles falsch, warum ist von May nicht viel zu erwarten?“) oder lassen vielfach esoterische Aussenseiter mit Themen zu Wort kommen, die kaum jemand lesen wird. Der „Tagi“ publiziert nur, was seine bei den Lesern erfolgreichsten Artikel sind, nicht die Pleiten.

Als Mediensprecher der Zürcher Stiftung gegen Fluglärm (www.stiftungfluglaerm.ch) bin ich natürlich Partei. Ich sehe mich als parteiisch für all jene, die nicht in der Lage sind, ihre Sorgen zu formulieren. Ich sehe mich als Partei für jene, die vom Zürcher „Hub plus“ (Quelle: Deutsche Lufthansa) morgens ab 06.02 Uhr aus dem Schlaf gerissen und oft bis 24.00 Uhr wach gehalten werden. Ich sehe mich als Partei für jene Menschen, die sich eine Wohnung gekauft oder ein Haus im Süden gebaut haben, und die jetzt von der Flughafendirektion in Kloten und der Deutschen Lufthansa, die sich in der Schweiz Swiss nennt, still enteignet werden. Der Wertverlust der vom Lärm betroffenen Immobilien beträgt jetzt schon 20% und wird mit den Südstarts noch viel grösser werden.

Über alles dies könnten die Zürcher Redaktionen schreiben, tun es aber nicht. Während das Westschweizer Fernsehen das Zürcher Lärmthema in der eigenen Tagesschau zum Thema macht, ziert man sich am Leutschenbach, wo man vorzugsweise volkstümlich sendet.

Kurzum, die Medienberichterstattung in Sachen Flughafenausbau in Kloten ist nicht nur ein Skandal, sie ist auch dumm. Man schreibt an den Lesern vorbei und beklagt gerne seinen eigenen Untergang.

Zwei Berner Bergler: Ueli Steck und „Unser Dölf“

Mittwoch, den 12. Juli 2017 um 8:17

Weil mir 20 Meter über dem Boden schwindlig wird, habe ich mir eine grosse Sammlung von Berg- und Abenteuerbüchern zugelegt, von Sven Hedin bis Ueli Steck. Die Nachfolger der grossen europäischen Entdecker und Eroberer waren alle Einzelgänger. Ueli Steck war am Berg ein Alleingänger, den im Himalaya sein Schicksal ereilte. Gabriella Baumann-von Arx hat ihm im Verlag Wörterseh ein Denkmal gesetzt. Sie hat „Solo – der Alleingänger Ueli Steck“ mit der gleichen Leidenschaft geschrieben, wie der dynamisch-verrückte Langenthaler die Bergwände der Welt hinaufeilte.

Er, der nicht als Eishockeyspieler auf dem Boden bleiben wollte, hatte den „harte Gring“, den es braucht, in die Weltklasse aufzusteigen. Wer in den Bergen, auch in tieferen Lagen, überleben will, muss beherrschen, was auch Ueli Steck von sich verlangte: „Ich kalkuliere“. Es wird völlig unterschätzt, wie berechnend die Bergbevölkerung sein muss, um erfolgreich und alt zu werden.

Ueli Steck glaubte an sein „destiny“, an seine Bestimmung, sein Schicksal. Er wusste, wer „free solo“ gehen will, darf nicht den mindesten Zweifel an sich haben. Deshalb lohnt sich die Lektüre.

Auch eine Verlegerin der Schweizer Extra-Klasse, Annette Weber vom Werd & Weber Verlag, hat zusammen mit Lukas Heim (Weltbild) das Buch „Unser Dölf“ herausgebracht, das den aus Kandersteg stammenden Dölf Ogi in 75 Kurzportraits reflektiert.

Überraschend sind die Ähnlichkeiten zwischen Steck und Ogi. Zweifellos ist der volkstümliche Berner Ogi auch einer, der die politische Kalkulation ausgezeichnet beherrscht. Sein „Gring“ ist nicht minder hart und zuverlässig auch in kritischen menschlichen Situationen, die ihm nicht erspart blieben. Politische Fehltritte, das weiss auch ein Ogi, hätten seinen frühen Absturz bedeutet. Weil auch er es gewohnt war, über schmale Grate zu gehen, blieb er bis heute oben.

Ogi entdeckte ich früh schon 1978. Er war Marketingdirektor von Intersport, wo ich ihn einen ganzen Tag beobachten konnte und fasziniert war von seinem Talent, die Menschen zu fesseln. Als er ein Jahr später in den Nationalrat gewählt wurde und die Zürcher ihn verspotteten, er sei nur ein Primarschüler, also auf keinen Fall für den Nationalrat geeignet, widersprach ich oft und aus Überzeugung.

In „Unser Dölf“, eine Verballhornung des Namens Adolf, wird Ogi wie von einem Bergkristall gespiegelt. Jeder sieht in ihm etwas anderes, aber stets Erfreuliches. Im Kreis dieses 75köpfigen Bestätigungs-Kartells erfasst Matthias Ackeret, Chefredaktor des Fachmagazins „persönlich“, ihn gut mit dem Hinweis „In seinem Auftritt fast schon unschweizerisch elegant, eine Art Bill Clinton aus dem Berner Oberland.“ Relativiert wird dies von Willi Schnyder, einem hoch talentierten ehemaligen Walliser Regierungsrat, der über Ogi sagt: „Dem werktätigen Volk wie auch den Schwächsten unserer Gesellschaft begegnete er nie als Obrigkeit.“

Ein anderer Journalist, der für Dölf Ogi schicksalhaft werden sollte, Frank A. Meyer von Ringier, viele Jahre Ogi-Berater, durfte in diesem Buch nicht schreiben, hatte er ihm doch die schlimmste politische Niederlage beigebracht, die EWR-Niederlage und das jetzt zurückgezogene Beitrittsgesuch des Bundesrates zur Europäischen Union (EU).

Das Volk vergisst derlei gerne und wer zuletzt strahlt, strahlt am längsten. Ogi, der gerne Bergkristalle verschenkte, war selber ein solcher Bergkristall, der bis heute nicht stumpf wurde. Er hat den Dank des Vaterlands verdient.

Die Schweiz als Sendepause in Europa

Mittwoch, den 5. Juli 2017 um 15:29

Geht es um die Zukunft des eigenen Landes oder diejenige Europas nimmt die Schweiz die Rolle der Sendepause ein.

Im Oberwallis lebt Thor („Der Hammer“) Kunkel; er hat die neue politische Kampagne der deutschen AfD entworfen, ein Verein streitsüchtiger alter Herren und ehrgeiziger jüngerer Frauen. In Biel lebt eine ihrer Vizepräsidentinnen.

Die im Zürcher Unterland ansässige Agentur Segert-GOAL, ebenfalls deutscher Herkunft, betätigt sich in die gleiche politische Richtung, sei es für die AfD oder Haiders Nachfolger in Österreich. Das Zürcher Unter- oder Weinland war seit Jahrzehnten ein Hort nationalen Selbstbewusstseins; jetzt haben sich die SVP-Intellektuellen vom Land in die Städte verlagert.

Warum ziehen sich derlei Menschen gerne in die „heile Schweiz“ zurück? Erstens ist es zwischen Bodensee und Lago Maggiore schöner als in den deutschen Städten, zweitens verdient und lebt sich besser im Süden Deutschlands.

Wie der mit Millionen von Steuergeldern geförderte Schweizer Film nirgendwo in der Welt auch nur zur Kenntnis genommen wird, schickt Pro Helvetia Schweizer Schriftsteller und andere Künstler rund um den Globus, nur um auch dort keinerlei Eindrücke zu hinterlassen.

In der Europapolitik sind wir ohnehin eine glatte Null. Weltpolitisch sind wir bedeutungslos geworden, es sei denn als Betreiber von Hotels zwischen Genf und Crans Montana, wo wir den ausländischen Diplomaten die Betten machen.

Gibt es noch fortschrittliche Schweizer, die sich mit Europas oder der Weltelite messen können? Empfehlungen sind willkommen.

Das Flüchtlings-Traumazentrum Boldern ist ein labyrinthischer Vorgang

Montag, den 19. Juni 2017 um 12:03

Im Augenblick, wie in Zukunft noch mehr, sind grundsolide Schweizer Gemeinden der Gefahr ausgesetzt, Pleite zu gehen, weil sie die Versorgung der Flüchtlinge aus aller Welt nicht mehr aus dem ordentlichen Haushalt finanzieren können. Der roten Wohlfahrts-Bundesrätin Simonetta Sommaruga ist die ziemlich egal, hält sie es doch für selbstverständlich, dass die Gemeinden die Steuern erhöhen können, um den von ihr mitverursachten Notstand auszugleichen.

Das vor 30 Jahren über Zürich hinaus sehr bekannte Tagungszentrum Boldern, ebenfalls von gesellschaftspolitischer Verantwortung getragen, hat den Anschluss an die Gegenwart seither nicht geschafft. Die Hotelgäste, denen im Garten ein Labyrinth zur Verfügung steht, sollen nach den Wünschen des Trägervereins künftig dort zusammen mit traumatisierten Flüchtlingen ihren Weg suchen. Wer rascher ans Ziel kommt, wird sich zeigen.

Was mich nahezu traumatisiert, ist die Idee aus Boldern, das mangels Erfolg immer noch eine staatlich finanzierte Aufgabe sucht, ein Trauma-Zentrum, für Flüchtlinge zu machen. Die zur Unterstützung aufgerufene Uni Zürich äussert sich auf Anfrage sehr zurückhaltend.

Da ich noch die kriegsversehrten Flüchtlinge nach dem 2. Weltkrieg und die Flüchtlinge aus Europas Osten, die im Westen aufgenommen wurden, erlebt habe, sehe ich diese armseligen Gestalten an ihren Krücken in abgeschabten Kleidern, die ihnen geschenkt wurden, durch die Strassen hinken. In den Gesichtern oft bare Verzweiflung, weil es in den ersten Jahren nur wenig und meist aus der Blechbüchse zu essen gab. Familien wurden in Turnhallen zusammen gezwängt, mit Leintüchern notdürftig von den Nachbarfamilien abgegrenzt.

Wer jetzt die Flucht in die Schweiz schafft, das ist eine extreme Minderheit der bedrohten Menschen aus aller Welt, darf als Luxusflüchtling bezeichnet werden, ausgestattet mit vielem, was sich einfache Schweizer oft nicht leisten können.

Jetzt sollen in Boldern auch ihre Traumata Behandlung finden; das ist edel. Ich meine jedoch, wieder wollten sich einige Gewinner der Flüchtlingsansiedlung, Sozialarbeiter und Psychologen, ein komfortables Nest schaffen, das vom Staat, d.h. vom Steuerzahler finanziert werden soll.

Dieser labyrinthische Vorgang, wo mühsam ein Ziel auf Kosten der Allgemeinheit gesucht wird, gefällt mir nicht. Was wir endlich brauchen, ist eine glaubwürdige Flüchtlingspolitik, welche die Gemeinden nicht überfordert. Boldern hätte man längst verkaufen oder abreissen müssen. Weil man dies nicht wollte, lebt es als Zombie einer einst stolzen Vergangenheit weiter.

Ein Sommerabend mit Piroschka in Zürich

Mittwoch, den 7. Juni 2017 um 8:27

Bis zum 18. Juni werden im Zürcher Bernhard Theater noch sieben Vorstellungen gegeben von „Ein Sommer mit Piroschka“. Wer einen unbeschwerten Abend mit viel Musik und Tanz erleben will, sollte dieses Volksstück nicht verpassen.

Das Bernhard Theater ist Zürichs klassische Volksbühne. Dort stehen nicht Wagner’sche Sagenwelten oder Verdi’sche Dramen im Vordergrund. Vielmehr spiegelt sich in den Aufführungen Freud und Leid des Volkes. Was auf der Bühne abgeht, ist den Menschen im Saal nicht fremd.

Der deutsche Schriftsteller Hugo Hartung hat 1954, zur gleichen Zeit, als die Deutschen auch den Tessin wieder entdeckten, „Ich denke oft an Piroschka“ geschrieben, eine leichtfüssige Studentenliebe in der ungarischen Puszta. Sie wurde mit Liselotte Pulver als Piroschka, Gustav Knuth als Bahnhofsvorsteher und Gunnar Möller als Student grandios verfilmt. Regisseur war Kurt Hoffmann, ebenfalls ein Ausnahmetalent der deutschen Nachkriegszeit.

Die Zürcher Piroschka im Bernhard Theater ist die Leistung zweier erprobter heimischer Theatergewächse: Jordi Viladarga, Autor der Theaterfassung, und Susanne Zürrer, Regie. Sie inszenierten mit der Truppe des Estrich Theaters die „Buntheit des Lebens“ (S. Zürrer), welche das Publikum häufig zu Szenenbeifall veranlasste.

Die eigentliche Überraschung war der Ungarisch-Zürcher Komponist Bela Balint als Arrangeur und musikalischer Leiter. Balint, der viele Jahre für Udo Jürgens, Hazy Osterwald, John Ward und Ute Lemper arbeitete und im Pepe Lienhard-Orchester ständiges Mitglied war, schaffte es, zugleich ungarisch lebhaft und doch diskret aufspielen zu lassen, damit die Schauspieler im Vordergrund standen.

Balint ist in der Schweiz längst eine grosse Nummer. Er, in den grossen Bigbands Europas aufgewachsen, verhalf schon 1986 dem Schweizer Beitrag am Concours Eurovision de la Chanson zum 2. Platz. Zwei Jahre später, beim Schweizer Siegertitel, gesungen von Céline Dion, steuerte er die Live-Orchestration bei.

Balint ist heute Inhaber der BB Concert Music, einer Schule für Jazzpiano, Arrangement und Orchestration in Zürich und unterrichtet Klavier an der Hochschule WAM – Jazz Pop Rock Academy in Winterthur.

Zurück zu Piroschka, Zürcher Variante im Bernhard Theater. Aufgefallen ist mir Laura Vogel, die eine nahezu perfekte Choreografie von oft hohem Tempo hinlegte. Die von ihr ausgearbeiteten Schnittstellen und Übergänge liessen keine Sekunde Langeweile aufkommen. Andreas Schiller gab sich erfolgreich als Wiedergeburt von Gunnar Möller im 21. Jahrhundert. Diese norddeutsche Steifheit in Ausdruck und Bewegung, jenes förmliche Verhalten der Mitglieder alter Bruderschaften und studentischer Verbindungen, wurde von ihm perfekt interpretiert. Philippe Béchir, der auf einer weiteren Handlungsebene den Romanautor gab, der sich erinnerte, verströmte pure Nostalgie und erhielt dafür viel Beifall.

Mit Ladina Huber wurde eine Piroschka ausgewählt, die Ihre Begabung unter Beweis gestellt hat.

Viele schöne und lebhafte Charaktere machen den Reiz dieser Aufführung aus. Das Bernhard Theater ist ein Gastro-Theater geblieben. Was an Speis und Trank geboten wird, ist fair. Die Preise sind nicht übertrieben.

Wie gesagt, ein schöner Abend im Zentrum der Stadt. Man sollte ihn nicht verpassen.

 
     
     
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