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Die Kunst des Seins nach Martin Meyer

30. Januar 2018 um 15:17

Ein Buch zum Verschenken der anspruchsvollen Klasse legt Martin Meyer vor. Es ist sein elftes Werk bei Hanser, dem besten deutschen Literaturverlag. Sein Titel lautet „Gerade gestern“ und ist damit für Menschen, die jetzt „Ganz im Heute“ leben sollen, eine Herausforderung bis hin zu einer Provokation. Wer jenes „Morgen“ im Auge hat, die von Unsicherheiten geprägte Landschaft der Zukunft, wird in Martin Meyers Werk erleichtert feststellen, dass „Gerade gestern“ auch keine gemütliche Zeit gewesen ist. Er mag erschrecken, wie rasch jene Dinge und Zustände wertlos geworden sind, die ihm kürzlich noch lieb waren.

Dr. Dr. h.c. Martin Meyer ist Träger zahlreicher Auszeichnungen. Seine grösste Leistung ist sicher die Tätigkeit als Redakteur der „Neue Zürcher Zeitung“, deren Feuilleton er von 1992 bis 2015 intellektuellen Glanz verlieh. Er ist ein sanfter Aufklärer, dem es aber durchaus geschehen konnte, dass er einer Spur folgte, die dann eine Explosion zur Folge hatte, die weit über die Landesgrenzen wahrgenommen wurde.

Sein „exploit“ ist ein nachdenklicher, stellenweise fast ein wenig trauriger, immer aber von einer distanzierten Eleganz des Ausdrucks getragen, die auch einem disruptiven Vorgang, wie John F. Kennedys Ermordung es gewesen ist, noch sanfte Rundungen verleiht. Man spürt, die Geschichte raspelt das erschreckend Verstörende weg. Was bleibt, ist „nostalghia“.

Meyer zählt zu den Schweizer Entertainer-Philosophen, die dem Bürgertum auch heute noch jene sanften Erregungen vermitteln, die Schlimmeres ahnen lassen, aber die Brutalität der direkten Konfrontation vermeiden.

Wenn er Marcel Reich-Ranicki beschreibt, wie er sich von den krawattenlosen Journalisten distanziert, in deren Kopf „wenig aufgeräumt sei“, kommentiert Meyer trocken: „Das wollen wir einmal so stehen lassen.“

Diese alte Zürcher und Schweizer Noblesse, dem Heimischen verbunden, aber der Welt weit aufgetan, war es, die dem NZZ-Feuilleton über Jahrzehnte hinweg jene Klasse gab, die es heute wieder sucht. René Scheu hat jetzt nach unüblich kurzer Zeit Rolf Dobelli von der Pflicht des Kolumnenschreibens wieder entbunden. Während eine ganze Reihe grossartiger Journalisten das NZZ-Feuilleton ohne Nachruf freiwillig verlassen haben, erhielt der Zürcher Vorzimmer-Stoiker einen solchen aus der Feder seines Kurzzeit-Auftraggebers. Ein Teil der NZZ-Leserelite atmet auf.

Peter Sloterdijk, dessen Aufsätze in den grossen deutschen Medien kaum mehr zu finden sind, hat im NZZ-Feuilleton Asyl gefunden. Dort konstatiert er Ende Januar 2017 „den Zerfall der amerikanischen Klammer“, was weiter vorn in der NZZ, dem Auslandteil, so hart noch nie geschrieben wurde.

„Mittlerweile ist die Rolle der Schweiz in der Welt unhörbar geworden“, sagt Pierre Simonitsch, lange Zeit UNO-Korrespondent und Grossreporter europäischer Medien. Dies zu vermeiden ist die grösste Herausforderung für die „Neue Zürcher Zeitung“, die als letztes Schweizer Verlagsprodukt ausserhalb des Landes noch wahrgenommen wird.

Martin Meyer löst diesen und andere Vorgänge auf seine Art, schreibt er doch im Kapitel „Contemporary“: „Ich enthalte mich der Stimme und stelle nur fest: Selbst als zeitiger Zeitgenosse hat man heute seine Probleme.“

Ich empfehle daher Zeitgenossen, die nicht bei jedem Grossereignis einen Herzkrampf erleiden wollen, ganz ohne Einschränkung die Lektüre von „Gerade gestern“, erschienen bei Hanser. Es ist eine Überlebenslektüre, welche die Kunst des Seins an Beispielen vermittelt, die uns noch gegenwärtig sind.

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