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Locarno – das Festival macht Spass

10. August 2017 um 9:12

Zwei Tage hatten wir für das Festival Locarno reserviert und waren angenehm überrascht von der entspannt-südlichen Atmosphäre, die uns empfang. Es war mit gut 35 Grad extrem heiss, sodass der Platzregen am zweiten Tag uns durchatmen liess.

Gut war auch die Küche in einem gezielt altmodischen Restaurant oberhalb der Piazza, denn dort zu essen, wäre uns nicht eingefallen. Etliche weibliche Zürcher Snobs mischten sich mit Tessiner Kunstvolk. Essen und Getränke grossartig und ein Drittel billiger als in Zürich.

Locarno hat sich gemacht. Aus dem etwas verschroben gebauten Städtchen ist eine kleine See-Schönheit geworden, wo Parks, Gärten und enge Strassen der Altstadt gut harmonieren.

Das Festival selber hatte ein Filmangebot, das einen längeren Besuch gerechtfertigt hätte. Man muss allerdings Lust haben, die manchmal verschrobenen Filme auf ihre guten Seiten hin abzuklopfen. Etwas Entdeckergeist vorausgesetzt, sah man Szenen, die sich einprägten. Die Schauspieler selber spielten meist Nebenrollen, waren doch viele Filme oft auf psychologisch-politische Thesen festgelegt. Man wollte etwas aussagen und vergass dabei nicht selten die Handlung, den Spannungsbogen. Seltsamkeiten eben. Wer derlei sucht, wird nicht enttäuscht sein.

Es ist mein Eindruck, dass auf der Piazza kein besonders toller Film gezeigt wurde. Das Liebesdrama von Francesca Comencini, dessen italienischer Titel zu kompliziert war, um sich an ihn zu erinnern, brachte allerlei erotische Verrenkungen, wo sich vor allem die weiblichen Teilnehmer hervor taten und ihre jeweiligen Partner im Sturm nahmen. Neben mir der Stammgast, der seit über 30 Jahren kein Filmfestival versäumt hat, rülpste zufrieden. Pornographie als öffentliches Schauspiel wird nicht alle Tage geboten.

Wer vieles bietet, bietet am Ende vielleicht nichts. Was ich allerorten vermisst habe, sei es in den Tessiner Medien wie in den öffentlichen Diskussionen, war eine spannende Diskussion. Das diesjährige Festival hatte offensichtlich kein Thema, sondern wollte allen gefallen. Das halte ich für einen Fehler. Junge wie alte Menschen wollen, kommen sie nach Locarno, herausgerissen werden aus der Alltäglichkeit. Semi-intellektuelles Geplauder ist dann zu wenig.

Der Festivaldirektor verströmte dauerhaft lebhaft gute Laune. Sein Präsident, Marco Solari, dessen Verdienste um das Festival, Locarno und den Tessin unübertroffen gross sind, blickte in jener leidend lächelnden Stimmung um sich, die jederzeit Hilfsangebote auslösen kann. Bundesrat Alain Berset stürmte vor die grosse Leinwand, jedermann zu Höchstleistungen anstachelnd und dabei vergessend, wie viele schlecht investierten Millionen sein Bundesamt für Kulturförderung sonst ausgibt. Dabei wären Zentralisierung und mehr Qualität die weitaus bessere Lösung. Vorgänger Moritz Leuenberger, wie üblich sehr gequält wirkend, wand sich durch die Menge, verfolgt von alt Kollegin Ruth Dreifuss, die sich walzend durch die Menge lächelte und schob. Drittweltsekretärin bleibt Drittweltsekretärin.

Gut, vieles in Locarno ist zu verbessern: Die Information, das Reservationssystem, die Einladung der richtigen Gäste an die richtigen Orte. Weder ist das Festival so klein, dass es unbedeutend wäre, aber auch nicht so gross, dass die Welt es wirklich kennen würde. Avanti popolo, es geht vorwärts. Und der Tessin ist weitaus besser als sein Ruf.

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