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Warum Printmedien ihre Leser verlieren

13. Juli 2017 um 14:02

Viel ist die Rede davon, die Printmedien würden Leser verlieren, weil diese zu den Online-Medien überlaufen. Sicher spielt dies eine Rolle, aber wesentlich wichtiger ist die Tatsache, dass unsere heiss geliebten und teuer bezahlten Tages-, Wochen- und Monatszeitungen sich zu oft gar nicht mit den Themen beschäftigen, die ihren Lesern am Herzen liegen.

Ausgelöst hat diesen Beitrag die „Neue Zürcher Zeitung“ vom 13. Juli, wo auf einer halben Seite diskutiert wird, ob die Schweiz ein Nationaltier braucht. Redaktor Erich Aschwanden kommt nach vielen Zeilen zum Schluss, ein Nationaltier sei schon aus föderalen Gründen nicht infrage. Diese Diskussion erinnert mich an das Projekt „Neue Schweizer Landeshymne“ von SGG-Direktor Lukas Niederberger, wo viel geredet, geschrieben und gesungen, aber nichts entschieden wird.

Andere Redaktionen sind nicht besser. Wo früher Artikel oder mindestens ganzseitige Inserate prangten, bringt die „Zürichsee Zeitung“ grosse Reportagen über entlegene Destinationen. Das ist Füll- und Werbematerial für die globale Tourismusindustrie.

Hat ein Journalist ein Hobby, wird er zum Fachredaktor ernannt. Ein solcher Fall ist Michael Meier, Kulturredaktor des „Tagi“, der, auch am 13. Juli, ein ganzseitiges, durchaus lesenswertes Interview mit dem Wiener Kardinal Christoph Schönborn publiziert, dessen Inhalt aber nicht termingebunden ist.

Interessiert dies die Leser beider Medien-Grossorgane, wo Tagi und ZSZ sogar zur gleichen Verlegerfamilie gehören?

In wenigen Wochen wird der Bundesrat entscheiden, ob der Flughafen Kloten künftig auch Starts über Zürichs Süden ausführen darf. Hunderttausende von Menschen sind davon negativ betroffen, weil der Lärm, die Gesundheits- und die Umweltrisiken gewaltig sein werden. In jedem Garten, auf jeder Terrasse und in vielen lärmbedrohten Schlafzimmern zwischen dem Opfikon, Dübendorf, dem Zürcher Seefeld, in Zollikon, Zumikon, Egg bis nach Horgen wird nur darüber gesprochen, was nach den ungesetzlichen Südlandungen nun die Südstarts bedeuten werden.

Der „Tagesanzeiger“ schweigt darüber seit Monaten, die „Zürichsee Zeitung“, in der Kernzone des heutigen wie des künftigen Lärms, berichtet gelegentlich eher zurückhaltend. Was ihre Leser interessiert, interessiert beide Redaktionen wenig oder gar nicht. Ob Alfred Eschers Vater im 19. Jahrhundert ein Besitzer von 80 Sklaven in Kuba war, ist dem Tagi ganze Seiten wert. Die 300 000 Lärmsklaven der Lufthansa/Swiss im 21. Jahrhundert interessieren die sich „unabhängig“ nennende Schweizer Tageszeitung nicht.

Bei der NZZ rettet Fachredaktor Andreas Schürer die redaktionelle Glaubwürdigkeit, indem er seit Monaten intensiv über Kloten und dessen (notwendiges) Wachstum berichtet. Die Fluglärmgegner dürfen hie und da in Leserbriefen (kurz bitte) und zweimal jährlich in einem Meinungsbeitrag zu Wort kommen.

Der „Blick“, der auch eine Zürcher Tageszeitung ist, kennt die Wörter Fluglärm, Gesundheitsrisiken und Umweltschutz, das „Trio Infernal“ vieler seiner Leser, überhaupt nicht. Dafür sind die Ansichten der Hinterteile exponierter Frauen ein Dauerthema. Ringier könnte in London lernen, wie man intelligenten Boulevard macht.

Alle vier Redaktionen nehmen ihren Auftrag zur korrekten Berichterstattung nicht wahr. Sie versäumen es sogar, Auflage zu machen, weil sie eines der dramatischsten Probleme, die ihre Leser beschäftigen, kaum zur Kenntnis nehmen.

Müsste man denn nicht nur Airline-Fans und –Betreiber zu Wort kommen lassen, sondern auch Fachleute, die etwas davon verstehen, was dieser Hub-Krieg gegen das Volk bedeutet? Gibt es an den Zürcher Unis nicht genügend Fachleute, die alles wissen über Lärmfolgen, Umweltschäden und Gesundheitsrisiken? Unseren von Ängsten geplagten Chefredaktoren und Ressortleitern fällt dazu gar nichts ein. Sie beschäftigen sich vorzugsweise mit Weltpolitik („Warum macht Merkel alles falsch, warum ist von May nicht viel zu erwarten?“) oder lassen vielfach esoterische Aussenseiter mit Themen zu Wort kommen, die kaum jemand lesen wird. Der „Tagi“ publiziert nur, was seine bei den Lesern erfolgreichsten Artikel sind, nicht die Pleiten.

Als Mediensprecher der Zürcher Stiftung gegen Fluglärm (www.stiftungfluglaerm.ch) bin ich natürlich Partei. Ich sehe mich als parteiisch für all jene, die nicht in der Lage sind, ihre Sorgen zu formulieren. Ich sehe mich als Partei für jene, die vom Zürcher „Hub plus“ (Quelle: Deutsche Lufthansa) morgens ab 06.02 Uhr aus dem Schlaf gerissen und oft bis 24.00 Uhr wach gehalten werden. Ich sehe mich als Partei für jene Menschen, die sich eine Wohnung gekauft oder ein Haus im Süden gebaut haben, und die jetzt von der Flughafendirektion in Kloten und der Deutschen Lufthansa, die sich in der Schweiz Swiss nennt, still enteignet werden. Der Wertverlust der vom Lärm betroffenen Immobilien beträgt jetzt schon 20% und wird mit den Südstarts noch viel grösser werden.

Über alles dies könnten die Zürcher Redaktionen schreiben, tun es aber nicht. Während das Westschweizer Fernsehen das Zürcher Lärmthema in der eigenen Tagesschau zum Thema macht, ziert man sich am Leutschenbach, wo man vorzugsweise volkstümlich sendet.

Kurzum, die Medienberichterstattung in Sachen Flughafenausbau in Kloten ist nicht nur ein Skandal, sie ist auch dumm. Man schreibt an den Lesern vorbei und beklagt gerne seinen eigenen Untergang.

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