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Monatsarchiv für Oktober 2016

Die neuen Herren tragen Farbe

Mittwoch, den 5. Oktober 2016 um 10:45

Kein Zweifel, mit dem nun als US-Präsident abtretenden Barack Obama wurde in den USA ein Zeichen gesetzt, dass die afro-amerikanische Minderheit mit ihrem Einzug in das Weisse Haus ihren Anspruch nach Spitzenpositionen in der Gesellschaft mit wachsendem Erfolg vertritt. In einer Generation werden, was bisher nur in südlichen Bundesstaaten der Fall ist, die weissen Amerikaner eine Minderheit sein. „Die Welt wird braun“, sagten  Sozialwissenschaftler schon vor dreissig Jahren. Wir sind Zeitzeugen dieses Wandels.

Wer hätte gedacht, dass nur 60 Jahre nach Sir Winston Churchill, der Gandhi bei einem seiner Besuche in Whitehall einen „nackten Fakir“ nannte, der Sohn eines pakistanischen Einwanderers, Sadiq Khan, Bürgermeister von London wird? Wer dessen Gesichtszüge genau betrachtet, entdeckt darin viel Europa. Nur familiäre Herkunft und Hautfarbe wirken distingierend. Khan verfolgt für London, das sich gegen den Brexit ausgesprochen hat, eine sehr vernünftige Politik der öffentlichen Ordnung und Wirtschaftsförderung. Die Tories lernen soeben, mit dem braunhäutigen Sozialdemokraten zu leben.

In der deutschen Hauptstadt Berlin zeichnet sich Ähnliches ab. Dort ist es Raed Saleh, Fraktionsvorsitzender der Sozialdemokraten im Berliner Stadtparlament, der gleich die ganze SP Berlin herausfordert. Saleh, der als Migrantenkind aus dem Westjordanland in Berlin-Spandau aufwuchs, sieht seine Partei in einer Existenzkrise. Er selber wurde in Spandau als Parlamentarier glänzend wiedergewählt. Schon heute bedauert er, dass sein Parteifreund Michael Müller als Regierender Bürgermeister von Berlin nicht sehr erfolgreich ist. Offensichtlich ist er auf dem gleichen Weg wie in London Sadiq Khan, auf dem Weg zur Macht.

Derlei Vorgänge verstören nicht nur Michel Houellebeq, den französischen Erfolgsautor, der in Paris die Moslems auf dem politischen Vormarsch sieht. Europa übersieht, dass sie in London und Berlin schon in den Machtzentren angekommen sind.

In der Schweiz hat der Durchmarsch von Asiaten und Afrikanern in die Politik ebenfalls begonnen, nur spielt er sich bisher vorwiegend in der Lokal- und Regionalpolitik ab. Es ist eine Frage der kurzen Zeit bis auch dies sich ändert.

Beirut boomt – Dresden lahmt

Dienstag, den 4. Oktober 2016 um 15:40

Wir werden überschüttet mit einseitigen Informationen. Während Monaten wurde bei uns die Angst geschürt, im Nahen Osten werde demnächst auch der Libanon zusammen brechen. Keine Spur davon ist vor Ort zu finden. Die klassische Handelsstadt der Phönizier, das einstige Paris des Nahen Ostens, boomt. Die nahen Kriege in Syrien und dem Irak beleben das Geschäft.

Während Jahren wurde uns auch mitgeteilt, die ostdeutsche Stadt Dresden, das einsteige Elbflorenz, sei die neue Boomtown im Osten. Am deutschen Nationalfeiertag war davon wenig zu spüren. Draussen demonstrierte das Volk, während die Elite mit der Bundeskanzlerin in der Semper Oper feierte. Es kamen auch keine 750 000 Gäste nach Dresden, sondern nur 450 000. Wer nicht demonstrieren wollte und sich trotzdem ärgerte, blieb zuhause.

Diese falschen Bilder sind es, die unseren Geist verwirren. Dazu einige Beispiele:

  • Peer Steinbrück, als deutscher Finanzminister seine Kavallerie in die Schweiz schicken wollte, ist vor einer Woche fast kläglich aus der deutschen Politik ausgeschieden. Zum Schluss gab der SP-Politiker seinen Genossen mit: „Die SPD wird nicht für ihre Leistungsbilanz gewählt, sondern weil sie die überzeugendere Geschichte erzählen kann.“ Würde dies stimmen, wäre dies der Bankrott aller Roten.
  • In Kloten erzählt Flughafen-CEO Stephan Widrig eine andere Geschichte: „Google wäre kaum nach Zürich gekommen, wenn es keine Direktverbindung nach San Francisco gäbe.“ Das mag sein, aber die andere Geschichte ist es, dass viele Schweizer gar nicht wissen, ob wir Google vor Ort wirklich brauchen. Zahlt die Firma Steuern? Wie viele Schweizer beschäftigt sie, wie viele Ausländer, die als „3rd. Country Nationals“ den Einheimischen die Wohnungen wegnehmen? Und was ist mit dem Fluglärm, der Umweltverschmutzung durch die Flüge und der Gefährdung der Gesundheit Hunderttausender rund um den Flughafen?
  • René Scheu lässt im NZZ-Feuilleton Michel Houllebecq feiern, der von seinem NZZ-Kollegen Martin Meyer im Rahmen der Schirrmacher-Stiftung ausgezeichnet wurde. Dies gibt dem NZZ-Kurzzeit-Chefredaktor Markus Spillmann in der tamedia-SonntagsZeitung die Chance, sich von derlei Falkenstrasse-Journalismus zu distanzieren. Er hat über Houellebecq eine andere Erzählung: „Alles geht den Bach runter, nichts ist mehr wie zuvor.“ Scheu doppelt am letzten Wochenende zum Luther-Jahr mit einer mehrseitigen Sloterdijk-Sonderausgabe nach. Der marschierte hinter dem augustinischen Schild und demontiert mit dessen Gnadenlehre jeden Versuch auf irdische oder andere Hoffnung. Welche Story gilt? Schon Heinrich Heine zweifelte: „Wären Reformierte ohne Orgel eine Religion?“
  • Stephan Russ-Mohl, gefördert von Rainer Stadler, Medienjournalist der NZZ, schlägt am 1. Oktober dem Fass den Boden aus und schreibt im Zürcher Edelblatt: „Es sieht inzwischen so aus, als würden in westlichen Gesellschaften Populisten wie Donald Trump, Frauke Petry oder Christoph Blocher den Putins und Erdogans dieser Welt nacheifern.“ Blocher, dem es bisher mit viel Glück gelungen ist, sich aus dem Dunstkreis solcher Politiker entfernt zu halten, wird daran keine Freude haben.

Sie sehen, meine lieben Leserinnen und Leser, wir alle sind Opfer von Geschichten. Wir leben in einem historischen Provisorium – neue Ufer zeichnen sich erst im Nebel ab.

 

 
     
     
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