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Tagesarchiv für 2. September 2016

NZZ-Feuilleton weckt den Affen in uns

Freitag, den 2. September 2016 um 16:40

Wie der erzliberale Meisterdenker René Scheu sich als neuer Leiter des NZZ-Feuilletons nach dem legendären Dr. Martin Meyer bewähren würde, liess vielerorts leichte Schauer über die Rücken rieseln. „Don’t touch it“, war die meistgehörte Empfehlung. „Ich brauche etwas Zeit“, so René Scheu selber bei einer seiner stürmischen Überquerungen des der Redaktion benachbarten Bellevue-Platzes in Zürich.

Jetzt sind seine ersten 100 Tage abgelaufen und bisher nicht gesehene Themen bereichern das Feuilleton des einstigen Weltblatts, das auf diesen Titel aus den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts bisher nicht verzichten wollte. Eher schamhaft verschweigt man heute die Eric Gujer vorangegangenen zwei Chefredaktoren: Hugo Bütler, der den Anspruch auf das Weltblatt verspielte, und Markus Spillmann, als vormaliger Marketing- und PR-Berater eine eklatante Fehlbesetzung

Wer, aus vielen Gründen, nicht mehr zum Feuilleton der seit Veit Dengler, CEO, verjüngten alten „Tante“ greifen will, macht einen grossen Fehler. Beispielhaft sei an dieser Stelle der ganzseitige Artikel „Der Primat in uns“ des Physikers und langjährigen Chefs von McKinsey in der Schweiz, Hans Widmer, genannt (NZZ vom 2. 9. 2016, S. 41). Darin gliedert er die Entwicklung des Menschen, sich auf Wilhelm von Humboldt berufend in drei Stufen:

  • Der unbewusste Primat (womit der Affe in uns gemeint ist, von der NZZ-Grafik als Gorilla dargestellt).
  • Der bewusst denkende Mensch mit Denkvermögen zur Erleichterung des Zusammenhalts und gesteigerten Lebensfreude.
  • Die Persönlichkeit, die ihr Dasein durchgestaltet, sich nicht bewegt, sondern von anderen umkreist wird.

Diese neue, historisch aufgebaute Dreieinigkeit ähnelt der französischen Gesellschaft vor der Revolution: Bauern, Bürger sowie König mit Klerus und Adel, letztere als Schmarotzer ihrer Gesellschaft, die dann auf der Guillotine landeten.

Diese Standesgesellschaft war noch von Gott legitimiert. Hans Widmer ersetzt ihn durch den Menschenaffen, besänftigt aber die ihn lesenden NZZ- „Persönlichkeiten“ mit der Aussage: „Das Hohe dieser dritten Stufe wird um nichts vermindert dadurch, dass es aus den unteren Stufen emporwächst.“ Wem dies nicht gefällt, wird zurechtgewiesen: „Was als Wirklichkeit erscheint, ist da und ohne Begründung hinzunehmen.“

Neo-Mystiker Hans Widmer, geleitet vom göttlichen Funken, ruft den Leser deshalb zuletzt auf: „Unsere tierische Natur ist nur das Rohmaterial, aus dem du das Göttliche formst. Du!“

Diesem Imperativ folgend, ahne ich, dass René Scheu Grosses vorhat, sei es mit sich oder der „Neue Zürcher Zeitung“ als Leitorgan „der Hohen dieser dritten Stufe“, die alleine imstande sind, aus unserer Affennatur das Göttliche zu schaffen.

 
     
     
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