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Tagesarchiv für 6. Juli 2016

Diese merkwürdige Erschöpfung

Mittwoch, den 6. Juli 2016 um 8:26

Zu jenen vielleicht zehntausend Menschen gehörend, die regelmässig den „Schweizer Monat“ zur Hand nehmen, freut mich im Juli das Gesicht von Hans Ulrich Gumbrecht auf dem Titel. Seinen Beitrag über die Zukunft der Freiheit sofort lesend, fällt mir darin sein intellektueller Schwebezustand auf, der Vergangenes scharf, Gegenwärtiges knapp und Zukünftiges nur verwischt ins Bild rückt.

Woran liegt es, dass wir Europäer es nicht wagen, unsere Zukunft genauer zum bezeichnen, jetzt, wo das englische Trio Cameron, Johnson und Farage sich als Charade der englischen Upperclass herausstellt, auf dem Näherungshorizont mehr „Chasper“ als Churchill? Wo EU-Präsident Jean-Claude Juncker mit Angela Merkel, der deutschen Kanzlerin, gleichsam in Baudelaires „Trunkenem Schiff“ dahin fahren und kein neuer Bismarck sie zur Ordnung ruft.

Der „Schweizer Monat“, eine Zeitschrift für liberale Intellektuelle, widmet dem dümmsten Kulturanlass der heuer die Schweiz heimsucht, der Zürcher „Manifesta“ gleich zwölf Seiten. Damit wurde diese schwankende Organisation wohl vor dem erwarteten Untergang gerettet. Noch ist Zürich reich und kann sich neben einer fast  Fr.7 Mio-Manifesta ein dreitägiges Stadtfest mit gleich drei Feuerwerken leisten. Mit der USR III werden Steuererhöhungen unausweichlich, zumal die beiden Grossbanken kaum Steuern bezahlen. Was die Stadt bieten will, ist Sommertheater für Touristen, wo Zürich gut abschneidet. Stadtpräsidentin Corinne Mauch ist sich nicht zu schade, auf einer noch verpackten Kindergitarre zu klimpern, den Kopf schräg zu legen und ein „Yeah, yeah!“ anzudeuten.

Der im „bypack“ gelieferte „Literarische Monat“ macht unter dem hoch talentierten Michael Wiederstein, dem demnächst der ganze „Monat“ redaktionell unterstellt sein wird, den wiederholten Versuch, aus entweder jungen oder unbedeutenden Literaten in der Schweiz mindestens Hoffnungsträger zu machen. Zum wiederholten Male taucht die Zürcher Barfrau Stefanie Sourlier auf, deren Schreibcocktail kaum gewürzt ist. Urs Mannhart sinniert im Biwaksack im Fôret de Fontainebleau. Heinz Helle, der 2015 „einmal Aufsehen erregt“ haben soll, darf formulieren: „Es gab schöne Reaktionen, die mich berührt haben, weil sie ein sehr genaues, tiefes Verständnis meines Textes zum Ausdruck brachten.“ Welche Tante von Helle war dies? Derlei Schriftsteller produzieren eine Literatur, die ich als nicht mehr konkurrenzfähig betrachte. Weder die Schweiz noch die Welt werden uns durch derlei letzte Geistesblitze aus dem Dunkel näher gebracht.

Wenn der Philosoph Marc Atallah, dem Brillianz des Denkens nicht abgestritten werden soll, über Science Fiction-Autoren interviewt wird und Stanislaw Lem nicht einmal erwähnt wird, verliert auch der Rest an Bedeutung. Ich habe sogar den Verdacht, als könne gerade Lem ein Kronzeuge gegen die Atallah-These sein, bei Science Fiction gehe es „nicht um die Zukunft“, sondern „den Menschen in seiner Gegenwart.“

Diese lockere Unverbindlichkeit des „Monat“, dem in kurzer Zeit gleich zwei Chefredaktoren abhandengekommen sind,  soll künftig im Schweizer Wirtschaftsmagazin „Bilanz“ nicht mehr vorkommen. Aus dem „bi-weekly“ wird im Herbst wieder ein Monatsmagazin, wie es einst von Beat Curti und Andreas Zgraggen angedacht war. Die aktuelle  Juli-Ausgabe ist von einer inhaltlichen Pechsträhne überschattet: Der Tesla, so heisst es, „treibt die grossen Autohersteller vor sich her.“ Der Kreuzungsunfall in den USA hat uns alle eines besseren belehrt. In England, denn wer will heute noch Grossbritannien sagen, soll gemäss „Bilanz“ Boris Johnson ein ganz besonders wichtiger Mann sein. Jetzt, wo der englische Mini-Trump von seiner eigenen Partei relegiert wurde, muss er, ganz ohne Job, erst einmal seine Wunden lecken. Mit der Titelzeile „Wer rettet die CS?“, vom Hausgrafiker derart gestaltet, dass der politische Schweizer darin zuerst „Wer rettet die CSP? sieht, stellt die „Bilanz“ immerhin eine gute Frage. Wer für CHF 9,80 eine Antwort erwartet, kauft sich besser einen Lottoschein.

Melancholie allerorten. Die ersten heissen Tage sind da. Gehen wir schwimmen, das hilft sicher.

 

 
     
     
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