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Stiller Auszug eines Revolutionärs

24. Dezember 2015 um 9:43

Als er nach zehn Jahren Gefängnis in Sibirien in der Schweiz landete, nahm er Sitz im stillen Rapperswil. Von dessen Seerücken aus organisierte er zusammen mit seinem Sohn die Revolution in Russland. Hundert Jahre nach Lenin wollte Chodorkowski wiederholen, was seinem marxistischen Vorläufer gelang, die russische Regierung zu stürzen. Die Zarenfamilie überlebte den Angriff Lenins nicht, Chodorkowski rief am 9. Dezember die neue Revolution in Russland aus. Wladimir Putin, uneingeschränkter Herrscher im Moskauer Kreml, sitzt noch auf seinen vergoldeten Sesseln.

Lenins Schreibtisch, an welchem er „Die Fackel“ und „Was tun?“ formulierte, steht noch immer in Zürich. Was Chodorkowski uns hinterlassen hat, ist noch unbekannt. Vielen war nicht ganz wohl, dass der wohlgelittene Asylant, nicht weit entfernt von der Rapperswiler Burg, die den polnischen Revolutionären gegen die Russen Heimat bietet, sein wenig koscheres Tun entfaltete. Vielleicht war es ein diskreter Hinweis aus Bern, der ihn veranlasste, die Eidgenossenschaft zu verlassen, um in London Sitz zu nehmen.

Die Schweiz ist kein sicherer Aufenthaltsort mehr für Menschen, deren Tun und Planen nicht mehr den Richtlinien der Aufsichtsbehörden entspricht. Während die lateinamerikanischen FIFA-Topfunktionäre im Zürcher Hotel Baur au Lac vor dem Frühstück abgefangen wurden, liess man Chodorkowski, von dessen Tun und Planen niemand etwas wissen wollte, durch die Netze der Geheimdienste schlüpfen. Immerhin ist er ein Freund des Westens, der die USA darin unterstützt, das ungute Tun Putins vorzeitig zu beenden.

Die Cameron’sche Regierung, einer englischen Tradition folgend, ist grosszügiger als die schweizerische in Fragen revolutionärer Tätigkeit. Die Schweiz hatte immer den Ruf, politische Flüchtlinge aufzunehmen, aber die Engländer waren es, die es wirklich dauerhaft getan haben. Auch die französischen Präsidenten von de Gaulle bis Mitterrand waren bekannt dafür, afrikanischen Revolutionären oder solchen aus Asien Asyl zu bieten. Nicht immer ging dies für den Westen gut es, denn der Pariser Küchengehilfe Ho Tschi Minh führte in Indochina/Vietnam den Aufstand gegen Franzosen und US-Amerikaner an. Ajatollah Khomenei, unweit von Paris wohnend, flog dann nach Teheran, um dort Schah Pahlevi samt Familie zum stürzen.

Am Standort Genf, der internationalsten Schweizer Stadt, gab es immer wieder Gruppen und Grüppchen aus aller Welt, die den Regierungen ihrer Heimatstaaten schlecht gesinnt waren. Benito Mussolini erhielt von der Universität Lausanne den Ehrendoktor. In der Deutschen Schweiz, und vor allem in der Ostschweiz, war man vorsichtiger. Wer auffiel, wurde rasch aus dem Lande expediert.

Nun ist Chodorkowski wieder weg; wahrscheinlich ist es besser so.

Ein Kommentar zu “Stiller Auszug eines Revolutionärs”

  1. Harry R. Wilkens

    Und währenddessen sitzt seit 15. April der 2010 in der Schweiz anerkannte politische kurdische Flüchtling Mehmet Yesilçali immer noch in Auslieferungshaft in Friibourg, auf Wunsch des Vierten Reichs.
    Vielleicht landet er letzten Endes in der Türkei, vielleicht wird er vorher „geselbstmordet“ – eine Spezialität des BND.

    Schweizer Neutralität? Welche Neutralität? Noch nicht mal die WELTWOCHE glaubt daran!

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