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Monatsarchiv für Oktober 2015

„Begrabt mich nicht“

Donnerstag, den 29. Oktober 2015 um 10:09

Wenn mich irgendein Satz in diesen kriegerischen Tagen erschüttert hat, dann der des sechsjährigen Jungen, den die Rettungsmannschaften in Syrien aus einem zerschossenen Haus zogen: „Begrabt mich nicht.“ flehte er, dessen ganze Familie tot war, die Rettungsmannschaften an.

Welcher Lebenswille in diesem kleinen Körper, der schlimm zerfetzt war! Es ist der gleiche Lebenswille, der die flüchtenden Iraker, Syrer, Afghanen und Afrikaner nach Europa treibt. Es sind meist die besten und kräftigsten Männer mit ihren Familien, die keine Zukunft mehr im eigenen Land sehen. Ihr stiller Schrei heisst „Begrabt uns nicht.“ Sie wollen leben.

Wenn viele Deutsche und andere Europäer an dieser Stelle sagen: „Wir haben schon einmal, nach dem Zweiten Weltkrieg, solche Flüchtlingswellen erlebt. Zwölf Millionen Ostdeutsche, die in Westdeutschland aufgenommen wurden“, dann gerät gerne in Vergessenheit, dass es sich dabei mehrheitlich um Menschen handelte, die aus dem gleichen oder mindestens ähnlichen Sprach- und Kulturkreis stammten. Man sprach deutsch und war ein Christ.

Diese Menschen zu integrieren, fiel schon vor siebzig Jahren schwer. Ich habe als junger Mann die Turnhallen besucht, in welche Familien oft Jahre zwischen Zeltplanen leben mussten. Aber sie konnten Deutsch und die meisten wollten auch arbeiten.

Wer jetzt nach Westeuropa will, denn nach Osteuropa will keiner, ist zumeist Moslem, aufgewachsen in einer vorzivilisatorischen Kultur, die mit unserer modern-urbanen Kultur wenig gemein hat. Diese Familien, von denen kaum eine Deutsch oder eine andere europäische Sprache spricht, kennen weder unsere Sitten noch haben sie grosse Lust, nach diesen zu leben. Sie kennen unsere Arbeitswelt nicht, haben meist auch keine nennenswerte Ausbildung.

Natürlich gibt es den berühmten syrischen Arzt, der ebenso gut wie die unsrigen ist, aber es dauert Jahre bis er in unserer überhitzten, von Geschwindigkeit geprägten Spitalstruktur heimisch werden wird. Soll er als Hausarzt in die Provinz gehen? Dort leben gerade jene Einheimischen für die jeder Fremde, auch der aus dem eigenen Land, des Teufels ist.

„Begrabt mich nicht“, der Lebenswille des kleinen Jungen sagt aber noch etwas ganz anderes, eine Botschaft, die wir nicht überhören sollten: „Wir in den jungen Völkern des Ostens und des Südens, wir haben diesen unbedingten Lebenswillen, den ihr im reichen Norden nicht mehr habt. Wir wollen arbeiten und kämpfen und uns einsetzen. Was habt Ihr? Wohlstand, Reichtum, aber keine Kinder mehr.“ Und unsere Alten, unsere Schwächsten, sie gehen zu Firmen, die Selbsttötungsmaschinen für sie bereithalten.

„Begrabt mich nicht“, heisst auch, lasst mich lernen, arbeiten, etwas leisten. Ich sehe viele Menschen jeglichen Alters in Westeuropa, welche diesen Willen nicht mehr haben. Sie sagen nicht „Begrabt mich nicht“, sondern „Lasst mich in Ruhe“. Das ist schon das halbe Begräbnis.

Wir Europäer sind alt geworden, zu Sonderleistungen kaum noch abrufbar. Es riecht nach Alterstod in Europa. Einst waren es die jungen Schweizer, die als Edelsoldaten in ganz Europa die Ritter und Soldaten verprügelten. Einst waren es die jungen Freisinnigen, welche die reiche Schweiz der Neuzeit aufbauten. Heute sind sie alt geworden und verteidigen ihren Wohlstand.

Der Schrei des Kindes wird mich noch lange begleiten. Er soll auch in Ihnen etwas auslösen.

Wollen wir wirklich die Moslems bei uns?

Montag, den 26. Oktober 2015 um 10:46

Ein fast 90jähriger Schweizer Unternehmer, der viele Jahre in Ägypten und den Ländern des Nahen Ostens verbrachte, wohin er Schweizer Maschinen verkaufte, schrieb mir: „Nur mein hohes Alter rechtfertigt mein Schweigen in der Öffentlichkeit. Erst nach meinem Tod wird es die geballte Macht moslemischer Protagonisten zu spüren bekommen.“

Am letzten Sonntag hörte ich in der Zürcher Liebfrauenkirche, der ältesten katholischen Kirche Zürichs, sie wurde von einem Mönch des Klosters Einsiedeln herrlich gestaltet, einem 79jährigen Jesuiten zu, ursprünglich Ägypter, der in fliessendem Deutsch zur Lage im Nahen Osten vortrug: „Unsere Christen in Syrien werden verjagt, für den Islam missioniert oder getötet. Die US-Amerikaner sind so dumm, den Alewiten Assad zu bekämpfen.“

Mein Glaube an die klugen Moslems beginnt zu wanken. Hatten sie wirklich zwei Renaissancen, jene im 8.-11. Jahrhundert in Andalusien und im 19. Jahrhundert in Europa? Waren sie es wirklich, die uns das Wissen der alten Griechen übermittelten oder waren es syrische Christen, welche die alten Schriften aus dem Griechischen in das Arabische übersetzten? Sagte nicht einmal Tayyib Erdogan als junger Politiker zu den Europäern: „Wir werden Euch mit der Zahl unserer Kinder besiegen.“

Mit Moslems kann man noch weniger frei sprechen als mit konservativen Juden. Beide leben in sehr engen geistigen Gefängnissen. Während die liberalen Juden in Wirtschaft, Finanzen und Politik eine Weltmacht geworden sind, würden die Moslems in arabischen Staaten ohne Öl wieder in Hütten leben müssen.

Wir Schweizer, Mitbürger Europas und der Aufklärung, stehen dem fassungslos gegenüber. Unsere liberale Tradition und unser Staatsverständnis verpflichten uns zu helfender Mitwirkung. Wie wenig dies allerdings bringt, zeigt das Beispiel des Kosovo, ein völlig zerstörter Staat („failed country“, wie die Amerikaner gerne sagen),ein Abenteuer, in welches uns alt Bundesrätin Ruth Dreifuss geritten hat. Gut, die Rohstoffe des Kosovo werden in Israel dringend benötigt; das erklärt viel.

Angesichts der externen Wirren sollten wir wenigstens unser Land in Ordnung halten; aber wir sind weit davon entfernt. Bundesrat Didier Burkhalter will uns zusammen mit Staatssekretär Yves Rossier dem Europäischen Gerichtshof unterstellen lassen, womit die Freiheit der Schweiz am Ende wäre. Fremde Richter. Gottseidank war es ein anderer Schweizer, Prof. Dr. Carl Baudenbacher, Präsident des EFTA-Gerichtshofes, ein weltweit renommierter Starjurist, der diesem Plan Widerstand leistete. Der demnächst zu wählende neue Bundesrat wird das Dossier unter Leitung von Staatssekretär de Watteville bereinigen müssen.

Die Zahl der Arbeitslosen in unserem Land nimmt rasch zu, vor allem auch bei der Jugend. Von Wirtschaftsminister Johannes Schneider-Ammann, FDP, der sein Gesicht schon lange verloren hat, ist keine Hilfe zu erwarten. Wenn wir uns damit trösten, dass es auch den tüchtigen Deutschen schlechter als uns geht, sollten wir nicht übersehen, dass deren Lebensstandard bei den uns benachbarten Schwaben und Bayern ebenso hoch ist wie bei uns.

Wir sind im Begriff, in der Schweiz ein Prekariat heranzuziehen, das vom Mittelstand der B-Schweiz bezahlt wird. Wenn ein mit einer Schweizerin verheirateter Afrikaner während mehr als zehn Jahren Sozialleistungen von über 500 000 Franken beziehen kann, ohne je gearbeitet zu haben, läuft etwas falsch bei uns.

Es ist an der Zeit, das „laissez faire“ in unserer Politik und den Verwaltungen zu beenden.

Eine Legende bricht zusammen

Freitag, den 23. Oktober 2015 um 14:00

Die Legende von den starken Marken der Schweizer Wirtschaft bricht zusammen. Wie man aus Werbeseiten erfährt, ist die stärkste Marke in der Schweiz Google, gefolgt voon Lego (Dänemark) auf Platz 4 und Toblerone (USA) auf Platz 5. Auf den Plätzen 2 und 3 liegen der Handelskonzern Migros und die Rettungsflugwacht Rega, gefolgt vom Schweizerischen Roten Kreuz.

Wikipedia (USA) folgt auf Platz 7;Victorinox, Die Post und Rivella belegen die Plätze 8-10.Weder Lindt noch der Zirkus Knie haben es in die Spitzengruppe geschafft. Coop und Volg sind abgeschlagen.

Daran zeigt sich der Niedergang der führenden Schweizer Marken gemessen am Aufstieg der Weltmarken. Es ist nur eine Frage der Zeit bis weitere Schweizer Marken verschwinden, um von Weltmarken aus den USA, Mexiko, Südkorea und China abgelöst zu werden.

Die grosse Atemlosigkeit

Dienstag, den 20. Oktober 2015 um 17:12

Noch sind wir inmitten der Wahlen. Der Nationalrat ist leicht nach rechts gerutscht, daran sind die Grünen und Grünliberalen, ein wenig auch die BDP von Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf selber schuld. Sie haben die letzten vier Jahre kaum genutzt, um stabile Strukturen aufzubauen. Dies wird zur Folge haben, dass soziale Verbesserungen (AHV, IV) aus den Traktanden fallen und der Weg nach Brüssel zügig unter die Beine genommen wird. Die Flugspesen der Chefbeamten nach Brüssel werden steigen.

SVP-Präsident Christophe Darbellay darf ebenso als gescheitert gelten wie Bundesrätin Doris Leuthard, deren grüne Energievision zu einer politischen Halluzination geworden ist. Der Energiepolitikerin kommt das politische Fundament abhanden. Mehr denn je wird es notwendig werden, die SRG oder Teile davon zu privatisieren. Der Medienministerin Doris Leuthard wird dies nicht gefallen, aber die Zeichen der Zeit gehen in diese Richtung.

Christoph Mörgeli, wohl von Panik befallen, hat sich selber gestürzt. Das Zürcher SVP-Volk verweigerte ihm die Gefolgschaft und entschied sich, wie andere Bürgerliche auch, für den SVP-Jungstar Roger Köppel. Dieser, von messianischer Begeisterung angetrieben, die Schweiz vor allem Bösen zu retten, ein Savonarola aus der Zürcher Goldküstengemeinde Küsnacht, ist zum Schrecken aller Linken und Halblinken geworden. Sein Kampfblatt, „Die Weltwoche“, hat nun die Chance, mehr denn je beachtet zu werden.

Tim Guldimann, ein älterer Salonlöwe mit SP-Innenfutter, als Schweizer Botschafter in Berlin residierend, mit mehreren Wohnungen und Häusern in Deutschland wie in der Schweiz, wird künftig auf Steuerzahlers Kosten zu den Sitzungen im Nationalrat anfliegen und den Fluglärm rund um Kloten noch vermehren, dies als sozialen Fortschritt deklarierend.

Magdalena Martullo-Blocher, die politisch begabte Tochter von Dr. Christoph Blocher, wird es als SVP-Nationalrätin in Bern schwer haben. Sie, die nie Widerspruch duldet, muss nun anderen zuhören; ich sehe sie schon als Fraktionschefin die Peitsche schwingen.

…und Marcel Dobler, der 35jährige IT-Wunderknabe aus Rapperswil-Jona, der im Sturmlauf das St. Galler Polit-Establishment in Angst und Schrecken versetzte, als er sich vom St. Galler Stimmvolk für die FDP in den Nationalrat wählen liess. Die St. Galler Politiker, sonst eher der Trägheit verfallen, glaubten sich sicher, auch ohne grossen geistigen wie materiellen Aufwand wieder gewählt zu werden. Gerade am Beispiel dieses seit langem stagnierenden Kantons wird deutlich wie dünn die Säulen sind, auf denen unser politisches System ruht.

Gleichzeitig werden Arbeitsplätze wie nie abgebaut; sogar Peter Spuhler, der Züge und Trams herstellt, muss nun mit Teilen der Produktion ins Ausland ausweichen. Die Schweiz ist definitiv zu teuer geworden, weshalb der Export, auch bei den Uhren, unter die Räder kommt.

Die Einkommen und Renten vieler schmelzen dahin, denn die Lebenshaltungskosten steigen überdurchschnittlich. Schweizer Politiker sind deshalb nicht unglücklich, wenn Familien im nahen Ausland einkaufen; gerade Bezüger von niedrigen Salären können ihren Lebensstandard damit einigermassen erhalten. In Kantonen und Gemeinden steigen die Zuschüsse für Krankenkassen, Mieten und andere Sozialleistungen rascher als früher. Der fleissige Mittelstand zahlt.

Die daraus resultierende grosse Atemlosigkeit wird angeheizt durch die Angst vor Flüchtlingen aus aller Welt, die in grossen Menschenströmen nach Europa ziehen. Wer die Schweiz durchqueren will, zahlt pro Kopf über 8 000.— Franken. Die Schlepper, nicht nur aus der Türkei, Libyen oder dem Kosovo, werden zu Millionären.

Wer seine Ruhe haben will und die meditative Stille vorzieht, muss auf technische Hilfsmittel, wie sie heute üblich sind, mindestens auf Zeit verzichten. Radio und Fernsehen vermitteln häufig tiefere Einblicke, aber es ist schwierig, immer die besten Sendungen zu finden.

So taumeln wir, von Medien beschossen, durch die Gegenwart. Was stimmt, was nicht? Der Eindruck verstärkt sich: Viele kommen nicht mehr mit. Es entstehen grosse Tabuzonen, Themen, die man nur noch einseitig behandeln darf. Dazu melde ich mich demnächst.

Ringier schickt Journalisten in die Wüste

Montag, den 12. Oktober 2015 um 13:42

Ringier schickt Journalisten in die Wüste

An der Stadt Lenzburg fahre ich seit vierzig Jahren meist vorbei, denn dort ist wirklich nichts los. Die Burg eignet sich für gesellschaftliche Ritualveranstaltungen, der alte Buchhändler am nördlichen Stadtrand hat auch aufgegeben, die Beizen sind wie überall – eher trostlos, woran auch die weissen Tischdecken nichts ändern.

Nun ist der Schweizer Grossverleger Ringier auf die Idee gekommen, man könne über 400 hauseigene Journalisten in diese grüne Wüste verlegen. Wo einst Hero seine Marmeladen produzierte, könne man auch angezuckerte Artikel und Kommentare schreiben. Da Boden und Immobilien in Lenzburg günstig zu haben sind, wäre die Produktion solcher verlegerischer Zuckerware auch günstiger.

Journalisten leben vom menschlichen Direktkontakt, wenn sie sich nicht darauf beschränken wollen, ihre Artikel via Internet-Recherche aus anderen Artikeln zusammen zu schneiden. Jetzt frage ich mich, wen sie in Lenzburg im Adler oder im Hirschen treffen, der ihnen sagt, wie es Glencore geht oder der UBS? Vielleicht verirrt sich ein aargauischer Autohändler oder LKW-Transporteur nach Lenzburg, aber die Wirtschafts- und Finanzelite sieht man eher im Zürcher Stadtzentrum.

Bei der „Schweizer Illustrierte“ und der „Glückspost“, die ohnehin meist Träume verkaufen, mag dies angehen, aber wie die Medienpostille „Bilanz“ oder die von der Aktualität abhängige „Schweizer Handelszeitung“ den Informationsanschluss halten wollen, ist mir rätselhaft.

Gut, Ringier ist nicht alleine an derlei schuld, der Schweizer Axel Springer Verlag, der mit im gleichen Boot sitzt, fährt die gleiche Kostensenkungs-Strategie. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wirklich gute Journalisten, von Starjournalisten gar nicht zu sprechen, in der Lenzburger Wüste glücklich werden. Eine rasche Flucht nach Zürich? Bei den üblichen Staus am Gubrist wird dies kaum möglich sein.

Vordergründig bedeutet dies eine Abwertung des Journalismus, wie es auch die „Basler Zeitung“ kurz vor ihrem Zusammenbruch und vor der Übernahme durch das neue Markus Somm-Team erleben musste. Die Familie Hagemann verlegte aus den gleichen Kostengründen die Redaktion in das Basler Industriequartier, was sich als grosse Dummheit herausstellte und einen erneuten Umzug in die Basler Innenstadt erzwang.

Der Verlagsverbund Ringier/Springer hat sich auf Lenzburg noch nicht festgelegt. Es darf auch eine andere Aargauer Gemeinde sein. Immerhin kommt die Schweizer Verlegerfamilie aus Zofingen, wo zeitloses Dämmern ohnehin zur Regel geworden ist.

Warum reagieren alte Menschen so wenig?

Montag, den 12. Oktober 2015 um 13:40

Warum reagieren alte Menschen so wenig?

Junge Menschen bis zu einem Alter von vierzig Jahren regen sich gerne auf, geben Stellungnahmen ab, schreiben Leserbriefe. Für sie ist dies eine Form der Aktivität, wo sie sich zu erkennen geben. Sie meinen, sie hätten etwas zu sagen. Ganz anders Menschen über 50 Jahre: Sie reagieren wenig, z.B. auf diesen Blog, sie machen vielleicht die Faust im Sack, aber dann vergessen sie es wieder.

Es gilt, was der einst berühmte Schweizer Politiker Ulrich Bremi einmal sagte: „Jedes Wort ist eine Fehlerquelle.“ Die meisten Menschen wagen es nicht mehr, eine eigene Meinung zu formulieren; sie blicken angstvoll nach links und rechts, um erst einmal festzustellen, wohin die Herde rennt. Dann rennen sie fröhlich hinterher, andere mit sich reissend.

Viele haben auch keine Hoffnung mehr, sie könnten mit ihrem Beitrag etwas verändern. Warum soll ich etwas sagen, wenn ohnehin niemand zuhört? So ist es zu vernehmen, sitzt man in einer Kaffeerunde. Wer es nicht gelernt hat, wie man im Internet seine Meinung einbringt oder seiner Lokalzeitung in zehn Zeilen mitteilen kann, dass ein bestimmter Beitrag einfach falsch sei, der gibt den Gedanken an eine eigene Stellungnahme sofort wieder auf.

Alte Menschen haben zu viel gesehen und gehört, um noch den Glauben zu haben, sie könnten die Welt verändern, geschweige denn die Politik in ihrer Gemeinde. Ihr Leben ist von vielerlei kleinen Demütigungen gekennzeichnet, die sie müde werden liessen. Es genügen ihnen das kleine Glück, die Enkel, die Katze, der Hund, die alte Freundin aus der Primar- oder der Handelsschule.

Natürlich gibt es Ausnahmen, jene maximal zehn Prozent von Menschen, die sich gerne zu Wort melden, in Versammlungen eine Meinung äussern, öffentlich auftreten und auch die TV-Bildschirme nicht meiden. Sie haben eine Stufe erreicht, wo man sie, oben angelangt, oft Meinungsführer nennt. Diesen zu widersprechen, wagt schon gar niemand mehr, ist damit doch die Angst verbunden, mit seiner Wortmeldung nicht ernstgenommen zu werden.

Die schweigenden Alten sind ein wachsender Faktor unserer alternden Gesellschaft. Blicken wir in die Schweizer Medien, sehen wir dort jeden Tag ausländische Fachleute, welche die nicht selten abstrusesten Thesen veröffentlichen dürfen. Das ist globaler Meinungsabfall, der von unseren Verlagshäusern schon aus Kostengründen gerne vermarktet wird.

Noch viel schlimmer und für unsere gesellschaftliche Entwicklung gefährlicher ist die zunehmende Schreibunfähigkeit unserer jungen Generationen. Mir begegnen laufend 30-40jährige, die keinen geraden Satz mehr formulieren können. Sie sind mit Computer und Internet aufgewachsen, drücken sich mit Twitter und anderen Schnelldiensten aus. Ihnen fehlt die Grammatik, eine elegante Ausdrucksweise, die vor einer Generation noch die Regel war. Man ist geneigt anzunehmen, es fehle ihnen nicht nur an Ausdrucks-, sondern sogar an Denkvermögen.

Wer den halben Tag am Tisch sitzt und Kreuzworträtsel löst, um die dann verbleibende Tageshälfte am TV-Gerät Krimis und heillos dumme TV-Serien zu sehen, sollte lieber 30-60 Minuten ein kluges Buch lesen, was für Ungeübte eine Anstrengung sein kann, oder einen Brief schreiben, vielleicht sogar gegen den Inhalt dieses Meinungsblogs protestieren.

Ich warte.

 

Warum ist die Schweiz ein Verlierer

Freitag, den 2. Oktober 2015 um 14:35

Warum ist die Schweiz ein Verlierer?

Wir sind das teuerste Land der Erde und auch das Land mit den besten Voraussetzungen für die freie Entfaltung der Unternehmen. Unsere Bundesbeamten verdienen, einschl. Putzfrauen, im Jahr durchschnittlich 127 000.— Franken. Der Präsident einer mittelgrossen Stadt, wie Baden oder Romanshorn es sind, verdient rasch einmal über 200 000 Franken im Jahr. Kann es sein, dass etwas nicht stimmt bei uns?

Wir haben in Sachen Bankgeheimnis nach knapp hundert Jahren die Schlacht gegen amerikanische und deutsche Justizbehörden verloren. Die besten eigenen und US-amerikanischen Anwälte konnten diese Jahrhundertniederlage nicht verhindern. „We are doing our best“, war nach Millionenhonoraren die wenig befriedigende Antwort der Anwälte für den Finanzplatz.

EDA-Chef Didier Burkhalter wollte die Schweiz dem Europäischen Gerichtshof unterstellen lassen, was in Bern wenig Beifall fand. Fremde Richter im eigenen Haus? Staatssekretär Yves Rossier, aus dessen Stall dieser Vorschlag stammte, wurde zurückgebunden. Seine Karriere hat seither einen deutlichen Rückschlag erlitten. Indirekter Sieger war ein anderer Schweizer: Prof. Dr. Carl Baudenbacher, Präsident des EFTA-Gerichtshofes in Luxemburg, der vor einer solchen Lösung stets gewarnt hat. Der politisch-juristische Ausverkauf der Schweiz konnte im letzten Augenblick noch gestoppt werden.

In Verkehrsfragen verhandelt die Schweiz gegen deutsche und italienische Interessen wie ein Primarschüler gegen Hochschulprofessoren. Nicht nur nehmen wir es hin, dass der Flughafen Zürich-Kloten vor allem von deutschen Fluggesellschaften benutzt wird, sondern wir tragen es auch mit Fassung, dass Kloten zu einem Heimatflughafen der Süddeutschen Bevölkerung geworden ist. Fracht aus Württemberg und Bayern fliegt über Kloten in alle Welt. Während die Deutschen die Ruhe über ihren Schwarzwaldtannen für maximal 5000 Einwohner eisern verteidigen, leiden bei uns 300 000 Menschen unter Fluglärm und giftigen Kerosin-Abfällen, die unsere Wohngebiete wie Erholungslandschaften verdrecken.

Weil wir in der Luft schlecht verhandeln, muss dies auch für die Schiene gelten. Wir finanzieren den Deutschen im Norden der Schweiz an der Grenze auf Schweizer Boden eine Bahnlinie Ost-West und weil die Italiener kein Geld haben, finanzieren wir im Süden deren Bahnstrecke, die den Anschluss in die Schweiz sicherstellen soll. Wieso sind wir nie die Gewinner in solchen bilateralen Verhandlungen?

Schuld ist der Kompromiss. Von früher Kindheit an wird jeder Schweizer im Sinne einer liberalen Kompromiss-Haltung erzogen. Später, in den Gemeinden, Kantonen und im Bund heisst es immer: „Nicht streiten, wir suchen den Kompromiss.“ Damit kommt man im Ausland nicht weit. Wer gegen ausländische Spitzendiplomaten in Verhandlungen gewinnen will, braucht eine grosse Hutnummer. Dort will man nicht den Kompromiss, sondern den Sieg.

Wie die Mitte dort ist, wo nichts ist, wie bald auch der Wahltag am 18. Oktober zeigen wird, ist der Kompromiss nach Meinung von Margret Thatcher, die von älteren Schweizern immer noch hoch verehrt wird, wie folgt zu verstehen: „To me, consensus seems to be the process if abandoning all beliefs, principles, values and policies. It is something in which no one believes and to which no one objects.“ So ist es, der Kompromiss ist für uns oft die schlechteste Lösung, vor allem bei internationalen Verhandlungen.

Der Kompromiss hält unser Land zusammen und hat viele wohlhabend und reich gemacht. Unsere Politiker, seien sie von links oder rechts, sind Kompromisspolitiker auf Lebenszeit. Macht einer nicht mit, wie Peter Bodenmann und Christoph Blocher dies tun, gelten sie sofort als bunte Vögel.

Erstmals habe ich im Vorfeld der Herbstwahlen, die vor der Tür stehen, neue Kandidaten erlebt, die nicht den Kompromiss wollen. Einer von ihnen ist der 35jährige Marcel Dobler aus Rapperswil-Kemprathen, der für die St. Galler FDP in die Hosen gestiegen ist. Dobler, Gründer der Digitec AG, will in Bern etwas erreichen, den Beamtenapparat abbauen, die Lasten für KMU- und Gewerbebetriebe verringern und weniger Ausländer hereinlassen.

Die junge Generation wird ungeduldig. Sie sieht sich im Alter gefährdet und lehnt daher unnötige Kompromisse ab.

 

 
     
     
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