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Tagesarchiv für 4. August 2014

Der Wolf vor meiner Haustür.

Montag, den 4. August 2014 um 9:00

Seit Monaten treibt sich ein Wolf vor meiner Haustür herum. Nein, nicht in Zollikon, sondern in Unterbäch im Oberwallis, dem Rütli der Schweizer Frau. Er hat ein gutes Dutzend Schafe eines meiner Freunde aus dem Dorf gerissen, der viele Jahre Bäcker war, jetzt aber als „Schafnol“ über mir auf der Alp wohnt.

Natürlich habe ich keine Angst, aber ich schliesse abends Türen und Fenster fester als früher zu. Die Spuren im späten Schnee habe ich genauer als früher darauf hin geprüft, ob sie vom Wolf stammen können. Fotografiert wurde er zuletzt nur 400 Meter entfernt von meinen Gartenrosen.

Die Wallier Schafbauern haben rhetorisch keine Chance gegen ihre kantonalen und die Bundesbehörden. Dort sitzen elegante Chefbeamte, die im Ernstfall einige hundert Franken über den Tisch winken, damit der „Schafnol“ Ruhe gibt.

Dem Walliser fehlt es an urbaner Eleganz und Stehvermögen, was er natürlich nicht glauben will. Nahe bei der kantonalen Hauptstadt Sitten lebt eine unverdächtige langjährige Freundin des Wallis, Albina de Boisrouvray, ursprünglich Französin, aber in Wirklichkeit eine jener Weltbürgerinnen, die sich gerne im Schweizer Südkanton niederlassen. Sie ist die Enkelin eines bolivianischen Industriellen und hat mit ihrer Stiftung FXB Millionen Menschen geholfen, der Armut zu entkommen. Sie wurde vielfach dafür ausgezeichnet.

Vom Wallis sagt sie, es fehle ihm an einer modernen, lebhaften („buzzy“) Kultur. Kinos und Theater seien kaum zu finden. Die kurvenreichen Strassen aus dem Rhônetal in die Seitentäler hinauf seien nicht mehr zeitgemäss. Oft, sagt sie, sei das Gelände überbaut, jetzt auch immer mehr mit Stromleitungen, die eigentlich unter die Erde gehören.

Die Walliser hören derlei nicht gerne. Sie verbarrikadieren sich hinter ihren Savoyardischen und Oberwalliser Dialekten und lassen nicht gerne an ihren „granitharten Grinden“ rütteln. Deshalb können sich die Schafzüchter nicht verständlich machen, die Angst haben um ihre Tiere. Deshalb heisst der neue Slogan des Kantons „Wallis – ins Herz gemeiselt“, was keinen Touristen interessiert.

Die Welt verändert sich mit grosser Geschwindigkeit in eine Moderne, die von vielen Wallisern als störend empfunden wird. Das macht sie arm und abhängig von den reichen Kantonen, die den Wolf schützen, die gut 300 000 Walliser Kantonsbürger mit einer guten halben Milliarde Franken im Jahr subventionieren und damit auf Distanz halten. Wer Geld von Dritten erhält, ist nicht mehr Herr seiner Heimat.

 

 
     
     
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