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Tagesarchiv für 5. Februar 2014

Der Kauf von NZZ-Aktien ist verfrüht

Mittwoch, den 5. Februar 2014 um 11:48

Veit Dengler, der neue CEO der NZZ-Gruppe, gibt in ganz Europa Interviews zu seinen Plänen ganz so, als sei er eine Schweizer Variante von Mathias Döpfner. Der neoliberale Jungstar gibt strahlend bekannt, er wolle CHF 10 Mio. investieren, vor allem in Österreich, wo viele Leser auf die mediale Erleuchtung von der Limmathauptstadt warten würden. Das erinnert an die unerfüllten Appelle ausgewählter Basler, die NZZ möge eine Basler Redaktion aufbauen, um der „Basler Zeitung“ zu entkommen.

Im Unterschied zum Standort Basel, wo Chefredaktor Markus Somm eine bemerkenswert gute Leistung erbringt, verfügt ganz Österreich nicht mehr über eine qualitativ hochstehende Zeitung. Die  dominierende „Kronenzeitung“ ist besser gemacht als der „Blick“, bleibt aber dennoch eine Postille für den unteren Mittelstand, der Erregung mehr schätzt als konkretes Wissen. Alles andere ist ohnehin Provinz.

Veit Denglers Idee, das über 100 Mio. Menschen zählende europäische Ausland zu erreichen, ist wohl eine Fata Morgana. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ ist heute derart gut gemacht, dass auch die „Neue Zürcher Zeitung“ dagegen abfällt.

Einzig im Feuilleton der NZZ, das unter der Leitung von Martin Meyer eigenwillig-intelligent der europäischen und der Weltkultur verpflichtet ist, schimmert jene Qualität durch, die der NZZ heute mehr als Legende denn als Realität verpflichtet ist.

Veit Dengler, Erfolge an schwierigen Fronten suchend, würde besser daran tun, die NZZ dort zu stärken, wo sie es am meisten braucht, in der Schweiz. Der einst berühmte Auslandteil entbehrt nicht der Originalität, ist aber weit davon entfernt, einstige Grösse zu erreichen. Es fehlt an Arnold Hottinger, der uns den Nahen und Mittleren Osten kompetent erklärt. Es fehlt ein geistig unabhängiger Osteuropa-Korrespondent, der mehr bringt als NATO- und EU-Propaganda. Es fehlt ein Wegweiser nach Brüssel oder von Brüssel weg. Der vor wenigen Tagen publizierte flammende NZZ-Appell zu mehr Freundschaft mit den USA erinnert an die alten CIA-Verbindungen. Es braucht ein britisch-trockenes Pendant mit mehr Distanz. Urs Schoettli, der nach dem Abgang von Prof. Kux beste Asienkorrespondent, den die NZZ je hatte, wurde teilweise wieder repatriiert nach einer eher schmählichen Entlassung durch den alten CEO, dem heute niemand mehr nachtrauert.

Im Wirtschaftsteil gibt man sich wieder Mühe, ohne an die grossen internationalen Redaktionen heranreichen zu können. Vor allem fehlt es an Federn, die eigene Meinungen glaubwürdig formulieren können. Die Inlandberichterstattung wirkt seit einigen Jahren, als der Abstand vom Freisinn vergrössert wurde, merkwürdig instabil. Die Zahl der Grünen und Grünliberalen, der Velofahrer und Kämpfer für den öffentlichen Verkehr, hat auch in dieser einstigen Bastion bürgerlichen Individualismus‘ deutlich zugenommen.

Was die „Neue Zürcher Zeitung“ sich in der Berichterstattung über die Stadt, welche ihr den Namen gab, leistet, ist seit Jahren ungenügend, ein eigentliches Trauerspiel. Davon hat der Mitte links stehende „Tagesanzeiger“ über alle Massen profitiert. Ein gutes Beispiel, wie Hochmut vor den Fall kommt.

Vom erneuerten Verwaltungsrat ist vorläufig keine Rettung aus dieser misslichen Situation zu erwarten. VR-Präsident Etienne Jornod ist ein klassischer Unternehmer, aber mit Sicherheit so wenig ein Intellektueller wie der Rest des Verwaltungsrates auch. Von dort, wo Werbeberater und Scheinunternehmer das Sagen haben, wird kein Anstoss kommen, was die NZZ in der Schweiz von morgen soll.

Kein Wunder, dass CEO Veit Dengler operativ ins Ausland flüchten will, kennt er die Schweizer Innereien doch recht ungenügend.

So gibt es wohl keinen Ausweg aus einer total unbefriedigenden Situation, die auch der Schweizer Politik eher zum Nachteil ist. Die NZZ hat derzeit weder einen erkennbaren geistigen Horizont für die Schweiz noch weiss sie, was fast schlimmer ist, wie sie in Zukunft Geld verdienen will. Die Ära Veit Dengler hat begonnen, nachdem sein Vorgänger „Polo“ Stäheli einen eher schrägen Abgang genommen hat. Und der Chefredaktor? Verzeihung, sein Name ist mir schon wieder entfallen.

 

 

 
     
     
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