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Die trällernden Tenöre

20. November 2013 um 8:15

Die Lockrufe der Amsel vor meinem Fenster oder diejenigen des unvergesslichen Nicolai Gedda werden gerne biologisch oder künstlerisch gedeutet. Eines haben sie gemeinsam: Die trällernden Töne sind Lockrufe, die, direkt und indirekt, der Vermehrung dienlich sein sollen.

Nicht anders in der Politik, wo die Bühnenhelden mitten in der Herbstsaison stehen. Für viele peinlich, wie bei alternden Sängern, war der Auftritt des Dalai Lama in der „Financial Time“, einer Bühne globaler Stars, worin er für die Tibetaner „Friede mit China“ forderte und sich von den sich verbrennenden Mönchbrüdern distanzierte. Ein Schlag ins Gesicht aller jener, die ihn Jahrzehnte als Freiheitskämpfer und Halbgott anbeteten.

Ein grosser EU-Tenor, Jean-Claude Juncker, wurde im eigenen Land von einer Fronde gestürzt, nicht unähnlich wie Christoph Blocher als Bundesrat, der in eine Mitte-Links-Falle lief. In seinem politischen Testament gibt Juncker, der sich „Schweiz-Freund“ nennt, dem Bundesrat die Empfehlung, er möge weniger mit subalternen EU-Generaldirektoren reden, sondern den Mitgliedern der Kommission den Vorzug geben. Juncker war höflich genug, die Schweizer Aussenpolitik nicht als gescheitert zu bezeichnen, aber glücklich wollte er sie auch nicht nennen.

Der innenpolitisch grösste Tenor der Schweizer Herbstbühne ist Cédric Wermuth, Vizepräsident der SP Schweiz. Ihm, der auch wie ein echter italienischer Tenor aussieht, gelingt es, dem ganzen Schweizer Top-Establishment paroli zu bieten. Während der Schweizerische Gewerbeverband unter Direktor Hans-Ulrich Bigler die Kampagne gegen 1:12 souverän führte, hielten sich die hundertfachen Millionäre und Milliardäre verborgen, die Helden im obersten Management mit wenigen Ausnahmen auch.

Ein Tenor, dem es seit Wochen die Sprache verschlagen hat, FDP-Parteipräsident Philipp Müller, schenkt sich zu Weihnachten einen neuen Rennporsche für Monza. Im kommenden Jahr will er wieder rasen und „mit dem Gasfuss steuern“. Ob ihn die FDP ein zweites Mal zum Parteipräsidenten wählt, wird sich im kommenden Frühjahr herausstellen. Wie üblich, fehlt der Partei ein echter Herausforderer.

Star-Tenor Abt Martin Werlen tritt in diesen Tagen ehrenvoll von der klösterlichen Bühne in Einsiedeln ab. Ob er künftig als einfacher Benediktinermönch wieder im Chor singen wird, ist um der Kirche und der Gläubigen willen nicht zu hoffen. Nachwuchs-Tenor Felix Gmür, Bischof von Basel mit Sitz in Solothurn, war als liberale Hoffnung angetreten. Sein hoher heller Ton weicht immer mehr einem dunkel-konservativen Bass, wo nicht innerkirchliche Mitbestimmung, sondern Gehorsam verlangt wird,

Das Schweizer Volk, im Februar des kommenden Jahres schon wieder vor einer Volksabstimmung stehend, muss sich dann zur Personenfreizügigkeit äussern. Ein Ja ist insofern delikat, als Wirtschaft und Staat es dringend wünschen. Das Stimmvolk allerdings leidet unter überfüllten Strassen, fremden Dialekten und Sprachen in einer überfüllten Bahn und einer Mietpreissituation, wo man in Zug sogar für eine Garagenwohnung ohne Wasser über Fr. 800.—pro Monat zahlen muss.

Dazu schweigen unsere Tenöre, denn die Kunst ist frei.

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