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Die Medien-Predigt vom Starautor

29. Oktober 2013 um 9:00

Constantin Seibt, Reporter des „TagesAnzeigers“ und der Klasse der offiziell ausgezeichneten Starjournalisten zugehörig, hat beim Fachverlag „Kein & Aber“ den Versuch gewagt, den Printjournalismus des 20. Jahrhunderts in geläuterter Form in den des 21. Jahrhunderts zu überführen. Bei S. 91 brach ich den Versuch ab, das Buch zu lesen, denn an der Stelle einer individuellen und verlegerischen Erfolg versprechenden grossen Linie kam ich zum gleichen Schluss wie Seibt, man müsse dem Leser oder Hörer im Notfall auch Glasperlen (anstelle kluger Beiträge) vor die Füsse werfen.

Wer Seibt auf solche Aussagen, die im Buch in ähnlicher Art und Weise häufig gemacht werden, reduziert, liegt falsch. Die ersten 90 Seiten des gut 300seitigen Buches sind voll vieler guter Hinweise für Anfänger-Journalisten, die keine Zeit gefunden haben, das MAZ zu besuchen und die auch keinen Chefredaktor mehr haben, wie dies heute häufig vorkommt, der noch etwas von guten Manuskripten versteht. Seibt gibt auch schwerfällig gewordenen Praktikern den klugen Hinweis, das Neue im Offensichtlichen zu suchen, nicht nur im Verborgenen.

Was an Seibt’s Schreibe stört, ist zweierlei:

  1. Der Text auf über 300 Seiten ist zu lang. Man muss die vorhandenen Edelsteine, wie Seibt sie sonst auch oft journalistisch bietet, mühsam heraussuchen.
  2. Die Tonart seiner „Seibt-Schreibe“ ist geprägt von einem Post-Neo-Journalism, wie er vor 50 Jahren von Tom Wolfe entwickelt wurde: „..und wie zur Hölle machen wir das?“, „Was zum Henker verkaufen wir eigentlich?“ Später steigt er dann auch in die Schilderung medialer Verdauungsprobleme ein, wie wir sonst nur vom Walliser Staatsrat Oskar Freysinger gewohnt sind.

Seibt ist nach heutigen Massstäben ein hoch gebildeter Autor, der sich gegen „Schwurbel“ im Text wehrt, aber selbst nicht davor gefeit bleibt. Dies spielt insofern keine Rolle, als eine von ihm nicht genannte journalistische Regel lautet „Schreibe nicht intelligenter als es Dein Publikum ist.“

Ohne Constantin Seibt wäre die Zürich-Berner Medienlandschaft zweifellos langweiliger; ob sie mit ihm und seinem Handbuch aber hochstehender wird, darf bezweifelt werden. Alles ist Handwerk, oft zynisches; eine gesellschaftliche Linie, sei sie schweizerisch, europäisch oder global, ist nicht erkennbar. Wirklich guter Journalismus, den man heute ohnehin nur noch auf internationaler Ebene findet, ist mit „Deadline“ nur beschränkt erreichbar. Die „Flucht in die Qualität“, wie sie von Seibt verlangt wird, verlangt mehr.

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