Über uns Dienstleistungen Agenda Medien Publikationen Kontakt  


Was ist Schweizer Kultur?

30. September 2013 um 7:45

Die Ereignisse der letzten Tage haben meinen Schweizer Kulturbegriff geschärft. Entscheidend für diesen Beitrag war ein Auftritt von Prof. Dr. Herfried Münkler von der „Humboldt Universität zu Berlin“, der auf Einladung des Schweizerischen Instituts für Auslandforschung an der Uni Zürich über Geopolitik im 21. Jahrhundert sprach.

Münkler, ein bekannter Geschichtsphilosoph, sagte: „In einer Welt, wo Private Military Companies, Al Kaida und Superreiche das Sagen haben, die ganze Staaten stürzen können, ist nicht mehr der Raum entscheidend, sondern die Information.“ Vertreter der alten Ordnung, wozu er die Schweiz zählte, stünden auf verlorenem Posten. Europa müsse als ein Akteur auftreten, weshalb „folkloristische Veranstaltungen wie das Oktoberfest und das Knabenschiessen“ weiterhin Geltung hätten. Sonst hielt er nicht viel von der Idee einer innerhalb der EU autonomen Schweiz.

Gastgeber Martin Meyer, Feuilletonchef des „Neuen Zürcher Zeitung“, dessen neues Buch über Albert Camus gerade die Bestsellerlisten erklettert, zelebrierte als Hausherr den intellektuell-lockeren Gastgeber, wie man ihn sich wünscht. In ihm verkörpert sich alles, was dem Schweizer Fernsehen an Geist und Grazie fehlt.

Am gleichen Abend feierte das Volk rund um das Seebecken das 9. Zürcher Filmfestival, die Kreation einer ehemaligen Schönheitskönigin namens Nadja Schildknecht, die mangels prominenter weiblicher Teilnehmer ihren eigenen Po samt Zubehör zur Schau stellen liess, was eine weibliche Berichterstatterin dann auch verleitete, sie journalistisch objektiv als „goldene Nixe“ zu bezeichnen. Schweizer Kultur an einem Abend: An der Universität wird gezeigt, was von der Schweiz übrig bleiben kann, am See, was von der Schweiz übrig geblieben ist.

Dieser 6 Stunden-Querschnitt zeigt nicht einmal die Extreme auf, denn dem kulturell-proletarischen Verschnitt in den Zürcher Stadtkreisen 4 und 5 steht das Zürcher Opernhaus gegenüber, wo Neu-Intendant Homolka sich mit seiner Ernsthaftigkeit wohltuend vom barocken Unterhalter Pereira abzusetzen weiss.

Schweizer Kultur verkörpert immer mehr auch Jean Ziegler, der von der UNO erneut zum Experten in der 18köpfigen Menschenrechtskommission berufen wurde. Der ewige Schweizer Revolutionär in der Nachfolge von Henri Dunant ist ein Held der blockfreien Staaten und Kandidat für den Friedensnobelpreis, dessen alternative Variante soeben dem Schweizer Agronomen Hans R. Herren verliehen wurde. Es ist eher peinlich, dass unsere nationalrätliche Aussenpolitische Kommission sich auf Druck der USA und Israels gegen Zieglers Berufung geäussert hat. Sie bestätigt damit Prof. Münkler, der die Schweiz nur noch als Weltprovinz wahrnimmt.

Als kulturell bedeutsam sollten wir auch die Tatsache einschätzen, dass Bund, Kantone und Gemeinden sich vielerorts weigern, trotz eigener struktureller Defizite richtige Sparpläne aufzulegen. Diese „griechische Krankheit“ hat längst auch die Schweiz ergriffen, wo gegen die Interessen von Staatsangestellten (Saläre, Pensionen, fringe benefits) nicht anzukommen ist. Unser Wohlstand, der uns laufend bestätigt wird, ist aber nicht unendlich, sondern von allerlei Interessengruppen bedroht, die sich ein kräftiges Stück davon abschneiden wollen.

Kultur sollte deshalb nicht mehr nur Buch-, Theater- oder Kunstkritik sein, sondern den Zustand der Gesellschaft erfassen, jene Faktoren, die sie hinauf- oder hinunter ziehen. Entscheidend ist für uns die Transformationsfähigkeit der Schweiz, ganz wie es Prof. Münkler in Zürich ausgedrückt hat. Haben wir diese Fähigkeit nicht oder nur unzulänglich, werden unsere stillen Finanzreserven schneller als die Gletscher schmelzen. Dann werden die Banken ihre Dienstleistungen einschränken und verteuern, ganz wie die Credit Suisse-Group es tut, deren VR-Präsident als Ehemann der Zürcher Filmdirektorin dann auch nicht mehr die Mittel haben wird, um die magere Realität grosser Teile des Landes an seinen Brennpunkten zu vergolden.

Martin Meyer, der das letzte glänzende Feuilleton der Schweizer Medien verantwortet, hat dann allen Grund, dem Camus’schen Existenzialismus, dem er jetzt die Ehre erweist, einen Existenzialismus des 21. Jahrhunderts folgen zu lassen. Er wird aussehen, wie ich es in den Räumen einer Zürcher Bank erlebte: goldglänzend, aber mit vielen schwarzen Flecken.

Einen Kommentar schreiben:

 
     
     
Home Kontakt Sitemap Weblog Home
Home | Über uns | Dienstleistungen | Agenda | Medien | Publikationen | Kontakt | Sitemap | Weblog