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Tagesarchiv für 30. August 2013

Hoffmann’s Erzählungen allerorten

Freitag, den 30. August 2013 um 14:25

Beim besten Willen wüsste ich nicht, warum ich Lukas Hartmanns „Abschied von Sansibar“ lesen sollte. Da ich die Insel besucht habe, durch „Stone Town“ und den „Palast der Prinzessin“ wie das „Haus der Wunder“ geklettert bin, kann ich nur berichten: Alles halb so wild.

Sansibar ist heute eine Gemüseinsel, die im Innern rasch an Reiz verliert. Schön ist die Küste mit den Spitzsegeln der alten Fischerboote. Es zeigt sich wieder einmal, nicht jeder Schweizer Autor ist ein Conrad oder Kipling.

Bleibt Urs Widmer, dessen „Reise an den Rand des Universums“ einen anspruchsvollen Buchtitel mit wesentlich schwächerem Inhalt verbindet. Der liebenswerte ältere Autor hat sich mangels anderer Stoffe in seine Jugend aufgemacht, damit Sekundarschüler und pensionierte Oberarzt-Assistentinnen ihre frühen Herbsttage mit sanften Erinnerungen verbringen können.

Sofern diese beiden Neuerscheinungen tatsächlich Höhepunkte der neueren Schweizer Literatur sein sollen, ist es nicht gut um sie bestellt. Nostalgie führt nicht weit in die Zukunft.

Ich vermute, dass zur Wegwerfarchitektur der letzten sechzig Jahre bald auch die Wegwerf-Literatur stossen wird. Dies mag daran liegen, dass sich in der globalisierten Welt wichtigeres tut, als wir in der Schweiz zu beschreiben in der Lage sind. Unsere Vordenker sitzen in von Weintrauben umrankten hundertjährigen Häusern und kämpfen gegen Zweitwohnungen im Gebirge, weil sie selber dort schon lange welche haben.

Ich finde, unsere Bankiers sind noch grössere Geschichtenerzähler („story tellers“) als unsere Literaten, wobei wir bei einem Buch vielleicht Fr. 40.—verlieren, wenn es nichts taugt, eine Bankiers-Erzählung uns aber Zehntausende kosten kann – oder mehr.

Dort heisst es, wir würden uns „in einer monokausalen Phase befinden, die aus systemtheoretischer Sicht nicht überzeuge“. Dem ist leicht zu folgen, denn „die Axiome sind unterschiedlich“. Wer sich dann immer noch nicht für eine Anlage entscheiden kann, wird kraftvoll daran erinnert, „Europa ist am Scheideweg“ und ohnehin sei es „5 vor 12“. Die Staatsverschuldung der südlichen EU-Staaten sei nicht so dramatisch, wie oft beschrieben, denn unter dem Mittelmeer würden fossile Energien im Wert von Hunderten von Milliarden Euro liegen. Das erinnert an die Sonnenenergie-Wunder aus der saharischen Wüste, auf welche wir noch warten dürfen.

Wie sehr wir die grossen Erzähler vermissen, die gewaltigen Redner des 20. Jahrhunderts ohnehin, machen die Gedenktage deutlich und die bevorstehenden Wahlen. Niemand wagt mehr einen Traum, es sei denn, er suche ihn in Sansibar oder im Garten seiner Kindheit. Dies verweist auf eine Kultur von Zwergen, die sich einem marthalerischen Verlangsamungs-Theater hingeben, um nicht der prallen Gegenwart ausgesetzt zu werden. Nichts als Träume.

KJS

 

 
     
     
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