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Welche Kultur wollen wir?

18. Juni 2013 um 7:45

Die US-Amerikaner werden eine eigenständige französische Filmkultur auf Dauer so wenig hinnehmen wie einen eigenständigen Schweizer Finanzplatz; alles andere sind Rückzugsgefechte der Europäer.

Es stellt sich daher ernsthaft die Frage: Welche Kultur wollen wir? Die grosse europäische Kultur ging mit dem Zweiten Dreissigjährigen Krieg (1914-1945) zu Ende. Was wir an der Art Basel und vergleichbaren Anlässen erleben, sind Vermarktungskünste einerseits und Schrottmessen anderseits, die keine intellektuellen Messlatten sein können.

Nehmen wir drei Beispiele aktueller Schweizer Kulturereignisse, die, wie jede Hochkultur, auch politischen Charakter hat (dies macht übrigens die „Neue Zürcher Zeitung“ in ihrem exzellenten Feuilleton, das von Dr. Martin Meyer seit fast 30 Jahren geführt wird, oft deutlich):

  • Das in der Deutschen Schweiz weitgehend unbeachtet gebliebene weltbeste Tischtennismuseum in Renens wird in Kürze die Schweiz verlassen und in China angesiedelt werden. Die am gleichen Ort angesiedelte Internationale Tischtennis-Vereinigung hat diesem Umzug zugestimmt. Manche mögen derlei unwichtig finden, aber die FIFA hat soeben in Zürich die Gründung eines FIFA-Museums angekündigt. Wir dürfen dankbar sein, dass FIFA-Präsident Sepp Blatter den Weltfussball in Zürich derart fest verankert hat. Merke: Der Abstieg beginnt immer mit dem ersten Schritt.
  • In der Schweizerischen Nationalbibliothek in Bern wurde in Anwesenheit von viel Schweizer und französischer Kulturprominenz die Pleiade-Ausgabe des Schweizer Schriftstellers Blaise Cendrars vorgestellt. Cendras, ein geborener Sauser, verliess die Schweiz schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts auf dem Fluchtweg nach Deutschland, um dann in Paris eine grosse Karriere als Poet und Schriftsteller zu machen. Er ist mit Sicherheit auch heute noch bedeutender als Frisch und Dürrenmatt, den Lieblingskindern eines kulturell bescheidenen Establishments. Die Schweiz hat diesen wichtigen Träger der Schweizer Freiheitsflamme nur am Rande zur Kenntnis genommen. Er passte nie zu den Volkstum-Literaten, die auch dann volkstümlich bleiben, wenn sie derlei ablehnen.
  • In der wunderschönen Walliser Gemeinde Savièse, die über der Hauptstadt Sitten liegt, wurde der Walliser Lehrer, Poet und Schriftsteller Oskar Freysinger von Hunderten seiner Mitbürger gefeiert, weil das Volk ihn gegen das ganze CVP- und FDP-Establishment zum Staatsrat (Regierungsrat) wählte. Freysinger, der bereits über ein beachtliches literarisches Werk verfügt, das der jüngst verstorbene Walliser Verleger Philipp Mengis ebenso förderte wie alt Bundesrätin Elisabeth Kopp, wird von der linksliberalen Schweizer Kulturszene ebenso geschnitten wie einst Blaise Cendrars.

Wer mit Recht die wirtschaftliche Öffnung der Schweiz betreibt, darf sich auch der kulturellen Öffnung nicht verweigern. Mit den Altvorderen aus dem 20. Jahrhundert kommen wir so wenig weit wie mit den Konsumenten-Schriftstellern und –künstlern der Gegenwart. Ohne kulturellen Aufbruch, das zeigt schon das Beispiel China, ist auch ein wirtschaftlicher Aufbruch nicht möglich; beide bedingen einander.

KJS

Ein Kommentar zu “Welche Kultur wollen wir?”

  1. René Bitterlin

    Lieber Herr Stöhlker: Ihre Walliser Präferenzen sind bekannt und verständlich ! Nur wenn Sie Freysinger und Blatter als ‚Kultur-Vorzeige‘-Schweizer bezeichnen, wird’s einfach nur noch komisch, ganz abgesehen vom Tischtennismuseum. Dass Sie weltweit anerkannte Ereignissse wie die BIENNALE, Vendig oder die ART, Basel als ‚Schrottmessen‘ bezeichnen, ist und bleibt Ihre ganz persönliche Meinung, mehr sicher nicht ! Im übrigen haben die Franzosen Ihre Frage ‚Welche Kultur wollen wir‘ beantwortet: Ihre eigene, grossartige, französische, wollen sie behalten, zu Recht und hoffentlich für noch sehr lange !

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