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Tagesarchiv für 4. Juni 2013

Kirche in der Krise – Kirche im Angriff

Dienstag, den 4. Juni 2013 um 11:03

Gleich zwei Schweizer Bischöfe laufen gegen die Zivilgesellschaft Sturm: Vitus Huonder in Chur, der gerne seinen Generalvikar, Monsignore Martin Grichting, vorschickt, wenn es hart auf hart geht. Und Bischof Norbert Brunner in Sitten, der in der Oberwalliser Gemeinde Visp den Firmlingen soeben verboten hat, den von ihnen gestalteten Teil der Firmmesse vorzutragen.

Die römisch-katholische Kirche der Schweiz befindet sich in einer Mehrfachkrise: Die Zahl der Schweizer Gläubigen nimmt durch Tod und Austritt sehr schnell ab. Aufgrund der Zuwanderung aus Portugal, Kroatien und anderen Provinzen der katholischen Weltkirche nimmt die Gesamtzahl der Katholiken zu; die Kantone Zürich und Aargau, einst ur-reformiert, sind heute mehrheitlich katholisch.

Der zweite Krisenfaktor ist das Personal der Kirche. Auf den Kanzeln sieht man zunehmend Afrikaner und Asiaten, die von „Johannes dem Teufel“ predigen, weil sie das kleine „r“ nicht aussprechen können. Die Erfahrung zeigt, dass diese Neupriester auf alemannisch-keltischem Gelände meist sehr konservativ sind und jenes Geistes des Aufbruchs entbehren, wie das 2. Vatikanische Konzil ihn vermittelt hat. Die mutigsten, manchmal aber auch am meisten verzweifelten Teile des liberalen Fussvolkes der Kirche, haben seit Monaten zum Protest gegen den Bischof in Chur demonstriert. Dieser wird sich davon nicht erschüttern lassen, sieht er sich doch alleine und direkt dem Papst unterstellt, weshalb er auch eine Schweizerische Bischofskonferenz als wenig zielführend betrachtet, zumal angesichts deren liberaler Teile. Markus Büchel, in St. Gallen ansässiger eher freundlich-liberaler Präsident dieser Bischofskonferenz, ist wohl nur ein Mann des Übergangs. Der im November vom Amt zurücktretende Einsiedler  Abt Martin Werlen, der beim Volk sicher beliebteste Vertreter der römisch-katholischen Kirche, wollte „Miteinander die Glut unter der Asche entdecken“, hat aber eine massgebliche Unterstützung innerhalb der Kirche nicht erhalten und wird im Ausland mehr gelesen als in der Schweiz. Der päpstliche Nuntius in Bern wirkt schon seit Monaten hinter den Kulissen, um die Schweizer Provinz wieder zu einigen; bisher mit geringem Erfolg.

Der dritte und nicht unbedeutende Risikofaktor ist die drohende Abstimmung über die Abschaffung der Kirchensteuer für Unternehmen. Zweifellos legen Firmen wie Glencore oder Deutsche Bank (Schweiz) AG, und mit ihnen zehntausende anderer, keinen gesteigerten Wert darauf, eine solche Steuer zu bezahlen. Die Drohung der Kirchenoberen, man müsse dann auf viele Dienstleistungen der Kirche verzichten, greift nur noch bei konservativen Christen. Die reformierte Kirche, vor allem in Zürich, hat sich in ihr Schicksal bereits ergeben und plant eine radikale Verkleinerung ihrer Infrastruktur. Wenn radikal-konservative Bischöfe dann das Schweizer Volk erregen, wächst die Zahl derjenigen, die es den ihnen meist unbekannten Kirchenvätern einmal an der Urne zeigen wollen.

Der grüne Zürcher Regierungsrat und Justizdirektor Martin Graf ist alles andere als ein Meisterdiplomat. Es geht ihm jene Eleganz ab, die man von der Spitzenpersönlichkeit eines hohen Amtes vor einer Generation noch erwarten durfte. Er hat aber dennoch einem grossen Teil des Zürcher und Schweizervolks unüberhörbar die Stimme geliehen. Was bisher nur hinter vorgezogenen Vorhängen diskutiert wurde, ist ans Licht der Öffentlichkeit getreten.

Hilflosigkeit auf beiden Seiten. Firmlingen den Auftritt in der Kirche zu verbieten, heisst, diese und deren Eltern aus der Kirche zu vertreiben. Und mit ihnen alle ihre Freunde. Das Bistum Chur zu verdächtigen, ausserhalb der Bundes- und Kantonsverfassung zu stehen, wie in Zürich geschehen, entspricht nicht der politischen Usanz, werden doch ultramontane Konflikte an die Wand gemalt, wie sie im 19. Jahrhundert für die Schweiz noch bestimmend waren.

Die „römischen“ Bischöfe im Schweizer Lager sehen sich auch durch den neuen Papst gestärkt, der progressiv in seinem Verhalten, aber konservativ in der Haltung ist. Dies zu lernen, täte allen Beteiligten auch in der Schweiz gut.

KJS

 
     
     
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