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Tagesarchiv für 3. Juni 2013

Im sechsten Krisenjahr: Die Schweiz verliert Substanz

Montag, den 3. Juni 2013 um 8:45

Wie viel die von den Amerikanern schuldig gesprochenen Schweizer Banken auch immer werden zahlen müssen, es bedeutet einen Substanzverlust für die ganze Schweiz. Was immer Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf mit ihrem offensichtlich gescheiterten Spitzendiplomaten Michael Ambühl, der mit 62 Jahren und ohne Habilitation den Notausgang zur ETH Zürich suchte, im Sinn hatte; das Ergebnis ist eine Niederlage für die Schweiz. Als einzige Gewinner sind die beiden Grossbanken UBS und CS auszumachen, die demnächst eine ganze Reihe von Privatbanken kaufen werden können.

Verlierer sind alle: Die Banken, die Schweiz, die Bankmitarbeiter und, was meist vergessen wird, auch die Kunden der Schweizer Banken. Rund 10 Mia. Fr. erwarten wohl die Amerikaner; Fr. 7,3 Mia. wurden in der letzten Woche an die britischen Behörden bezahlt. Engländer, Iren, Waliser und Schotten, die auf das Schweizer Bankgeheimnis vertrauten, verloren bis zu 41% ihrer Vermögen. Die EU mit ihren Mitgliedstaaten steht vor der Tür und erwartet ebenfalls Milliarden. Welche kleineren Vermögensverwalter, Treuhänder und Anwälte jetzt gleich mit „bereinigt“ werden, lässt sich noch gar nicht abschätzen. Die Schweiz baut auf jeden Fall einen grossen Teil ihres intellektuellen und wirtschaftlichen Potentials ab.

UBS-Präsident Axel Weber, der, gelassen wirkend, seinen Mitarbeitern erst einmal das Salär um 9% erhöhen liess, will, kein Wunder, jetzt zuerst in Asien wachsen. In Europa sagt er eine „Transformation des Geschäfts“ an. Neue Schweizer Kunden, die bei seiner Bank oft viel Geld verloren haben, will der weltgewandte Pfälzer aus Grünstadt auch gewinnen. Sergio Ermottis Mannschaft ist gefordert, aber es ist ja die kleinere Schweizer Konkurrenz, die nebenbei erledigt wird.

Bei uns gilt im Finanzplatz-Ausverkauf als wegleitend das von Dr. Konrad Hummler gewählte Modell, als er seine Bank Wegelin an die Raiffeisen-Gruppe abstossen musste: Die sauberen Kunden an andere Banken verkaufen, für die US-Kunden selber den Kopf hinhalten. Sogar die „Neue Zürcher Zeitung“, wo Hummler vom Urner Weltgeist Franz Steinegger zum Rücktritt gedrängt wurde, erwähnte dieser Tage das Modell als möglich und nützlich. Wer heute klagt, die Schweizer Banken hätten sich „töricht“ verhalten, als sie US-Kunden ex UBS übernahmen, macht es sich leicht. Tausende  von US-Kunden der UBS, darunter auch Auslandschweizer, irrten tagelang über unsere Bahnhof- und ähnliche Strassen und suchten einen Unterschlupf für ihr Geld. Die „törichten Banken“, selber unter Wachstumsdruck, liessen sich von ihren Anwälten versichern, das sei sicher.

Die Erschütterung der Schweiz als global erfolgreicher Wirtschaftsstandort wird sich auch in den kommenden Jahren fortsetzen. Das Land wird dann anders aussehen, aber niemand weiss wie. Eine eigentliche intellektuelle Führung gibt es in Bern (noch) nicht.

Immer noch tun sich die Spitzenverbände der Wirtschaft und die bürgerlichen Parteien schwer, nach der leichtfertig verlorenen Minder’schen Abzocker-Initiative und nach der, auch in den Bergkantonen, unterschätzten Weber’schen Zweitwohnungs-Initiative eine starke Front gegen die von links kommenden politischen Tsunamis aufzubauen. Der Grund: Jedermann verteidigt seinen Besitzstand in der Isolation gegenüber potentiell Verbündeten, niemand hat eine Vorstellung, für welche künftige Schweiz eigentlich gearbeitet wird. Drohend steht im November dieses Jahres die Abstimmung über eine neue nationale Erbschaftssteuer an; die bürgerliche Elite hat noch kein Rezept gegen die Vorstoss von links gefunden, obwohl viele Alt- und Neulinke wohlhabender sind als die meisten Freisinnigen (oder was davon übrig geblieben ist).

Der Berner CVP-Regierungsrat Reto Nause machte sich lächerlich, als er Facebook verklagen wollte. Das hindert Bundesrätin Doris Leuthard nicht daran, den Gedanken zu verfolgen, Nause könnte neuer CVP-Parteichef werden. Christophe Darbellay, dessen politisches Schicksal derzeit in der Schwebe hängt, sieht sich als Nachfolger im Bundesrat, wenn Eveline Widmer-Schlumpf nicht mehr gewählt wird. Die anderen Parteien wollen auf Kosten eines FDP-Bundesrates ihr Profil in Bern ausbauen. Diese Vorgänge riechen nach Chaos mit hohem Überraschungspotential.

Es zeigen sich Stress-Symptome. Tatsächlich werden die ausländischen Konzerne, oft mit hunderten von Mitarbeitern, geografisch beweglicher: eine Pharma-Konzernzentrale hat sich von Zug ins Ausland abgemeldet, Colgate-Palmolive verlässt Genf, um sich im Kanton Baselland neu niederzulassen. Das ist die Speerspitze einer neuartigen Entwicklung.

Während es durchaus respektable Schweizer gibt, die jeden Augenblick den Zusammenbruch der EU und des Euro erwarten, um dann, „wie die Inder die Mogulherrschaft“, an die Stelle der „Brüsseler Diktatur“ ein föderalistisches Europa nach Schweizer Art zu setzen, ist unser eigenes Land immer schwieriger nutzbar.

Wie es mit den Bergkantonen weitergehen soll, denen die reichen Kantone Zug und Zürich auch noch den Finanzausgleich kürzen wollen, weiss niemand. Die gleichen Flachländer, welche in den Bergen ihre Zweitwohnungen und –häuser bauten, haben für den Baustopp in den Alpen gestimmt. Dieser Kreuzzug gegen die Bergbewohner ist umso lächerlicher, als es vor allem das Schweizer Mittelland ist, das auf die hässlichste Art zugebaut  wurde. Dieser Prozess geht weiter, denn die Gemeinden lassen die schönen alten Villen, wie an der Zürcher Goldküste, abreissen und dort moderne und sehr teure Standard-Luxuswohnungen bauen. Wer an der falschen Stelle wohnt, wird auch in den schönsten Lagen vom An- wie demnächst auch dem Abflug des Flughafens Kloten belärmt. Nicht besser geht es den Bewohnern des Zürcher Limmattals, das einen SBB- Rangierbahnhof „Gateway Limmattal“ erhalten wird, der die Nachtruhe der Anwohner zerstören wird.

Die Schweiz, mit jetzt acht und demnächst über neun Millionen Einwohnern, entwickelt sich mangels Planung zu einer Zwergpudelstadt wie es Wien ist. Sie könnte, als Einheit gesehen, durch ihre heute polyzentrische Bauweise gegenüber den monozentrischen Grossstädten der Welt einen bedeutenden Imagevorteil erhalten. Wie es aussieht, werden unsere Raumplaner diesen Vorteil nicht bewahren können.

Vincent Kaufmann, Soziologieprofessor an der ETH Lausanne, empfiehlt deshalb, unterstützt von der „Neue Zürcher Zeitung“, ein Vorgehen nach dem Motto „Wir sollten mehr Langsamkeit wagen“. Wie dies in eine Zeit passt, wo jeder Inhaber eines Arbeitsplatzes immer länger, schneller und besser arbeiten soll, beantwortet der Lausanner Jungstar nicht. Aufgrund meiner Beobachtung sehe ich nur eine Lösung sicher: Jeder gegen jeden, offen und verdeckt, ganz wie die Schweizer Landsknechte einst erfolgreich waren. Das Wort Gnade kannten sie auf den Schlachtfeldern des Mittelalters nicht. Im 21. Jahrhundert wird es nicht anders ablaufen.    

KJS

 
     
     
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