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Monatsarchiv für Juni 2013

Familie Sawiris subventionieren – warum nicht?

Donnerstag, den 27. Juni 2013 um 10:25

Samih Sawiris, der das alte Andermatt zu einem Soukh für wohlhabende Ausländer machen wird, erhält vom Bund und den Kantonen Subventionen und Begünstigungen, die ganz ausserordentlich gross sind. Das erinnert an den Untergang der Swissair: Weil die Schweizer Elite nicht mehr willens war, den Stolz des Landes aus eigener Kraft und mit eigenen Mitteln wieder auf den Weg des Erfolgs zu bringen, wurde die Swissair für ein Taschengeld an die Deutsche Lufthansa weiter gereicht. Sie ist seither die am besten rentierende Tochtergesellschaft des deutschen Luftfahrt-Konzerns.

Samih Sawiris nahm zu Beginn wenig eigenes Geld in die Hand, um das „Schattenloch“ zu einer alpinen Attraktion umzubauen. Weil er beim Timing Pech hatte und die grösste Finanz- und Wirtschaftskrise der letzten achtzig Jahre ihm die angelsächsische Käuferschaft verhagelte, die im Walliser Verbier gewohnt war, sehr teuer einzukaufen, geriet Andermatt zum ägyptischen Millionengrab. Ägyptisch muss eingeschränkt werden, weil der bewegliche Halb-Berliner mittlerweile Bürger von Montenegro geworden ist. Seine koptische Familie wurde in Mursis neuem Aegypten verfolgt und damit aus dem Lande gejagt.

Der Entscheid des Bundesrats und der umliegenden Bergkantone, „El Gouna of the Alps“ mit Dutzenden von Millionen Franken zu unterstützen, ist angesichts der sich entvölkernden Bergtäler so unvernünftig nicht. Ohne einen Unternehmer wie Sawiris wäre Andermatt wohl langsam zur Ruine geworden, die Jugend wäre weiter abgewandert, der Ort wäre langsam in Vergessenheit geraten.

Jetzt hat ihn ein Prinz aus dem Morgenland wachgeküsst, aber die vergoldete Leiter zum Fenster der schlafenden Schönen weckt die Ansprüche anderer Berggemeinden. Nicht zu unrecht.

Wer die langsam aussterbenden Bergtäler des Wallis, des Berner Oberlandes, des Tessins und Graubündens wieder beleben will, muss Milliarden in die Hand nehmen. Das können nur initiative Unternehmer zusammen mit Banken, den kantonalen und nationalen Behörden leisten. Es muss ein missionarischer Glaube vorhanden sein, dieses Jahrhundertwerk der Rettung der Alpen in Angriff zu nehmen. Manager können dies nicht leisten, Unternehmer müssen es sein, ganz wie jene im 19. Jahrhundert, welche die Bahnen auf die Gipfel trieben.

Da eines Tages die europäische und die Weltkonjunktur wieder brummen wird, sind die Schweizer Alpen ein erstrangiges Ziel für den Investor und die Erholung suchenden. Sawiris ist ein „early bird“, der diese Entwicklung hat kommen sehen. Die Wette, welche Bund und Kantone nun auf Kosten des normalen Steuerzahlers mit Sawiris abgeschlossen haben, ist faustisch. Aber die Teufelsbrücke ist nicht weit entfernt.

KJS

 

Gotthard-Medaille für Dunsch – keine für die Schweiz

Dienstag, den 25. Juni 2013 um 10:49

Es wäre schön, wären es nur zehn Tage, in welchen sich die Welt der alten Schweiz aus dem 20. Jahrhundert verändert. In Wirklichkeit erleben wir jetzt schon 1000 Tage voller Neuerungen und Schrecken, welche sich zu Beginn dieses Jahrhunderts niemand vorstellen wollte. Zuerst glauben wir, der Schrecken ginge bald vorbei, aber es zeigt sich, dass jeder Niederlage der Schweiz in internationalen Verhandlungen neue schwarze Löcher folgen, in welche wir, wie es aussieht, mit Sicherheit fallen werden. Es ist die Rutschbahn nach unten.

Es ist nicht das EDA mit seinen wenig talentierten Hochleistungspolitikern, es sind auch nicht die offiziellen Verteidigungsorganisationen des Landes, von denen es zu viele mit zu wenig Talent gibt, die unserer Schweizer Haltung die notwendige Stabilität verleihen. Vielmehr ist es ein echter Schwabe, der Korrespondent der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, Jürgen Dunsch, der in der Ausgabe vom 22. Juni 2013 auf der Titelseite kommentiert hat.

In der Steuerfrage prallen zwei Welten aufeinander. Die Schweizer, die ohnehin – wegen der EU – im Gefühl einer latenten Bedrohung ihrer Eigenständigkeit befangen sind, fühlen sich von den Amerikanern rücksichtslos in die Zange genommen. Man hilft ihnen, zum Beispiel als diplomatische Vertretung in Iran, und was ist der Dank? Doch der Gegensatz reicht noch tiefer. Die Schweizer empfinden ihre jährliche Steuererklärung bis heute als Willensbekundung des Souveräns, seinen Beitrag für die Staatsausgaben zu leisten, nachdem er in Volksabstimmungen über Grundsätze und Höhe der Zahlungen entschieden hatte. Die Steuererklärungen werden kontrolliert. Das ist die steuerpolitische Seite der bodenständigen Demokratie der Schweiz, zu der es auch gehört, dass die Steuervermeidung unter ihren eigenen Bürgern nicht bis ins Letzte bekämpft und verfolgt wird. Der Schweizer Staat bewahrt seine Bürger damit, so sieht man es hier, vor allzu intensiven Schnüffeloperationen – und vor der Logik von „Reichensteuern“ von 75 Prozent wie in Frankreich und ähnlichen Zumutungen, die Abwehr einschliesslich solche gesetzwidriger Art provozieren. Die Steuermoral gilt in der Schweiz dennoch, oder gerade deshalb als besonders hoch.

Wer die Eigenarten unseres Landes, das in mühsamen 700 Jahren seine innere und äussere Form gefunden hat, derart subtil darzustellen vermag, ist unseren üblichen Landespolitikern bei weitem überlegen. Männern wie Dunsch gehört eine Gotthard-Medaille in Gold, damit das Schweizer Volk erkennt, wo seine wahren Verteidiger zu finden sind.

Dies ganz im Gegensatz zum aus Frankreich kommenden Steuerchef der OECD, Pascal Saint-Amans, der das Problem der Schweiz mit dem Ausland auf den Nenner herunter bricht „Die Schweiz krankt, international gesehen, immer noch an der Schwerfälligkeit ihres politischen Systems“. Solches von einem eleganten Drei-Tage-Bart-Franzosen der jüngeren Generation zu vernehmen, dessen nationale Elite in Sachen Hochmut immer Spitze, in Sachen Leistungsbereitschaft jedoch stets sparsam war, tut weh. Das hindert unsere politischen Beobachter nicht, seinen Vorstellungen mit dem Kommentar nachzukommen „Die Schweiz gibt nach, falls es die anderen auch tun“. Auch FAZ-Dunsch bestätigt: „Die Schweiz steht auf verlorenem Posten.“

Unsere kantonale und nationale Beamtenelite, die Bär, Wolf, Steinbock und Uhu mehr zu schützen weiss als ihr eigenes Volk, ist ihrerseits an Modernismen nicht zu überbieten. Gemeinsam mit fortschrittlichen Politikern öffnet sie alle Tore, damit das Volk sich in jeglicher Form amüsieren kann, Geschlechts- und altersunabhängig mit Namen und sozialen Beziehungen nach freier Wahl. Der Zeitgeist heisst „Offenheit nach innen, Kontrolle von aussen“.

Derlei dynamische Sozialpolitik führt dazu, wie auch der exzellente NZZ-Auslandkorrespondent Ulrich Schmid aus Berlin berichtet, dass alle Parteien nur noch mit einem Etikettenschwindel  gegenüber dem Wähler auftreten: „Die liberale Partei ist nicht mehr liberal. Linke Radikalität gibt es nicht mehr.“ Das gilt natürlich auch für die Schweiz, wo die Bevölkerung die Fähigkeit, sich zu empören nach hundertjährigem Schlaf erst langsam wieder gewinnt. Dieses Lebenszeichen ist nicht gering zu schätzen.

Grossbürger oder General der Marktwirtschaft?

Donnerstag, den 20. Juni 2013 um 9:28

Wer die Grossbürger der  Euro-amerikanischen Welt noch im Blick hat, sieht stattliche Männer mit Jacke und Weste vor sich, die einen deutlich erkennbaren „embonpoint“ eher hervorhebt als verdeckt. Alfred Sarasin, Hans Bär oder Churchill waren solche Männer.

Heute sind die Führungsetagen der Wirtschaft bevölkert von Managern, die sich als Offiziere und Generäle der Marktwirtschaft verstehen: Schlank, hoch trainiert, mit einem scharfen Profil; „General Crystal“ lässt grüssen. Sie ziehen in Schlachten, gewinnen und verlieren, kommen aber der Forderung von alt Bundesrat Kaspar Villiger nach: „Europa braucht eine marktwirtschaftliche Konterrevolution.“

Dies wäre eine gute redaktionelle Vorgabe für die „Neue Zürcher Zeitung“ und ihre Annexblätter, die nun einer „inhaltlichen Kuration“ bedarf, wie ihr neuer CEO, der österreichische Diplomatensohn Veit Dengler, ankündigte. Damit wird auch verständlich, was VR-Präsident Etienne Jornod, ein Romand, meinte, als er die NZZ-Journalisten aufforderte: „Jeder muss ein Unternehmer werden.“ Chefredaktor Markus Spillmann, ein Basler, ist nun gefordert. Denglers öffentliches Lob galt bisher nur dem von Martin Meyer geführten NZZ-Feuilleton und der NZZ-Auslandberichterstattung.

Wer sich NEOS, die vom neuen NZZ-Chefredaktor Veit Dengler mit gegründete und von ihm als stv. Vorsitzender mit geführte Partei genauer betrachtet, entdeckt dort einen Euro-Turbo. NEOS, das „Neue Österreich“, schreibt über seine Zeile: „Europapolitisch tritt NEOS für einen europäischen Bundesstaat ein. Mittelfristig soll ein EU-weiter Konvent, dessen Mitglieder von der Bevölkerung gewählt werden, eine neue Verfassung ausarbeiten.“

Im „9 ½ Punkte Plan“ der Partei wird gefordert „Klar für Europa: Vereinigte Staaten von Europa mit mehr Bürger/-innen-Beteiligung.“ Veit Denglers Credo für sein parteiliches Engagement, auf welches er auch in Zukunft nicht verzichten will, lautet „Faith is taking the first step even when you can’t see the whole staircase“. Es ist nicht auszuschliessen, dass er sich dieses auch sagte, als er seinen Vertrag bei NZZ unterschrieb.

Alt CEO „Polo“ Stäheli, den man gerne „Stalin“ nannte, nimmt einen stillen Abgang. Die verbliebenen Zürcher Grossbürger der Hirzel, Bodmer, Pestalozzi und Escher wundern sich, wie ihre „alte Tante“ in neue Hände geraten ist. Vielleicht wollten sie auch nichts mehr von ihr wissen, seit die redaktionelle Unterwäsche in den letzten Jahren einen leicht grünlichen Charakter angenommen hat.

Was für die NZZ-Gruppe gilt, trifft für ganz Zürich zu: die Überfremdung ist massiv und nimmt zu. Stadtpräsidentin Corinne Mauch ist eine Aargauerin, nachdem schon Vorgänger Elmar Ledergerber aus der katholischen Innerschweiz kam. Thomas Wagner war der letzte echte Zürcher Stadtpräsident, der es, wie Dr. Christoph Blocher einst sagte, „nur bis China schaffte, aber nicht in den Bundesrat.“ Auch die beiden Grossverleger-Familien sind nicht aus Zürcher Holz geschnitzt. Wer echte Zürcher sucht, wie die Albers, muss in der Bau- und Immobilienbranche suchen oder bei Anwälten, Ärzten und Treuhändern. Zürich hat sich globalisiert, wie Basel und Genf auch. Das wahre Schweizervolk wohnt auf dem Lande.

Der „Tagesanzeiger“ schreibt klar für die politisch Mitte links stehende fluktuierende urbane Bevölkerung wie die Zehntausenden  von Angestellten und Beamten staatlicher und staatsnaher Organisationen. Für wen die NZZ schreibt, deren letzter Träger eines leichten „embonpoints“ alt Chefredaktor Hugo Bütler war, muss sie noch herausfinden.

KJS

 

Welche Kultur wollen wir?

Dienstag, den 18. Juni 2013 um 7:45

Die US-Amerikaner werden eine eigenständige französische Filmkultur auf Dauer so wenig hinnehmen wie einen eigenständigen Schweizer Finanzplatz; alles andere sind Rückzugsgefechte der Europäer.

Es stellt sich daher ernsthaft die Frage: Welche Kultur wollen wir? Die grosse europäische Kultur ging mit dem Zweiten Dreissigjährigen Krieg (1914-1945) zu Ende. Was wir an der Art Basel und vergleichbaren Anlässen erleben, sind Vermarktungskünste einerseits und Schrottmessen anderseits, die keine intellektuellen Messlatten sein können.

Nehmen wir drei Beispiele aktueller Schweizer Kulturereignisse, die, wie jede Hochkultur, auch politischen Charakter hat (dies macht übrigens die „Neue Zürcher Zeitung“ in ihrem exzellenten Feuilleton, das von Dr. Martin Meyer seit fast 30 Jahren geführt wird, oft deutlich):

  • Das in der Deutschen Schweiz weitgehend unbeachtet gebliebene weltbeste Tischtennismuseum in Renens wird in Kürze die Schweiz verlassen und in China angesiedelt werden. Die am gleichen Ort angesiedelte Internationale Tischtennis-Vereinigung hat diesem Umzug zugestimmt. Manche mögen derlei unwichtig finden, aber die FIFA hat soeben in Zürich die Gründung eines FIFA-Museums angekündigt. Wir dürfen dankbar sein, dass FIFA-Präsident Sepp Blatter den Weltfussball in Zürich derart fest verankert hat. Merke: Der Abstieg beginnt immer mit dem ersten Schritt.
  • In der Schweizerischen Nationalbibliothek in Bern wurde in Anwesenheit von viel Schweizer und französischer Kulturprominenz die Pleiade-Ausgabe des Schweizer Schriftstellers Blaise Cendrars vorgestellt. Cendras, ein geborener Sauser, verliess die Schweiz schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts auf dem Fluchtweg nach Deutschland, um dann in Paris eine grosse Karriere als Poet und Schriftsteller zu machen. Er ist mit Sicherheit auch heute noch bedeutender als Frisch und Dürrenmatt, den Lieblingskindern eines kulturell bescheidenen Establishments. Die Schweiz hat diesen wichtigen Träger der Schweizer Freiheitsflamme nur am Rande zur Kenntnis genommen. Er passte nie zu den Volkstum-Literaten, die auch dann volkstümlich bleiben, wenn sie derlei ablehnen.
  • In der wunderschönen Walliser Gemeinde Savièse, die über der Hauptstadt Sitten liegt, wurde der Walliser Lehrer, Poet und Schriftsteller Oskar Freysinger von Hunderten seiner Mitbürger gefeiert, weil das Volk ihn gegen das ganze CVP- und FDP-Establishment zum Staatsrat (Regierungsrat) wählte. Freysinger, der bereits über ein beachtliches literarisches Werk verfügt, das der jüngst verstorbene Walliser Verleger Philipp Mengis ebenso förderte wie alt Bundesrätin Elisabeth Kopp, wird von der linksliberalen Schweizer Kulturszene ebenso geschnitten wie einst Blaise Cendrars.

Wer mit Recht die wirtschaftliche Öffnung der Schweiz betreibt, darf sich auch der kulturellen Öffnung nicht verweigern. Mit den Altvorderen aus dem 20. Jahrhundert kommen wir so wenig weit wie mit den Konsumenten-Schriftstellern und –künstlern der Gegenwart. Ohne kulturellen Aufbruch, das zeigt schon das Beispiel China, ist auch ein wirtschaftlicher Aufbruch nicht möglich; beide bedingen einander.

KJS

Ernste und weniger ernsthafte Begriffe

Montag, den 17. Juni 2013 um 10:10

Griechenland darf nun als Schwellenland bezeichnet werden, ganz wie Kolumbien oder Nigeria auch. Was vor 50 Jahren noch das Mutterland des  2500jährigen europäischen Geistes war, ist in sich zusammen gesunken wie einst das alte Rom. Weitere Staaten werden folgen; der deutsche Steuerzahler wird nicht alle retten wollen.

Diesem ernsthaften Begriff „Schwellenland“ stehen viele unernste gegenüber, denen man täglich begegnet. Wer sie benutzt, sollte kritisch beobachtet werden. Einige Beispiele:

. Wird in den Medien jemand als „schillernd“ bezeichnet, beruht dies auf mangelndem Recherchewillen und ungenügender Ausdrucksfähigkeit des Verfassers.

. Gleiches gilt für den immer häufiger zu vernehmenden Begriff „cool“. Er macht sich an, das Wort „Kult“ abzulösen, dessen Vermassung den Untergang bedeutete.

. Weil sich jedermann heute als „nachhaltig“ zu benennen sucht oder danach zu handeln vorgibt, hat dessen Niedergang bereits eingesetzt. Weder Doris Leuthard noch „Angie“ Merkel haben echt „nachhaltige“ Rezepte.

Weniger populär ist der Begriff des „Langzeitgedächtnisses“, womit man aufgrund einer Datenbankrecherche bekannte Persönlichkeiten zu Fall bringen kann: Baron von und zu Guttenberg, Christian Wulff etc.

. In diesem Fall folgt häufig der Ausdruck „Es sei dahingestellt…“,womit der Verfasser definitiv wissen lässt, dass er dem Thema nicht gewachsen ist.

. „In der Regel“ fährt er dann gerne fort, weil der Sonderfall, den er zu beschreiben sucht, ihm zu komplex ist.

Meist sind solche Autoren auch noch „prominent“ und haben damit das Recht erworben, sich in ihrer Allerleiwelt „komplex“ zu definieren.

Vielleicht liegt es auch nur daran, dass wir wirklich zu viele Medien und zu wenige geeignete Autoren haben. In Griechenland hat man die Notbremse gezogen und alle staatlichen Radio- und TV-Stationen mangels finanzieller Mittel geschlossen. Uns Schweizer hat man zu Zwangszahlern gemacht, eine Sondersteuer, die niemand eine Steuer nennen möchte.

KJS

Schadenfreude ist kurzsichtig

Freitag, den 14. Juni 2013 um 9:00

Wenn wir uns über die Krise des Euro freuen und heimlich hoffen, die Deutschen würden mit anderen „Nordlichtern“ die Eurozone verlassen, um die „Südlichter“ dem verdienten Untergang zu überlassen…..

Wenn wir uns über die Finanzblase in den USA freuen, welche das FED, die dortige Nationalbank, laufend grösser werden lässt, um die US-Finanzinstitute zu retten …..

Wenn wir uns über die Chinesen freuen, dies in der stillen Hoffnung, sie würden nach 30 Jahren des Erfolgs endlich über die eigenen Beine stolpern…..

Wenn wir uns über die Japaner freuen, denen ihr eigenes Finanz- und Wirtschaftssystem jeden Augenblick um den Kopf fliegen kann….

….dann beruht dies auf dem Irrtum, der Schweiz könne nichts geschehen, weil das Land reich ist, kaum Staatsschulden hat und eine sehr gute Beschäftigungslage, sei es durch die erfolgreiche Privatwirtschaft oder staatliche Institutionen. Die Schweiz, von aussen betrachtet, bietet das Bild eines Staates, der von den USA, Deutschland, Frankreich, ja der ganzen EU, angegriffen wird. Die Schweizer Regierung, dies wissen die ausländischen Regierungen am besten, ist eine butterweiche Vereinigung hilfloser Provinzpolitiker, welche die globalen Regeln der Diplomatie vergessen hat.

Die einst so solide, gut geführte Schweiz, gilt heute als ein Staatsgebilde ohne Ziel und Inhalt. Wie die beiden Finanzkonzerne UBS und CS heute mehr aus Singapur und Kuwait denn aus Zürich und Basel geführt werden, ist der Schweiz die Kontrolle über die meisten der hundert grössten „Schweizer“ Firmen verloren gegangen. Jedermann fragt sich: Was ist das für ein Staat, der keine Kontrolle mehr über seine massgeblichen Unternehmen hat?

Auch ohne Inflation, die spätestens ab 2015 erwartet wird, steigt der Konsumaufwand für staatliche Dienstleistungen wie Energie, Verkehr und Gesundheit jetzt und in Zukunft überdurchschnittlich an. In Bern spricht man offen aus, dass dies nur über die Mehrwertsteuer finanziert werden kann.

Die bürgerlichen Parteien SVP, FDP und CVP zerfallen langsam, denn die kantonale Struktur erlaubt den Einstieg politischer Quereinsteiger, die oft kaum ins Parteibild passen. Mit den Grünen, Grünliberalen und dem BDP vermehren sich die Splitterparteien, ganz nach italienischem oder deutschem Vorbild.

„La Suisse n’existe pas!“, dieser Spruch eines Werbeberaters zur Weltausstellung in Sevilla war wohl prophetisch. Wir können der Krise der anderen Staaten nicht entkommen. Wer glaubt, die Schweiz bleibe auf Dauer eine Insel der Seligen, wird demnächst aus einem schönen Traum aufwachen.

KJS

Tourismus ohne Massenbetrieb, bitte

Dienstag, den 11. Juni 2013 um 16:30

Schon vierzig Jahre war ich nicht mehr in Mallorca und Rimini kenne ich nur vom Namen her. Wie viele andere Schweizer auch, mag ich weder die lauten Deutschen noch die noch lauteren Amerikaner an meinem Nachbartisch. Wo in der Berghütte Massenbetrieb herrscht, ziehe ich mich sofort in die stillste Ecke zurück.

Das Jungfraujoch in Gesellschaft von 300 Japanern oder Chinesen ist ebenso wenig ein Vergnügen wie das Frühstück in einem alpinen 5*-Hotel, wo ich feststellen muss, dass ich der einzige Europäer bin, der mit Sicherheit auch den vollen Tarif bezahlt hat. Ebenso wurden alle Gäste eines Dîners in Lausanne-Ouchy sofort ins zweite Glied versetzt, als ein jugendlicher Russe mit kräftig gebauter Entourage seinen Stammplatz bezog („Unser bester Dauerkunde“, so die Erklärung des Hoteldirektors.)

Als in der Algarve lebender Schweizer liebe ich den Umgang mit den Angehörigen vieler Nationen, aber die Anwerbung von Tausendschaften asiatischer Tourismuskunden wird viele gut zahlende Europäer aus den Hotels vertreiben, die einen derartigen Massen-Billigtourismus fördern. Wie in den amerikanischen Vergnügungsparks erkennbar, wird es künftig, mehr denn je, Eintrittspreise für gutzahlende Kunden geben, die einen echten Service erwarten, und Eintrittspreise für das Massenpublikum, dem jeder vernünftige Mensch fluchtartig aus dem Weg geht.

Hotels, die beide Zielpublika unter dem gleichen Dach und in den gleichen Speisesälen wie Wellnessräumen wollen, werden ihre guten Kunden verlieren. Deshalb muss jede Destination entscheiden, welchem Gast sie dienen will.

Schweiz in der Schräglage

Freitag, den 7. Juni 2013 um 9:47

Antoine de Saint-Exupéry schrieb in seinem Buch „Die Stadt in der Wüste“: „Willst Du ein Volk vernichten, dann sperre es hinter einem Zaun ein, gib ihm zu essen, aber nichts zu tun.“ Genauso verhalten sich der Bundesrat und speziell VBS-Chef Ueli Maurer, wenn Asylsuchende auf 1920 Metern über Meer auf dem Lukmanierpass unter der Erde notgeladert werden. Das ist unmenschlich.

Sie leben während Wochen und Monaten in einer künstlichen Höhe mit künstlichem Licht. Verlassen sie den Bunker, finden Sie sich in einer kahlen Landschaft wieder, wo es im Juni noch schneit und oft im September schon wieder.

Diese Menschen und ihre Angehörigen werden die Schweiz hassen. Ganz unrecht haben sie nicht.

KJS

Europas Kunst ist subventioniert – wie lange noch?

Mittwoch, den 5. Juni 2013 um 9:30

Weil Europas Künstler von den Kunstkäufern alleine nicht leben können, erhalten sie staatliche Subventionen. Das Ergebnis sind solche Messen wie die Biennale in Venedig, wo sich jeder an den Kopf greifen muss, der seit des Eisprungs der europäischen Kunst aus dem Mutterleib der Religion deren Entwicklung verfolgt hat.

Der bisher erhaltene Sonderstatus der Kultur soll im künftigen Freihandelsabkommen der EU mit den USA zur Disposition stehen. Das ist traurig, denn was die Amerikaner der Welt an Kunst anbieten, ist aus europäischer Sicht zu 99% „scrap“, seien dies Filme, Musik, bildhauerische oder darstellende Künste. In den USA regiert der Markt und marktunabhängige Künstler haben nur selten eine Chance, in den Olymp anerkannter Kunstwerker aufzusteigen. Seit 20 Jahren gehe ich nur mit grösstem Widerstand in US-Filme, denn deren Marketing ist sehr viel besser als deren Inhalt. Wer damit zufrieden ist und Geld verdient, soll, wie McDonalds und CocaCola, sein Glück machen, aber daraus noch Ansprüche abzuleiten, ist zuviel.

Die Schweiz hat theoretisch die Chance, sich derlei zu entziehen, aber allzu optimistisch sollten wir nicht sein. Unsere Kunsthandelsszene ist bei weitem vitaler als die eigentliche künstlerische Szene. Wer einen Schweizer Schriftsteller oder eines seiner Werke verfilmen möchte, geht ein hohes Risiko ein, das ohne Steuergelder aus Zürich oder Bern kaum tragbar ist. Die „freien Filmer“ sind meist auch keine erfolgreichen Dauerläufer, wie das Beispiel Nik Hayek’s beweist, der erst nach dem Tod seines Vaters eine echte Karriere als Swatch-Chef machte.  Seine frühe Filmerei war ein nützliches Kreativ-Training.

Unsere Schweizer Künstler mögen sich deshalb auf die freie Marktwirtschaft besinnen. Unsere grossen Dichter, Maler, Bildhauer und Schriftsteller haben alle ohne subventionierten Rettungsschirm gearbeitet. Daraus entsteht wahre Kunst, wie jeder wirkliche Kunstfreund bestätigen wird. Ob Kunst aus existentieller Not entsteht, mögen Boccaccio, Dickens, Zola oder Bertolt Brecht für hunderte anderer beweisen. Schreibende Millionäre oder Milliardäre, soweit dies nicht aus dem eigenen Werk entstand, sind mir nicht bekannt.

Die Schweiz war bei ihren Gründungen, denn derer gibt es viele, aus Sicht des europäischen Adels eine anarchistische Nation. Vielleicht sollten wir zu diesem Zustand zurück kehren, um der Welt zu zeigen, dass auch Handelsverträge das kreative Potential echter Künstler nicht zu brechen vermag.

Kirche in der Krise – Kirche im Angriff

Dienstag, den 4. Juni 2013 um 11:03

Gleich zwei Schweizer Bischöfe laufen gegen die Zivilgesellschaft Sturm: Vitus Huonder in Chur, der gerne seinen Generalvikar, Monsignore Martin Grichting, vorschickt, wenn es hart auf hart geht. Und Bischof Norbert Brunner in Sitten, der in der Oberwalliser Gemeinde Visp den Firmlingen soeben verboten hat, den von ihnen gestalteten Teil der Firmmesse vorzutragen.

Die römisch-katholische Kirche der Schweiz befindet sich in einer Mehrfachkrise: Die Zahl der Schweizer Gläubigen nimmt durch Tod und Austritt sehr schnell ab. Aufgrund der Zuwanderung aus Portugal, Kroatien und anderen Provinzen der katholischen Weltkirche nimmt die Gesamtzahl der Katholiken zu; die Kantone Zürich und Aargau, einst ur-reformiert, sind heute mehrheitlich katholisch.

Der zweite Krisenfaktor ist das Personal der Kirche. Auf den Kanzeln sieht man zunehmend Afrikaner und Asiaten, die von „Johannes dem Teufel“ predigen, weil sie das kleine „r“ nicht aussprechen können. Die Erfahrung zeigt, dass diese Neupriester auf alemannisch-keltischem Gelände meist sehr konservativ sind und jenes Geistes des Aufbruchs entbehren, wie das 2. Vatikanische Konzil ihn vermittelt hat. Die mutigsten, manchmal aber auch am meisten verzweifelten Teile des liberalen Fussvolkes der Kirche, haben seit Monaten zum Protest gegen den Bischof in Chur demonstriert. Dieser wird sich davon nicht erschüttern lassen, sieht er sich doch alleine und direkt dem Papst unterstellt, weshalb er auch eine Schweizerische Bischofskonferenz als wenig zielführend betrachtet, zumal angesichts deren liberaler Teile. Markus Büchel, in St. Gallen ansässiger eher freundlich-liberaler Präsident dieser Bischofskonferenz, ist wohl nur ein Mann des Übergangs. Der im November vom Amt zurücktretende Einsiedler  Abt Martin Werlen, der beim Volk sicher beliebteste Vertreter der römisch-katholischen Kirche, wollte „Miteinander die Glut unter der Asche entdecken“, hat aber eine massgebliche Unterstützung innerhalb der Kirche nicht erhalten und wird im Ausland mehr gelesen als in der Schweiz. Der päpstliche Nuntius in Bern wirkt schon seit Monaten hinter den Kulissen, um die Schweizer Provinz wieder zu einigen; bisher mit geringem Erfolg.

Der dritte und nicht unbedeutende Risikofaktor ist die drohende Abstimmung über die Abschaffung der Kirchensteuer für Unternehmen. Zweifellos legen Firmen wie Glencore oder Deutsche Bank (Schweiz) AG, und mit ihnen zehntausende anderer, keinen gesteigerten Wert darauf, eine solche Steuer zu bezahlen. Die Drohung der Kirchenoberen, man müsse dann auf viele Dienstleistungen der Kirche verzichten, greift nur noch bei konservativen Christen. Die reformierte Kirche, vor allem in Zürich, hat sich in ihr Schicksal bereits ergeben und plant eine radikale Verkleinerung ihrer Infrastruktur. Wenn radikal-konservative Bischöfe dann das Schweizer Volk erregen, wächst die Zahl derjenigen, die es den ihnen meist unbekannten Kirchenvätern einmal an der Urne zeigen wollen.

Der grüne Zürcher Regierungsrat und Justizdirektor Martin Graf ist alles andere als ein Meisterdiplomat. Es geht ihm jene Eleganz ab, die man von der Spitzenpersönlichkeit eines hohen Amtes vor einer Generation noch erwarten durfte. Er hat aber dennoch einem grossen Teil des Zürcher und Schweizervolks unüberhörbar die Stimme geliehen. Was bisher nur hinter vorgezogenen Vorhängen diskutiert wurde, ist ans Licht der Öffentlichkeit getreten.

Hilflosigkeit auf beiden Seiten. Firmlingen den Auftritt in der Kirche zu verbieten, heisst, diese und deren Eltern aus der Kirche zu vertreiben. Und mit ihnen alle ihre Freunde. Das Bistum Chur zu verdächtigen, ausserhalb der Bundes- und Kantonsverfassung zu stehen, wie in Zürich geschehen, entspricht nicht der politischen Usanz, werden doch ultramontane Konflikte an die Wand gemalt, wie sie im 19. Jahrhundert für die Schweiz noch bestimmend waren.

Die „römischen“ Bischöfe im Schweizer Lager sehen sich auch durch den neuen Papst gestärkt, der progressiv in seinem Verhalten, aber konservativ in der Haltung ist. Dies zu lernen, täte allen Beteiligten auch in der Schweiz gut.

KJS

 
     
     
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