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Die „Weissen Clowns“ der Redaktionen

28. Mai 2013 um 10:20

Aus der Kakophonie der täglichen Medienereignisse ragen wie „Weisse Clowns“ in der Zirkusmanege die Kolumnisten heraus. Sie bringen etwas Besinnung in den Vorbeimarsch von Ereignissen, die vom Leser meist nicht sicher beurteilt werden können. Der anhaltende Aufstieg der Kolumnisten beruht auf zwei Faktoren: Die Leser brauchen Meinungen, um ihre eigene daran entwickeln zu können und die Verlage sind deshalb dazu übergegangen „mehr Meinung“ in die eigenen Meinungsblätter zu bringen, um sich von der Konkurrenz abzuheben.

Weil für echte Essays in den dünn gewordenen Tageszeitungen  kaum noch Platz gefunden werden kann, ist mancher grosse Autor zum Kolumnisten geschrumpft worden. Das gilt auch für viele Chefredaktoren, deren Leitartikel meist den Umfang einer grösseren Kolumne nicht übersteigen und weit davon entfernt sind, jenes Gewicht zu haben, das man ihnen im letzten Jahrhundert noch zugesprochen hat.

Wenn die Pressesprecher der Bundesräte und die Generalsekretäre der Parteien am frühen Morgen den Bericht zur täglichen Medienlage abgeben, sind Leitartikel kaum noch ein Thema, entscheidender sind mediale Befunde zum politischen Tagesgeschäft wie Kommentare zu den handelnden Personen in der Parteispitze. Das ist die Chance der Kolumnisten auf der politischen Ebene.

Leitartikel, Essays und Kolumnen zur wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Lage sind noch seltener geworden. Einige Redaktionen bieten regelmässig  3500 bis 4000 Zeichen Platz, um Parteigutachten oder die Kommentare scheinbar unabhängiger Intellektueller in Form einer Kolumne wiederzugeben. Weil persönlicher Hintergrund und aktuelle Interessenlage der Autoren seitens der Redaktion  geduldet oder zu wenig ermittelt werden, wird daraus sehr oft ein Appell in eigener oder zugunsten fremder Sache. Der Kolumnist outet sich als Lobbyist.

In einer Gesellschaft wie der schweizerischen, die unter dem Druck der Globalisierung zunehmend in Mikro-Partikel zerfällt, kann der einzelne Kolumnist – im Unterschied zum echten Leitartikler – nur Teile der Leserschaft bedienen. Diese Fokussierung ist oft auch ganz im Interesse des Kolumnisten, weil er damit jenes Publikum bedient, das ihn ohnehin kennt; dort erfährt er eine Wertsteigerung.

Wenn wir nun dieses Feld aktiver Kolumnisten einmal aufrollen, unterscheide ich der Einfachheit halber zwischen strukturellen Denkern und Schreibern oder Chaoten. Grosses Vorbild wie verhasster Dämon vieler Kolumnisten war der Ringier-Publizist Frank A. Meyer, der als Kolumnist wie wenig erfolgreicher Einflüsterer von Bundesräten heute in einer monothematischen Rolle des Mahners festgefahren ist. Wo die „city rollers“ ihr Geschäft machen, ruft er nach dem klassischen „citoyen“ des 19. Jahrhunderts. Damit in Berlin und in Bern wenig erfolgreich, fällt er in die Rolle des „crooners“ zurück, dessen  Botschaft nostalgisch geworden ist. Einige Zeit hat sich auf diesem Gebiet der aus der Ostschweiz kommende Zolliker Philosoph und Essayist Ludwig Hasler halten können. Eine Spur liberaler als FAM, zählt er heute zu den eher Unzeitgemässen, die sich in der Wiederholung erschöpfen.

Dort ist auch Max Frenkel angesiedelt, der als Kolumnist und Ghostwriter rechtsbürgerlicher Kreise einige gute Jahre hatte, nun aber im Basler Winkel tätig ist. Auch der Oltner Poet Peter Bichsel hält sich auf dieser untersten Stufe der Schriftstellerei. Seine traktatähnlichen Kolumnen treffenden auf die Müdigkeit eines erschöpften Bürgertums, das intellektuelle Nahrung nur noch schlürfend aufnehmen kann.

Den Übergang aus dem 20. ins 21. Jahrhundert haben ohnehin nur wenige geschafft. Im Hause tamedia leuchten aus der Westschweiz die Kolumnen von Peter Rothenbühler, der einmal ein frecher und intelligenter Spitzenjournalist war. Heute liefert er meist moralisierende Suaden nicht unähnlich denjenigen seines Altmeisters Frank A. Meyer, der Rothenbühler früh förderte. Dennoch bleibt Rothenbühler einer der letzten Erben der grossen welschen Essayisten vom Schlage eines Jacques Pilet. Weil bei Rothenbühler, der auch Karriere gemacht hat, aus eleganter Schärfe pastorale  Belehrung geworden ist, kann er die welschen Klassiker wohl nicht mehr erreichen.

Vier Sonderfälle, jeder ein Ausnahmetalent, verdienen Aufmerksamkeit:

  • Kurt W. Zimmermann hat mit Kolumnen zur Medienszene ein Niveau erreicht, wo ihm sonst niemand zu folgen vermag. Bei ihm fallen Erfahrung, Unabhängigkeit und Talent zusammen. Damit hat er den Luzerner Karl Lüönd überholt, der nicht weniger weiss, aber vielfältig eingebunden ist, weshalb seine Kolumnen „staatsmännisch“ geworden sind.
  • Ein grosser Kolumnist der Medien- und politischen Szene könnte Roger Schawinski sein. Als Zampano der Schweizer Medienunternehmer rückt er jedoch zu oft sich selber in den Vordergrund; diese Egomanie ist der „Zapfen“ eines sonst grossen Talentes. Seit der grösste Kritiker des Schweizer Fernsehens zu diesem als spätabendlicher Unterhalter übergelaufen ist, ist er vom Star zum nächtlichen Pausenfüller der „chattering classes“ geworden, eine groteske Entwicklung.
  • Der Briger Hotelier Peter Bodenmann, ein einst legendärer SP-Präsident, ist mit satirischen Beschreibungen, wie „Papa Moll“ über den SVP-Nationalrat François Rime und „Verrichtungsboxen für den Finanzplatz“ legendär geblieben. 

Zimmermann wie Bodenmann haben mit der „Weltwoche“ ein sich vom Blocher-Umfeld langsam distanzierendes Medium gefunden, wo auch SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli mit seinen Kolumnen zu finden ist. Mörgeli, der als Ghostwriter von Dr. Christoph Blocher viel zum Untergang der Zürcher FDP beigetragen hat, ist nun selber in eine Auslaufzone geraten, deren Ende offen ist.

Verleger Roger Köppel, einer der brillantesten Schweizer Journalisten der letzten dreissig Jahre, hat sich in die Rolle eines neuen „Helveticus“ hinein begeben, der jene Reste des Landes, die noch nicht ausländisch kontrolliert sind, neuen Freiheiten zuführen, mindestens aber die alten erhalten will.

  • In gleicher Funktion wie Köppel, aber weniger auffällig, schreibt Yves Kugelmann im „tachles“, der jüdischen Wochenzeitschrift, wie im angesehenen „Aufbau“, seine Betrachtungen zum jüdischen Volk. Mit feinster Feder, was angesichts der Komplexität des Themas nicht erstaunt, agiert er zwischen den Fronten, was seine Lektüre zwingend macht. Angesichts des Brachialkolumnisten (und Essayisten) Hendryk M. Broder, der sich auf dem gleichen publizistischen Boden bewegt, ist Kugelmann eine Erholung.

 Wer meint, damit sei der Horizont grosser Schweizer Kolumnisten erschöpft, irrt gewaltig. Die Gruppe der mahnenden Rufer aus dem Wald ist nicht gering: Ein Prof. Walter Wittmann aus Bad Ragaz fordert seit Jahren den ganzen Finanzplatz Schweiz heraus, dessen Untergang wegen Unfähigkeit er schon lange beschreibt. Ein Dr. Thomas Held, einst Chef von Avenir Suisse, der als Bankierssohn ein radikaler Linker wurde, um heute im Dienst von Dr. Christoph Blocher ein altes Kloster umzubauen, wirkt als Mahner zu Offenheit und Vernunft. Dort bewegt sich als Kolumnist inhaltlich auch der ehemalige CVP-Generalsekretär und Multifunktionsberater Iwan Rickenbacher in dessen meist Innerschweizer Kolumnen der religiös fundierte Glaube zum Ausdruck kommt, die Schweiz könne wieder vernünftig regiert werden.

Wie gefährdet die publizistische Existenz eines hoch begabten Kolumnisten sein kann, beweist das Beispiel des St. Galler Ex-Bankiers Dr. Konrad Hummler. Seine Kolumnen in der „Neue Zürcher Zeitung“ trafen stets auf eine hohe Erwartungshaltung bei einer engagierten Leserschaft. Mit seinem (erzwungenen) Rücktritt aus dem Verwaltungsrat der „Neue Zürcher Zeitung“, der die Folge eines Angriffs der New Yorker Justiz auf die von ihm geführte Bank Wegelin war, wurde auch dem Unbefangensten klar, dass nicht Hummlers Qualität als Kolumnist es war, die zählte, sondern seine gesellschaftliche Position. Mit deren Verlust, war er bei der NZZ auch als Kolumnist nicht mehr gefragt. Schon daran wird erkennbar, dass die Berufung von Kolumnisten, wie weitere Beispiele zeigen werden, oft wenig mit Qualität, sondern mehr mit dem Prinzip des „Eine- Hand-wäscht-die andere“ zu tun hat.

Bewegen wir uns hier noch in den gemässigten Zonen kolumnistischer Praxis, zeigt der zweite Blick auf die Ringier-Medien, dass gerade dort eine erstaunliche Entwicklung in Gang gekommen ist. Jürg Ramspeck, während Jahren Spitzenkolumnist an der Dufourstrasse, der in seinen Kolumnen der Schweizer Kultur gerade im „Blick“ prägnant zur Seite stand, musste vor seiner tausendsten Kolumne gehen. Aus dieser Klasse der professionellen Schreiber, die ihr Handwerk verstehen, ist nur Helmut-Maria Glogger geblieben, den Hunderttausende jeden Tag gerne im „Blick am Abend“ lesen. Tausend Glogger-Kolumnen ohne einen einzigen Ausfall bedeutet neben der intellektuellen auch eine disziplinierte Leistung. Ramspeck wie Glogger blicken in ihren Kolumnen dem Leser ins Auge; das ist echter Boulevard.

Mit dem dauerhaft sinkenden Niveau der Schweizer Printmedien geht auch der Einzug der Nonsense-Kolumnisten einher, wo man sich wirklich fragen muss, wer dies lesen soll. Prominentester Vorläufer ist Mark Huisseling mit seiner „Weltwoche“-Kolumne, die kürzlich das Zeitliche gesegnet hat und als „Blog“ weitergeführt wird. Höhepunkt dieser jüngsten Entwicklung ist der als arrogant geltende Deutsche Roman Koidl, der nach dem klugen Ramspeck nun im „Blick“ täglich eine Kolumne schreiben darf, die wohl weder von Schweizern noch von Deutschen verstanden werden kann. Dem bayrischen Markenberater Koidl, dem schon der deutsche Kanzlerkandidat Peer Steinbrück zum Opfer gefallen ist, gelingt eine „Blick“-Kolumne, deren Texte als wirr zu bezeichnen nur als Auszeichnung verstanden werden darf, ganz wie bei manchen Objekten moderner Kunst auch, die Koidl mit Verleger Michael Ringier zusammen führte.

Als Autor zweier Kolumnen-Bücher aus den Häusern tamedia („Am See“) und des Verlags „Südostschweiz“ („Föhnsturm über der Schweiz“) freue ich mich, in derart anregender Gesellschaft tätig zu sein. Mögen uns die Leser hold bleiben.

KJS

Ein Kommentar zu “Die „Weissen Clowns“ der Redaktionen”

  1. Harry R. Wilkens

    Tut mir leid, ich sehe die Schweizer Presseszene etwas anders. Seit mehr als 20 Jahren versuche ich, mit dem einen oder anderen Schweizer „Kollegen“ etwas bewirken, aber Enthüllungsjournalismus hierzulande (allerdings auch in Deutschland) ist meist Auftragsjournalismus. Wenn das Ganze nicht gesponsert wird, wird auch nichts gebracht. Meist ist es so, dass ein (finanzkräftiger) Konkurrent dem anderen eins auswischen will, z.B. – im Falle des jetzigen Bangladesch-Hypes – eine grosse Bekleidungsfirma einer anderen grossen Bekleidungsfirma. Man mag entgegenhalten, dass wenn es die Kampagne von XY gegen Kik nicht gegeben hätte, man heute darüber schweigen würde – trotz der Tausenden von Todesopfern? Man mag darüber diskutieren, aber fest steht, dass es diese Todesopfer trotz der „mutigen“ Auftragsjournalisten gegeben hätte…

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