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Tagesarchiv für 28. Februar 2012

Masal Tow

Dienstag, den 28. Februar 2012 um 17:00

Mit Juden zu diskutieren, ist immer ein besonderes Erlebnis, wie jeder weiss, der Roger Schawinski einmal vor das Mikrofon gekommen ist. Noch schöner aber ist es, wenn Juden miteinander diskutieren. Sie sind von gnadenloser Schärfe, oft auch Brillanz, eine Eigenschaft, die sie Nichtjuden schwerlich zugestehen.

Yves Kugelmann, Chefredaktor von „tachles“, den ich zu den brillanten Juden im Land zähle, schreibt dazu in seinem jüngsten Editorial: „Die Debatte ist ein wesentlicher Bestandteil jüdischer Tradition. Der Diskurs, die Diskussion, der Dialog und Disput sind Teil des kulturellen Selbstverständnisses.“ Kugelmann bedauert auch, dass „die lebhafte Debattenkultur“ in den letzten Jahren weniger geworden ist.

Vehement schreibt „tachles“ gegen das „Europäisch-jüdische Parlament“, das sich in Brüssel konstituiert hat. Der von zwei ukrainischen Oligarchen finanzierte Anlass sei „eine Versammlung ohne Legitimation“, denn bei rund 3,5 Mio. europäischen Juden seien die per Internet abgegebenen gut 400 000 Stimmen, davon 260 aus der Schweiz, kein Beweis für eine überwältigende Wahlbeteiligung.

Bisher hat kein nichtjüdisches Medium diesem Parlament nennenswerte Aufmerksamkeit geschenkt; man wartet ab, will sich die Finger nicht verbrennen. Wenn die jüdische Diskussionskultur nachgelassen hat, dann ist die christlich-europäische schon lange am Ende.

Laue Christen, heisse Muslime, coole Juden

Dienstag, den 28. Februar 2012 um 11:40

Mit den Christen ist nichts mehr los. In den Kirchen sitzen alte Leute, „Gewohnheitschristen“, die kaum mehr Anteil nehmen an dem, was um sie herum vorgeht. Sie haben keine Kraft mehr für die Welt, für die Jungen, sie leben die christliche Selbstverwirklichung. Die Pfarrer sind zu 90% nicht besser; sie wollen ihre Ruhe haben.

Und die Muslime? Sie greifen in Nigeria die Christen an, sie kämpfen in Afghanistan gegen Ungläubige, die ihre Heiligen Schriften verbrennen, sie treten für ihren Glauben ein, ob uns dies gefällt oder nicht.

Die Juden sind cool. Sie besuchen ihre hoch geschützten Synagogen, pflegen kaum Umgang mit unvertrauten Andersgläubigen, haben ein reges religiöses und kulturelles Leben.

Die Christen sind ohne geistig-geistliche Führung. Die Schweizer Reformierten haben begonnen, ihre Kirchen zu schliessen oder mindestens, dies zu planen. Die römisch-katholischen Bischöfe verharren in einem depressiven Zustand, weil die Staatskirche sie fast erwürgt. Die Gläubigen erwarten den Zeigefinger Gottes. Er kommt nicht aus Sitten, wo der Präsident der Schweizerischen Bischofskonferenz seine Rituale pflegt. Er kommt nicht aus St. Gallen, nicht aus Chur, nicht aus Soleure-Basel. Abt Martin ist aus seinem Koma wieder erwacht. Wann erwachen die Schweizer Christen?

Die Kunst hoher Berichterstattung

Dienstag, den 28. Februar 2012 um 11:15

Die „Neue Zürcher Zeitung“, als Schweizer Gral erstklassiger Berichterstattung, hat in ihrer Ausgabe vom 18. Februar den Versuch gemacht, ihren Lesern mitzuteilen, wie hoch die Inflation in den USA per Ende Januar 2012 ist. Auf 17 Zeilen ist sie daran gescheitert. Sie liess wissen, die Teuerung sei zurückgekehrt, „nachdem die Preise praktisch drei Monate stabil waren“. Gegenüber dem Vormonat sei der Index um 0,2% gestiegen. Über die vergangenen  12 Monate habe die Inflation 2,9% betragen, seit September sei die Tendenz aber rückläufig, „als 3,9% gemessen wurden. Wissen Sie nun, wie hoch die Inflation in den USA ist?

Durch viel sprachliche Eleganz zeichnet sich auch die deutsche Wochenzeitung „Die Zeit“ aus, die in ihrer Ausgabe vom 16. Februar auf der Titelseite meldet: „In Nogent sur Marne bei Paris regt sich Protest, weil ein Denkmal zur Erinnerung an die italienischen Einwanderinnen die Gesichtszüge der italienischen Einwanderin Carla Bruni tragen soll. Man empört sich darüber, dass eine wohlhabende Frau jene Armen vertreten darf, die einst den Federschmuck für die Reichen und Schönen herstellten..“ Darauf kommentiert „Die Zeit“: „Doch wer könne die Arbeiterinnen mehr ehren als eine, die den Schmuck trägt und bezahlt?“ Man mag es zynisch nennen, ich nenne ist brechtisch.

 

Zusatz:

Weil die Philosophie am Boden liegt und es ohnehin mühsam ist, für die noch lesende Biomasse Intellektuelles abzusondern, haben sich unsere Grossschriftsteller auf ein Genre eingelassen, das mehr verspricht. Bernard-Henry Lévy, Edel-Pariser mit lockiger Mähne, hat mit einem Telefon aus Benghasi den Einmarsch der NATO in Libyen ausgelöst. Während seine Vorbilder im 18. Jahrhundert ihre Opfer unter die Guillotine brachten, wurde Muammar Ghadhafi auf einem Pritschenwagen verstümmelt und getötet. Dies liess dem in Südfrankreich aufgewachsenen Amerikaner Jonathan Littell keine Ruhe. Er bereiste, ohne nennenswertes Aufsehen zu erregen, Tschetschenien und Georgien. Jetzt aber ging er „heimlich über die Grenze, in die Hochburg der syrischen Rebellen“, um von dort zu berichten „Ein grosses Netzwerk von Zivilisten unterstützt die FSA und die Revolution.“ Irrtum, Freundchen, in Syrien herrscht ein Bürgerkrieg. Und geschaffen haben diesen Staat die Franzosen.

Alarm an den Universitäten

Dienstag, den 28. Februar 2012 um 9:45

Alle vier Jahre werden der ETH-Rat und die Spitzen der Schweizer Universitäten höchst unruhig. Es geht darum, wieder Milliarden zur Finanzierung ihrer Wissensträger vom Bundesrat zu erhalten.

  • Fritz Schiesser, Präsident des ETH-Rats will es unter Fr. 26 Mia. nicht machen.
  • Der Bundesrat will mehr als 4% Wachstum pro Budgetjahr nicht zugestehen.

Es wird also grosse Kämpfe geben zwischen den Hochschulen, den grossen und kleinen Instituten, und einige werden verlieren: der Mittelbau und die Studenten. Dazu kommt, dass die Stimmung zwischen den Unis grimmig geworden ist. Die Zürcher werfen Patrick Aebischer von der ETH Lausanne vor, er würde eine Bling-Bling-Wissenschaft betreiben, also mehr versprechen als Ergebnisse zu bringen. Bern und Basel suchen weiterhin ihren Platz an der Sonne. Die Zahl Schweizer Professoren und Studenten stagniert oder nimmt sogar ab. Finanziert werden die Milliarden ohnehin mehrheitlich von einfachen Schweizer Familien, deren Kinder nie eine Chance haben, im eigenen Land zu studieren, und von ausländischen Gastarbeitern.

 
     
     
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