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Brutalisierung des Schweizer Volks

30. August 2010 um 7:28

Reist man im Sommer durch das Land, ist es unvermeidbar, den berühmten Schweizer Stammtisch zu erleben, wie äusserlich liebenswerte Menschen sich über ihr soziales Umfeld in einer Tonlage äussern, die auf eine tiefgreifende Brutalisierung des einfachen Schweizer Volkes schliessen lässt. Während die intelligenteren Schweizer sich auf Thilo Sarrazin, Mitglied der Deutschen Bundesbank, berufen, wenn sie die hohen Geburtenraten (“legen zu viele Eier”) der Muslime in der Schweiz beklagen und auch die schlechten Noten für die Schweizer Schulen damit rechtfertigen, die Finnen hätten weniger Ausländer als die Schweiz, haut das Volk auf die kaum vorhandenen Kopftuchträgerinnen, will die Dirnen verprügeln, die von unseren Politikern durchaus erlaubt werden, und beschäftigen sich mit Steinigungen im Islam, als sei dies ein neuer Schweizer Volkssport. Die Medien berichten über das Preisniveau auf dem Strassenstrich als handle es sich um Börsenkurse.

Die Schweiz hatte zwischen 1760 und 1960 zahlreiche hoch gebildete Zeitgenossen, die auf europäischer Ebene mitreden konnten. Es waren wohl die goldenen Jahre des Landes, denn auch ein Adolf Muschg schreibt heute Romane, die nur auf der Basis des Mitleids und des Nichtvorhandenseins nennenswerter Alternativen gelobt werden können. Das gebildete Schweizer Bürgertum, dem Weltoffenheit und eine liberale geistige Haltung zugesprochen werden kann, ist kaum noch vorhanden. Der Besuch eines Konzerts im KKL oder die Teilnahme eines Bankiers am Filmfestival in Locarno können nicht als echtes kulturelles Engagement gewertet werden, weil es dabei mehr um Repräsentation denn um echtes inneres Erleben geht. Der Export Schweizer Intellektueller an ausländische kulturelle Stützpunkte lässt ein wenig hoffen. Die Weltkultur strömt von aussen in die Schweiz. Die eigentliche Schweizer Kultur, die 200 grosse Jahre erlebt hat, ist im Begriff zur Folklore abzusinken.

10 Kommentare zu “Brutalisierung des Schweizer Volks”

  1. rené w.

    Wenn sich 250 000 Schweizer – endlich sind wir mal unter uns (!) – ans Schwingfest nach Frauenfeld begeben, ist das der Beweis für den weiteren Zerfall der urbanen Schweiz. Die Antwort von BR Leuenberger an Frau Amgarten kann man nur unterstützen.
    Das Land versinkt im Mief des Mittelmasses, im Gestank von verpissten Innerstädten und im Gejohle der Volksschlager-Anhänger im Dindl-Look !
    Die Politiker der SVP sollen sich den erreichten Zustand genau anschauen und vielleicht kommt einer von ihnen zur Einsicht, dass der seit 20 Jahren eingeschlagene Weg die Zivilisation und das Niveau dieses Landes in eine verheerende Richtung geführt haben !

  2. Fred David

    Es gibt in der Schweiz aber auch wenige Stimmen, die eine Gegenposition einnehmen. Alle halten den Mund. Die Regierung ist bei solchen Themen überhaupt nicht existent. Dieses Verkriechen vor dem Pöbel führt dazu, dass ausfällige, aggressive Aeusserungen immer ungenierter fallen. Es lohnte, sich mal durch einschlägige Blogs zu lesen. Man zuckt unweigerlich zusmmen: Sind das wirklich wir, das Land mit der Hochglanzfassade?

    In Deutschland wird über Sarazin heftig debattiert. Es wird ihm durchaus eingeräumt, mit einzelnen Feststellungen Recht zu haben. Es wird aber auch aufgelistet, wo er nur noch degoutant argumentiert.

    Bei uns gibt es schon gar keine Debatten mehr in diesen Fragen. Der Stammtisch regiert. Und der Stammtisch steht nicht mehr nur im Bären zu Bäriswil, sonder auch in Szene-Cüplibars der Urbanos.

  3. rené w.

    @ Fred David: Die SPD wird Sarazin aus der Partei ausschliessen, seine Sprüche über Juden haben das Fass zum Ueberlaufen gebracht. In Deutschland gibt’s Grenzen für Hetze, in Frankreich wird Sarkozy’s Roma-Deportationspolitik zu seinem Rubicon werden, er wird langfristig daran scheitern.
    In der Schweiz geht’s anders: Gerade ist Herr Somm/Weltwoche zum Chefredakteur der BaZ gemacht worden: Die Zeitung wird zum rechten Hetzblatt im Sinne der SVP und ihrer ‘Wählermassen’ umfunktioniert werden, schon spekuliert man über eine weitere Fusion mit der Mittelland-Zeitunng, auch Besitzerln der Basellandschaftlichen Zeitung – die Volksmanipulation von rechts dehnt sich auch in die Region Basel aus.

  4. Harry R. Wilkens

    Die politische Korrektheit in Deutschland – und nicht nur da – kotzt mich an. DER SPIEGEL fährt diese Woche einerseits Kotau machende Kommentatoren gegen Sarrazin auf, widmet jedoch auf der anderen Seite den Titel dem Bürgeraufstand gegen die Politik (Stuttgart 21 etc). Und all das geschieht in den Tagen, in denen der Transvestit aus Tripoli in Italien mal wieder die Sau rauslässt, sich 200 Hostessen mietet, und (nur?) 3 davon zum Islam konvertiert.
    Wenigstens dürfen die Italiener noch dagegen wettern, und auch die Franzosen gegen die, welche man nur noch “Roma” nennen darf, obwohl die sich selber weiterhin als “Zigeuner” bezeichnen…

  5. Fred David

    @) rené w.: Parteiausschlussverfahren sind meistens kontraproduktiv. Solange einer keine herausragende Parteifunktion innehat – wie z.B. Sarazin – sollte man dies nicht tun. Man muss sich schon innerparteilich mit ihm auseinadersetzen und die Antisemitismus-Keule sollte man wirklich nur in extremen Fällen auspacken. In diesem Fall ist das sicher übertrieben.

    Nein: Man soll sich mit ihm mit Argumenten fetzen, er weicht ja nicht aus. Man muss ihm zuerkennen, dass er eine notwendige Debatte auslöst. Die Kunst ist es, diese Debatte nicht aus dem Ruder laufen zu lassen, was bei diesen Themen nicht einfach ist, wie wir als Schweizer aus einschlägiger Erfahrung wissen.

    Ein gûtes Beispiel ist für mich z.. B. das ausführliche Sarazin-Interview in der aktuellen “Zeit”-Ausgabe.

    Und was die Basler mit ihrer armen BaZ alles anstellen lassen, müssen die Basler wissen. Es gibt ja noch die NZZ und den Tagi, die ja jetzt vielleicht Morgenluft wittern und einen neuen Versuch mit einem Basel-Teil starten. Da müssten die Basler mal den Anti-Züri-Reflex zurückstellen, auch wenn’s schwer fällt.

    Wenn eine Monopolsituation von politischen Interessen derart offen und durchschaubar ausgenutzt wird, wie das bei den Hintermännern der BaZ der Fall ist, dann ist es an der Zeit zu reagieren.

    Ich sehe das auch so wie Sie: Das wird nicht der letzte Schlag der militanten Rechtskonservativen sein. Sie wollen kein “liberales” Blatt; sie wollen ein rechtskonservatives, nach ihren persönlichen politischen Vorstellungen

    Was mir nicht klar ist: Was sich der Ex-BaZ-Verleger Matthias Hagemann mit dem Verkauf an Tettamanti gedacht hat. Er wusste doch genau, was passiert. Er hat ja ohne Not auch schon die “Weltwoche” an die gleiche Truppe verkauft. Es gab in beiden Fällen andere, weniger problematische Interessenten.

    Wenn ich Basler wäre, würde ich den Herrn mal zur Rede stellen. Der Verkauf einer Monopolzeitung ist nicht eine rein private Entscheidung. Andere Monopolverleger überlegen sich das hoffentlich besser. Es gibt ja noch einige.

  6. rené w.

    @ Fred David: Mein Vater war Schriftsetzer bei der Basellandschaftliche Zeitung, ich selbst dort als Gymnasisast Korrektor, alles zu Zeiten des seligen Blei-Satzes mit ! Sie werden mein Entsetzen über die Machenschaften der neuen BaZ Heren und die bodenlose Dummheit des Herrn Hagemann verstehen.
    Die Familie Lüdin, Liestal hat die BZ vor ca.2 Jahren an die Milltelland.Zeitung verkauft, das hatte eher familiäre Gründe, Alex Lüdin, VR Präsident, verstarb jung, sein Bruder hat verkauft, irgendwie verständlich.
    Basel ist eine alte Buchdrucker-Stadt und ich hoffe, dass sich Leute bereitfinden, die an die Gründung einer neuen liberalen Zeitung denken !
    Geld ist in den richtigen Familien genug vorhanden, fehlen noch die Initianten, vorläufig werden viele das BaZ-Abo kündigen, ich gehöre auch dazu.

  7. rené w.

    @ Fred David: Und zu Sarrazin: Klar, Meinungen sollen ausdiskutiert werden, nur: Das spezielle ‘Juden-Gen’, das Sarrazin glaubt, gefunden zu haben, grenzt doch an ‘Rassen-Hygiene’ der Nazis und kann, zumal in Deutschland, von keiner verantwortlichen Person aus der Oeffentlichkeit in Buchform publiziert werden. Dem ist entgegen zu treten, auch wenn Wilkens die ‘political correctness’ nervt !

  8. Fred David

    @) rené w. : Doch, es kann einer, wenn er nicht gerade in einem wichtigen politischen Amt ist (den Sitz im VR der Bundesbank rechne ich mal nicht dazu), die Meinung vertreten, es gebe ein spezielles Juden-Gen. Die jüdische Verebungslehre besagt immerhin, dass Jude nur sein kann, wer eine jüdische Mutter hat. Uebertritte zum Judentum sind möglich, aber nur unter ganz speziellen Bedingungen. Konvertiten sind daher selten. Das heisst: Die Juden selber pflegen seit etwa 2500 Jahren eine ziemlich rigorose Abstammungslehre.

    Ich teile Sarrazins Gen-Geschichte trotzdem nicht, sie ist ausserdem wissenschftlich weitgehend widerlegt. Aber schreiben und sagen darf er es. Wissenschaftliche Fakten werden nicht vor Gericht entschieden, auch nicht vor einem Parteigericht.

    Die Diskussion in Deutschland läuft ja nicht uninteressant. Er kriegt ordentlich kontra, aber viele sagen auch: In einigen wesentlchen Dingen hat er schon auch recht. Zum Teil läuft die Debatte, soweit ich sie mitbekomme, auf höherem Niveau als hier bei uns. Vor allem gibts in D. genügend Leute, die den Mund aufmachen und auch gegen die tatsächliche oder ver meintliche Volchsmeinung argumentieren.

    Zu Basel: Dass vieIe Basler sehr unzufrieden sind mit ihrer Medienlage kann ich als CH-Ossi sehr gut verstehen. Ich habe hier auch nur eine Tageszeitung , das “Tagblatt” , mit regionalen Informationen zur Verfügung. Ich kann es schlucken oder nicht, ausweichen kann ich nicht. Monopole bei Tageszeitungen sind generell schlecht. Im Fall des “Tagblatts” – es gehört zur NZZ-Gruppe, inkl. Gratisblättern, lokale Radio- und TV-Stationen – führt das nicht so sehr zur politischen Schlagseite, sondern zu einer entsetzlichen Langeweile, alles und nichts, jedem und niemandem. Der Preis ist die totale Profillosigkeit. Ein Gruss übrigens an die Marktliberalen bei der NZZ. Vielleicht haben sie mal Lust , über Monopole in ihrer unmittelbaren Umgebung klug zu reflektieren …

    Ich glaube, Sie treffen den Punkt, wenn Sie sagen: Es braucht ein paar Milliardäre – von denen gibts in der Schweiz ja an die 150 – die erkennen, was hier vor sich geht und die einen Teil ihres Vermögens in Stiftungen geben, mit dem Auftrag, eine ordentliche, unabhängige, auch wirtschftsunabhängige, erfolgreiche Tageszeitung herauszugeben, selbstverständlich ohne jede parteipolitische oder sonstige ideologische Vorgabe. Die totale Abhängigkeit vom Anzeigenmarkt kann nur so relativiert werden.

    Sie sollen dafür sorgen, dass der von ihnen dauernd beschworene “freie Markt” auch im Medienbereich funktioniert. Ausserdem haben sie von der Schweiz sehr viel profitiert. Es ist an der Zeit etwas zurückzugeben. Schöne Kunstsammlungen, Musikfestivals , Opernhäuser und Fussballclubs haben wir inzwischen reichlich. Danke dafür, aber jetzt darfs auch mal ein gesellschaftspolitisches Engagement sein.

    Das ist in meinen Augen der einzige Weg, noch einigermassen unabhängigen Journalismus und eine einigermassen unabhängige Publzistik zu betreiben – nicht allein in Basel.

    Nicolas Hayek sagte mir mal: Das Problem des Schweizer Journalismus ist seine Abhängigkeit. Journalisten sollten unabhängig sein.

    Jaaaaa, habe ich gesagt, genau, aber Sie als Milliardär können sich solche schönen philosophischen Ueberlegungen leisten. Ich nicht.

  9. rené w.

    @ Fred David: Ich habe gerade Auszüge aus Sarrazin’s Buch gelesen: eigentlich harmlos, was die Juden anbelangt, nur in D halt ein heisses Eisen, und deshalb für die SPD unerträglich !
    Seine Behauptungen über wirtschaftliche und demografische Konsequenzen der Immigration sind reine Theorie, können heute nicht bewiesen werden.
    Ein unnötiger Presse-Hype also ? Sicher auch, er inszeniert sich wie ein Zirkusdirektor, lässt alle tanzen, bis zur Bundeskanzlerin. Sprüche wie ‘ es werden lauter kleine Kopftuch-Mädchen geboren’ kommen an, hetzen auf !
    Dennoch: Seine Provokationen in Sachen zB Islam passen in die aktuellen europäischen Anti-Ausländer-Hetzen, Schlüer und Konsorten, die ganze restliche SVP, Herr Strache in Oe, Sarkozy lässt untersuchen, wer noch Anspruch auf die ‘identité francaise’ habe………………
    Da gab’s doch den Wiener Bürgemeiste Lueger und seinen berühmten Satz:…..wos a Jud is – des bestimm i…!

  10. Fred David

    @) rené w: Ja, das christliche Abendland ist seltsam verunsichert und völlig irritiert von der Tatsache, dass es Leute gibt, denen ihr Glaube sehr wichtig ist. Man hat diesen religösen Lebensauffassung nichts anderes entgegen zu setzen als die gheiligen Werte der freien Marktwirtschaft, und ist völlig von den Socken, dass dieses Glaubenbekenntnis nicht für alle und überall als allein seeligmachend anerkannt wird.

    Religiöser Fanatismus ist das eine, aber wir fühlen uns ja achon von ein paar Minaretten und Kopftüchern tötlich bedroht.

    Wir sind schon eine ziemlich leicht zu verunsichernde Gesellschaft geworden, weil Viele den Boden unter ihren Füssen langsam aber stetig errodieren sehen und den wirtschaftlichen Abstieg fürchten. Diese durchaus berechtigten Aengste führen zu Ueberreaktionen – der ideale Nährboden für Fremdenfeindlichkeit und rechtskonservative Populisten, und auch für die Sarrazins, die zwar in Vielem durchaus Recht haben mögen, aber nicht kapieren, mit welchem Feuer sie da spielen.

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