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Echte Soldaten gibt es wohl nicht mehr in Europa

27. August 2010 um 7:17

Fast hätte ich ihn vergessen: Marcel Bigeard ist gestorben, jener legendäre französische General, der über Dien Bien Phu absprang, um seine Truppen retten, der sich General Giap nicht ergab, auch dann nicht, als von seinen Männern in Vietnam von 11 000 nur 3 000 übrig geblieben waren. Später liess er im Algerienkrieg feindliche Guerillakrieger aus dem Heli ins Meer werfen und nannte sie deshalb “shrimps”, weil “crever/sterben” sprachlich nahe bei Crevetten liegt. Gefoltert haben die Franzosen natürlich nicht, ebenso wenig wie das Team Videla/Pinochet oder Bush II./Rumsfeld dies zuliessen. In Europa schaffen wir gerade die Volksarmeen ab: Grossbritannien (was ist daran noch gross?) ist pleite, Deutschland muss sparen, und in der Schweizer Armee? Chaos, das sich noch nicht herumgesprochen hat, schrieb doch der “Monde” vom 2. Juli dieses Jahres: “La Suisse, qui dispose d’une bonne défense nationale.” Ueli Maurer wird sich darüber gefreut haben.

Ein Kommentar zu “Echte Soldaten gibt es wohl nicht mehr in Europa”

  1. Prof. Gerardo W. Físcher

    In diesem Zusammenhang sind die Staatsideen im Wandel der Zeit zu sehen. Was zu einer Zeit Heldentum ist, wird beispielsweise heute weinerlich als Verstoß gegen die “Menschenrechte” gesehen und gar mit rückwirkenden(!) Gesetzen strafrechtlich verfolgt. Heute will man “den Staat” gern als Summe von Individuen sehen, die tun und lassen können, was sie wollen, wenn sie nur ihre Steuern zahlen und ihrem Nachbarn nicht auf die Füße treten.

    Im Irak wurden von hoch fliegenden, von irakischen Flugabwehrkanonen nicht erreichbaren Bombern aus zwischen 200.000 und 600.000 Iraker vernichtet, im 2. Weltkrieg gegen Deutschland war es noch schlimmer, aber der Mantel des milden Vergessens liegt schon darüber. Täter waren die Amis, die US-Amerikaner, gut und reichlich bewaffnet, aber dem Bodenkampf nicht gewachsen, wie schon die Eroberung der winzigen Insel Grenada gezeigt hat, die Wochen dauerte. “Menschenrechte” galten nur gegenüber dem irakischen Staatspräsidenten – zu seinen Ungunsten! Eine Handvoll aufständischer Kurden war lange Jahre vor dem USA/UNO-Krieg gegen Irak einem Vergeltungsschlag erlegen, bei dem auch Giftgas verwendet worden war. Ohne Verteidigung (denn 3 Verteidiger wurden ermordet, andere nachhaltig eingeschüchtert) wurde der Präsident – propagandistisch nur noch “Diktator” genannt – zum Tode verurteilt und bestialisch aufgehängt, seinem Minister mit Verantwortung für chemische Waffen gar mit dem Mittel einer längeren Fallstrecke der Kopf abgerissen. Maßgebliche Staatskonzepte waren hier ein von den Briten in Kolonialzeiten geschaffenes Scheichtum Kuwait, das sie als nunmehr unabhängigen Staat vor den Meereszugang Iraks gesetzt hatten, die USA, die wegen ihrer “unbezweifelbar vorbildlichen Verfassung” immer im Recht zu sein hatten, und Großbritannien, das im Auftrage des Völkerbundes (ca. 1918 – ca. 1945) die Oberhoheit über Irak gehabt hatte. Außerdem waren die Erdöl-Konzessionen in Kuwait rein US-amerikanisch.

    Wie war es mit Jugoslawien nach Marschall Tito, über dessen Menschenrechtsverletzungen bis heute so gut wie nichts gesagt wird? Als Jugoslawien (d.h. “Süd-Slawien”) gegründet wurde – damals noch als Königreich, so wie Albanien oder Griechenland auch – galt noch der Gedanke, der Balkanisierung des Gebiets ein Ende zu machen. Serben, Kroaten, Bosnier und die Östereich entrissenen Slowenier mochten sich nicht, sprachen aber bis auf die Slowenen die gleiche Sprache. Aber diese Völker fühlten sich von Anfang an gegenüber Rumänien, Bulgarien und Ungarn zurückgesetzt, was ihre inneren Gegensätze bestärkte.Um einem Zerfall entgegenzuarbeiten, übernahm Serbien in Jugoslawien die Führung und konzentrierte in seinem Gebiet die schweren Waffen (Kanonen, Panzer). Serbiens Milosewitsch wollte also den Erhalt Jugoslawiens – zumindest des serbokroatisch sprechenden Hauptteils. Aber sein Staatsmodell hatte sich überlebt: Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs lebten im ganzen Balkan-Gebiet die Einzelvölker auf, und die katholischen Kroaten und die überswiegend mohammedanischen Bosniaken wollten nicht mehr von den überwiegend griechischorthodoxen Serben beherrscht sein. Die westliche Welt (heimlich schwere Waffen Argentiniens an Kroatien, Einsatz von NATO-Truppen) ergriff Partei für die Aufständischen. Der Krieg um die Unabhängigkeit der Teile war blutig, aber ziemlich einseitig wurden nur die von Serben geschaffenen Massengräber ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit gerückt. Milosewitsch wurde wegen “Verletzung der Menschenrechte” angeklagt und als der Prozess nicht recht ingang kam, mit einem Herzmittel ermordet (wie die Weltpresse immerhin glaubhaft versichert hat, auch ohne endgültige richterliche Aufklärung).

    In Vietnam war General Diap mit seinen Truppen von den Vietminh/Vietkong bei Dien-bien-Phu eingekesselt und musste sich ergeben, was strategisch richtig war. Trotzdem war Marcel Bigeard (ich lese heute zu erstnemal von ihm) ein tapferer Mann. Staatsidee war in Vietnam bis dahin der französische Kolonialismus. Beim nachfolgenden Vietnamkrieg stellten sich die USA gegen den Kommunismus, mussten aber trotz eines immer abstrakter werdenden Bewusstseins, für das Recht zu kämpfen, vor den entschlosseneren Vietnamesen das Heil in der Flucht suchen. Einst hatte in Russland Josef Stalin sein Volk, das sich die kommunistische Regierung nicht ausgesucht hatte, zur Verteidigung von “Mütterchen Russland” aufgefordert und mit diesem Gedanken selbst die unzufriedenen Ukrainer mitgerissen. Ebenso verstand es Ho-tschi-Minh, seinen Vietnamesen ein Volksempfinden einzureden.

    Der verhältnismäßig fruchtbare breite Küstenstreifen Nord-Algeriens wurde etwas gekünstelt als Teil des französischen Mutterlandes regiert, um nicht als Kolonie zu gelten. Für diese Idee kämpften jene französischen Truppen, die nachts ihre Trommeln im Rhythmus “Al-gé-rie Fran-çaise” tönen ließen. Auch hierher passt ein Marcel Bigeard, und kriegerische Grausamkeiten waren damals ganz und gar verständlich. Erst Charles DeGaulle löste das Französische Kolonialreich schließlich auf geordnete Weise auf – wenn auch seine Kleinstaaterei in West- und Äquatorial-Afrika bis heute ein Schaden für die Welt ist.

    Die Schweiz sollte bei solchen Konzept-Problemen nicht wegsehen – schließlich sind Genfer Konvention und Völkerbund (der als UNO weitergeführt wird) und das Internationale Rote Kreuz hier beheimatet. Eine schweizer Politikerin (wer war es?) sagte vor einigen wenigen Jahrzehnten, der stärkste Gedanke zur staatlichen Aufrechterhaltung der Schweiz sei ihre Neutralität, im Gegensatz zu eventuellen sprachlichen Zentrifugalkräften. Eben deshalb ist ein EU-Anschluss hier eine so empfindliche Angelegenheit, da die EU ihren Staaten – allerdings vor allem den größeren – ihr Selbstverständnis aushöhlt, mögen auch sonst Vorteile bestehen. – gwf

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