Geist wird nicht honoriert
26. August 2010 um 7:33Ein Banker wird gut bezahlt, wenn er aus Geld noch mehr Geld macht. Das lässt sich zählen. Ein Developper wie Samih Sawiris verdient im günstigen Fall sehr viel Geld, weil er aus unbenutzten, billig erworbenen Wiesen in Andermatt “ein neues St. Moritz” macht. Dann muss er aber besser sein als VBS-Chef Ueli Maurer, der bei Amtsantritt “die beste Armee der Welt” schaffen wollte; heute ist er sehr weit davon entfernt und scheint auch die Richtung verloren zu haben. Wer ein Honorar für einen seiner Texte will, die ohne seine Zustimmung im Internet publiziert wurden, erhält pro Text günstigenfalls 100 Euro; manchmal muss man dies per Anwalt mit Spesen von über 1000 Euro erkämpfen. Ein Lyrikband bringt einem Autor vielleicht Fr. 500.–. Als Kreativer ist man heute Teil einer globalen Sphäre; diese Vermassung bringt nichts mehr ein, es sei denn für die bekannten Kaffeehaus-Literaten vom Stil Martin Suters.


am 26. August 2010 um 20:26 Uhr.
Schön, dass Sie das mit den “geistigen” Honoraren inzwischen auch so sehen.
Journalistische und literarische Honorare sind inzwischen von einer derart absurden Lächerlichkeit, dass man nicht einmal mehr von Zumutung sprechen kann. Ein Buchverlag bat mich als Autor kürzlich um einen Vorschuss von
20 000 CHF, sonst könnten sie das Buch leider nicht drucken, “Sie verstehen, die Kosten….Sie können ja einen Sponsor suchen, nicht wahr?”.
Die guten Leute desertieren. Chefredaktoren machen eigene PR-Büros, hoffen endlich auf ordentlich Geld . In Züri trampen sie sich iinzwischen gegenseitig auf den Zehen herum, so viele sind es.
Natürlich hat das alles sichtbare Folgen, obwohl es überall bestritten wird. Die Verleger und ihre Manager betonen an jeder Verlegertagung: Momoll, chönd Si dänke! Selbstverständlich investieren wir in Inhalte, und wie!
Es ist gelogen.
Leser sollten das wissen.
Es wird allmählich auch ein Problem für die direkte Demokratie, die einerseits vom Meinungsstreit lebt und anderseits davon, dass Stimmbürger gut informiert sind, worüber sie abstimmen sollen. Die Themen werden immer komplexer, die Zusammenhänge schwerer durchschaubar. Eine internationale Sicht, Recherchen vor Ort im Ausland, gibts schon gar nicht mehr, bis auf die üblichen Ausnahmen natürlich, obwohl alle Welt dauernd von Globalisierung schwätzt. Eine Dienstreise nach Genf löst schon Stirnrunzeln bei den Controllern aus. Gibt doch Internet. Ist gratis.
Die NZZ hat während Wochen ihr meistgelesenes Kernstück, die Doppelseite “Meinung & Debatte” auf ein dürres Minimum beschränkt, aus Spargründen. Politische und wirtschaftliche Kommentaren und Analysen wurden in dem Weltblatt zur Mangelware, weil das Geld an allen Ecken fehlt. Im letzten Jahr ging das Anzeigenvolumen branchenweit im Print um 20% zurück. Die kommen nicht einfach wieder zurück, wenn die Konjunkturwieder stärker anzieht.
Das hat Konsequenzen.
Die Grundvoraussetzungen errodieren, Medien werden anfällig auf Druck und Korruption.
Alle wissen es, die damit näher zu tun haben, und alle tun so, als würde sich das schon wieder von selber einrenken. Irgendwie.