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Weblog
Monatsarchiv für Mai 2010
Donnerstag, den 27. Mai 2010 um 11:21
Der “Economist”, ein Vatikan der Spitzenmedien, hat in seiner Ausgabe vom 22. Mai Europa neue Konturen verliehen. Auf einer Europakarte lässt er Österreich sich bis zum Genfer See ausdehnen. Tschechien und Belgien werden miteinander verwechselt. Italien reicht nur bis Rom und die “West-Ukraine” schliesst südlich von Berlin direkt an Deutschland an unter Auslassung Polens. Die Qualität auch der besten Medien sinkt laufend, die FTI bisher weitgehend ausgenommen, obwohl sie über Zürich soeben einen Bericht publiziert hat, der höchstens Quartierblatt-Qualität hat. Die jetzt 3seitige Schweiz-Beilage der “Zeit” ist von schwankender Qualität, sodass dort auch allgemeine “Spitzen” eingerückt werden müssen, die mit der Schweiz nichts zu tun haben. Wie in der NZZ über Ungarn berichtet wird, grenzt häufig an Bösartigkeit. Was die Print-Medien ihren Lesern zumuten, übertrifft fragwürdige Bankempfehlungen oft bei weitem. Richter gibt es, im Gegensatz zu den Banken, keine.
Politik | Keine Kommentare »
Donnerstag, den 27. Mai 2010 um 10:28
Aus Sicht der globalen Finanzkonzerne, die auch aus der Schweiz alimentiert werden, fällt die europäische Realwirtschaft in diesem Jahrzehnt massiv zurück. China, Indien, Russland und Brasilien legen ein ungebrochenes Wachstumstempo vor, bei dem die Europäer eine untergeordnete Rolle spielen. Damit werden die besten Firmenstücke zur Beute ausländischer Investoren, wie wir dies jede Woche erleben können. Wir müssen uns dies nicht als generellen Einbruch vorstellen, sondern als langsamen Zerfall, wo Stück für Stück verloren geht. Erst reissen sich die Löwen um die Beute, dann die Hyänen, zuletzt die Aasgeier. Die beiden Grossbanken UBS und CS Group gingen an die Löwen, die auch Milliardenverluste verdauen können, Oerlikon-Bührle ging an die Hyänen und die Karl Steiner AG an die Aasgeier, um nur drei Beispiele zu nennen.
Wirtschaft | 6 Kommentare »
Donnerstag, den 27. Mai 2010 um 9:31
Wir alle wundern uns, wie die Schweiz bisher durch die Welle der fürchterlichsten Wirtschaftskrise, welche die Welt seit 80 Jahren erlebt hat, weitgehend unbeschadet getaucht ist. UBS, Credit Suisse, SwissRe und einige andere haben uns Verluste eingebracht, die wohl über die CHF 100 Mia.– Grenze hinaus gehen; niemand hat es gewagt, eine solche Bilanz bisher zu erstellen, zumal die Risiken, wie die bei der Nationalbank zwischengelagerten “subprime”-Immobilienanlagen, “floatend” sind. Was hat uns gerettet?
- Sicher die Qualität unseres Maschinenbaus, der mit der Kurzarbeitsregelung gut überleben konnte. VSM-Präsident Johann Schneider-Ammann darf sich freuen.
- Sicher der Schweizer Tourismus, der mit grossen Anstrengungen trotz teuren Frankens mit einem nur geringen Einbruch davon gekommen ist. Tourismus-Direktor Jürgen Schmid, reumütig zurückgekehrt, darf sich freuen ebenso wie die kantonalen Tourismusdirektoren, an deren Spitze Urs Zenhäusern aus dem Wallis.
- Sicher die Schweizer Uhrenindustrie, an deren Spitze die Swatch Group, die wegen ihrer eigenwilligen Führung ebenso erfolgreich wie umstritten ist.
- Sicher die Sparbemühungen von Bund und Kantonen, die illusorische Geldausgaben nicht verhindert, aber doch hie und da gebremst haben. Die föderalistischen Kontrollen haben weitgehend funktioniert.
- Sicher die Schweizerische Nationalbank unter Führung von Philipp Hildebrand, Präsident der Generaldirektion, eine Persönlichkeit, deren Denk- und Ausdrucksfähigkeit das nationale Mass übersteigt.
- Sicher die Zuwanderung von 170 000 qualifizierten Fachleuten vor allem aus Deutschland und Frankreich in den Jahren 08/09, die 60 % des Zuwachses des Binnenmarktkonsums ausgelöst haben.
Wenn es uns gelingt, wie der St. Galler Privatbankier Dr. Konrad Hummler (Wegelin & Co.) vorgeschlagen hat, die Zeitbombe des Kreditrisikos der beiden Grossbanken zu entschärfen, leben wir nicht in der besten aller Welten, aber in einem Staat, der gerade wegen seiner mittelmässigen Führung zu Schandtaten, die das Ganze gefährden, nicht in der Lage ist. Das beruhigt.
Politik | Keine Kommentare »
Donnerstag, den 27. Mai 2010 um 7:50
Einige Vertreter der römisch-katholischen Kirche, der ich angehöre, gehen mir gewaltig auf den Keks. Offensichtlich um von Sexualvergehen seiner katholischen Kollegen abzulenken, fordert nun der Erzbischof von München mit dem sinnigen Namen Reinhard Marx eine neue Vermögenssteuer. Er will damit einen Beitrag leisten, damit die deutsche Regierung jene 10 Mia. Euro findet, welche sie zur Stabilisierung des Haushalts braucht. Zur Erinnerung: In Griechenland war es vor allem die orthodoxe Kirche als grösster Landbesitzer, die sich weigerte, Steuern zu bezahlen. Wie viel Steuern die Bistümer zahlen, hat mir noch niemand erklären können. In Deutschland werden es rund 7000 Menschen sein, die mehr als 2 Mio. Euro Jahreseinkommen versteuern; in der Schweiz sind es im Schnitt 500. Abt Martin Werlen in Einsiedeln käme nie auf die Idee, derlei “marxistische” Forderungen aufzustellen; bei uns geben die Reichen freiwillig, manchmal jedenfalls.
Politik | 5 Kommentare »
Donnerstag, den 27. Mai 2010 um 7:42
Wenn Vorgesetzte von ihren Mitarbeitern besondere Leistungen verlangen und deshalb nicht als Unmensch dastehen wollen, sagen sie gerne “Ich fordere nur, was ich selber zu leisten vermag.” Wir sind uns wohl einig darin, dass man im allgemeinen nur dann Chef wird, wenn man besondere Leistungen dauerhaft zu erbringen vermag. Wer dann von seinen Mitarbeitern das gleiche verlangt, überfordert sie laufend, “löst Stress aus”. Natürlich ist es ein wichtiges Führungsprinzip, die Mitarbeiter aufs äusserste zu fordern, ohne dass die Einheit zusammen bricht. Zuviel Arbeit ist schlecht für das Herz, belegen soeben zwei Studien aus Dänemark und Finnland. Es wurden Krankenschwestern und Beamte über Jahre beobachtet. Bei Beamten stieg das Risiko einer koronaren Herzkrankheit schon bei einer Mehrbelastung von 3-4 Stunden pro Tag bei einer Normalarbeitszeit von sieben Stunden.
Kommunikation | Keine Kommentare »
Donnerstag, den 27. Mai 2010 um 7:41
Wenn Roger Köppel, Herausgeber und Chefredaktor der “Weltwoche”, die heute mehr zu einer Deutschschweizer Provinzwoche geworden ist, seinen Übervater Christoph Blocher und dessen SVP-nahe Entourage zu Wort kommen lässt, zuckt kaum noch jemand mit den Schultern. Roger braucht Christoph, dieser auch ihn; die gegenseitige Anerkennung ist abgefedert durch Inserate der Ems Werke und des Läckerli-Huus. Journalismus wird so zur sich intellektuell gebenden Naschware, sei’s drum. Dirk Schütz, Chefredaktor der “Bilanz”, fährt ganz im Windschatten seines deutschen Übervaters, des UBS-Konzernchefs “Ossi” Grübel, dem er alle Leistungen zuschreibt, welche andere Schweizer Medien bei diesem nicht erkennen können. Wer sich Grübels Forderungen in den Weg stellt, was nicht einmal dessen VR-Präsident Kaspar Villiger, alt Bundesrat, geschafft hat, wird, wie jetzt Philipp Hildebrand, Präsident der Schweizerischen Nationalbank, kurzerhand an die mediale Klagemauer und Schiesswand gestellt. Schütz schützt.
Und die anderen nennenswerten Redaktionen?
- Markus Spillmann von der NZZ ist es bisher nicht wirklich gelungen, sich von der politischen Übermutter FDP zu lösen. Versucht dies seine Redaktion, sei dies auch nur durch Ausflüge in grüne Themen, zetert das Goldküsten-Aktionariat. Kollege Felix E. Müller fällt dies leichter; seine NZZaS ist als journalistische Spätgeburt weniger befangen.
- Res Strehle und Martin Eisenhut vom “tagi” haben nur ihren CEO Martin Kall zu fürchten. Dieser duldet neben sich keine anderen Überväter.
Es ist bemerkenswert, wie “allseits offen” unsere Chefredaktoren (und wenigen Redaktorinnen) geworden sind. Geduldet werden vom Zeitgeist allenfalls die marktnahen und berntreuen Philosophen (“Wirtschaft ist keine Wissenschaft”, “Sozialismus ist mega-out”). Die echten Philosophen überwintern auf den hinteren Seiten, denn gerade die früher ihnen geneigten Feuilletons sind hoch politisch oder, dies zumeist, dem Entertainment zugeneigt geworden.
Kommunikation | 1 Kommentar »
Mittwoch, den 26. Mai 2010 um 13:54
Wieder geht ein renommiertes Schweizer Unternehmen in ausländische Hände über. Über Jahre hin freisinnig geführt mit dem einstigen Silbermedaillen-Fechter Christian Kauter, vormals FDP-Generalsekretär, an der Spitze, wird die Plakatgesellschaft nach einer misslungenen Auslandexpansion vom grösseren französischen Konkurrenten JCDecaux gerschluckt. Decaux hält bereits 30 % der Aktien, der Belgier Albert Frère, ehemaliger Kommunist mit Goldhändchen in Finanzfragen, weitere 25 %. Damit ist der Deal gelaufen.
Wirtschaft | Keine Kommentare »
Mittwoch, den 26. Mai 2010 um 11:23
Ernsthaften Menschen ist es schwer verständlich, weshalb Schweizer Politiker, Unternehmer und Intellektuelle (Roger de Weck, SRG; Prof. Dr. Georg Kreis, NR Christa Markwalder etc.) den Beitritt der Schweiz zur EU befürworten. Es gibt zwei reale und einen romantischen Grund:
- Der Zustand unseres Staates ist schlechter als angenommen, weshalb ein Beitritt der Schweiz zur EU eine Modernisierung derselben erleichtert.
- Die Schweiz zieht Vorteile aus einem Beitritt, die den Wohlstand des Schweizer Volkes vergrössert.
- Es ist unerlässlich, dass die Schweiz, im Herzen Europas gelegen, nicht daran mittut, dieses Europa zu stabilisieren und zu entwickeln.
Die EU, wie sich soeben am Stabilitätsfonds von Euro 750 Mia. gezeigt hat, ist eine Organisation zum Vorteil der Konzerne und der Banken. Wie Österreich von deutschen Konzernen dominiert wird, stehen in Griechenland deutsche und französische Konzerne im Zentrum der wirtschaftlichen Entwicklung. Der europäische Mittelstand hat von der EU wenig, die Kleinlandwirtschaft noch weniger und der Arbeitnehmer überhaupt nicht profitiert. Im Gegenteil: Die deutschen Arbeitnehmer haben seit zehn Jahren stagnierende bis niedrigere Einkommen, die Arbeitslosigkeit ist in den meisten EU-Staaten katastrophal.
Warum will also unsere linke Schweizer Elite, einschl. vieler Berner Spitzenbeamte, in die EU? Dort werden Euro-Jobs angeboten, die zu den bestbezahlten in ganz Europa gehören. Dort bewegt sich eine EU-Schickeria, an der viele Schweizer “Stars” gerne teilhaben würden, weil sie sonst provinziell bleiben. Der Regel folgend “The sky ist he limit” kann es für einen Schweizer Elitebürger nicht zufriedenstellend sein, immer nur in Bern oder Genf sein Tagwerk zu verrichten. Wie die deutschen Steuerzahler nun die Schulden Griechenlands und damit die Kredite ihrer eigenen Banken an Griechenland bezahlen müssen, wird die Schweizer EU-Elite unsere Bürger aufrufen, das Bekenntnis der Schweiz zum grösseren Europa zu finanzieren. Wette, zuletzt werden die meisten so dumm sein, dies auch zu tun.
Politik | 7 Kommentare »
Mittwoch, den 26. Mai 2010 um 10:02
Das Reiseland Deutschland ist bei den Schweizern so beliebt wie nie zuvor. Die nach Deutschland ferienhalber reisenden Schweizer lösten dort im vergangenen Jahr ein Übernachtungsplus von 4,7 % aus. Jede vierte Schweizer Auslandreise führt in den “nördlichen Kanton”, der damit vor Frankreich und Italien beliebtestes Reiseziel der Schweizer geworden ist. Die Begegnungen verliefen konfliktfrei, von einer Küsnachter Schulklasse einmal abgesehen.
Gesellschaft | Keine Kommentare »
Mittwoch, den 26. Mai 2010 um 9:12
Ab Zollikon bin ich mit Auto oder Stadtbus in 15-20 Minuten im Herzen der Stadt Zürich, die soeben von der Zolliker Immobilienberatung Wüest & Partner im Auftrag des Magazins “Bilanz” zur zweitbesten Stadt der Schweiz, nach Zug und vor Luzern, gekürt wurde. Als Zolliker (Platz 34), der zumeist in Zürich sein Geld verdient, interessieren mich die feineren Unterschiede:
- Im Arbeitsmarkt liegt Zollikon auf Platz 56, was ich für einen fatalen Irrtum halte, denn mit Wohnort Zollikon stehen uns nicht nur Arbeitsplätze in Zürich, sondern in einem Gebiet von über einer halben Million Menschen zur Verfügung.
- Hinsichtlich Bildung und Erziehung liegt Zollikon auf Platz 77, obwohl einige der besten Gymnasien und Universitäten der Schweiz höchstens eine halbe Stunde entfernt sind. Hier stimmen die Proportionen nicht mehr.
- In der Dynamik liegt Zollikon auf Platz 115, was jeden Zolliker freut. Die Dynamik überlassen wir gerne dem Kreis 5 oder Neu-Oerlikon und die Dauer-Drängelei an der unteren Bahnhofstrasse kann uns gestohlen bleiben.
- Platz 78 gibt es für Erholung, Kultur und Freizeit, obwohl wir inmitten eines der schönsten Erholungsgebiete, der Forch, und direkt am Zürisee wohnen. Die Kultur holen wir uns in Zürich. Wir haben gar nicht genügend Freizeit, um alle diese Angebote zu nutzen. Ein klares Fehlurteil.
- Bezüglich Gesundheit, Sicherheit und Soziales liegen wir Zolliker auf Platz 1. Klar, deshalb wohnen wir hier.
- Die Verkehrsanbindungen platzieren uns auf Platz 31, obwohl die Ost- und Südautobahn via Forch leicht erreichbar ist, ebenso der Flughafen Zürich, ebenso die Bahnlinien. Ein artistisches Urteil.
- Im Reichtum liegen wir in der Schweiz auf Platz 7, was für ein anständiges Leben reichen sollte.
- Bei der Steuerbelastung liegt Zollikon auf Platz 12. Wäre der kantonale Finanzausgleich nicht, könnten wir unsere Kirchtürme mit Blattgold überziehen.
- Einen undankbaren Platz 103 erhalten wir im Tourismus. Bon Dieu, die Japaner, Russen und Inder, von den Deutschen und Holländern nicht zu sprechen, überlassen wir gerne anderen. Wir sind bei uns noch zuhause.
- Der Platz 60 für Zentralität überrascht deshalb nicht mehr. Nach Ansicht der “Bilanz” sollten wir in Dübendorf oder Kloten wohnen, wo der Lärm der Flugzeuge offensichtlich noch weitaus attraktiver ist.
Derlei Städte-Rankings sind blanker Unsinn, denn die Schweiz als solche ist eine Stadt, die schönste der Welt, mit knapp 8 Mio. Einwohnern aus globaler Sicht von mittlerer Grösse. Zollikon, wirtschaftlich und kulturell zu Zürich gehörend, ist eine sehr schöne Kleinstadt in der Grossstadt Schweiz. Das ist die realistische Bewertung aus heutiger Sicht.
Wirtschaft | 3 Kommentare »
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