Lassen wir die Finger weg von der EU
17. März 2010 um 8:28Christine Lagarde, die französische Finanzministerin, hat die deutsche Regierung öffentlich verwarnt. Die Deutschen hätten in den letzten zehn Jahren ihre Aufgabe gut gelöst, den eigenen Arbeitnehmern sehr tiefe Einkommen zuzumuten. Dies habe aber zur Folge, dass die anderen Exporteure der EU nicht mehr mithalten könnten. Lagarde: “Die Deutschen müssen mehr konsumieren.” Und importieren. Wir haben das richtig verstanden: Wer in der EU spart und seine Konkurrenzfähigkeit steigert, ist nicht willkommen. Gerade wir Schweizer auch nicht, die wir klassische Sparer und fleissige Mitarbeiter sind, die gerne auch abends noch einen Zacken zulegen, während die Franzosen längst vor dem TV sitrzen oder, sofern besser gestellt, ihr Jagdrevier observieren. Es wird Zeit, dass wir unsere Unabhängigkeit erklären von derartigem Technokraten-Denken. Schlimmer noch als die Verschuldungs- sind die Inkompetenz-Blasen, ganz nach dem Motto “Wer sein Volk liebt, ruiniert es.” Hat nicht auch der chinesische Regierungschef alle Forderungen der Obama-Regierung zurückgewiesen, den Renminbi aufzuwerten? Er sagte, wenn die USA den Dollar abwerten würden, könne man China nicht zwingen, die eigene Währung aufzuwerten. Oder: Wenn die Franzosen, die Spanier, die Portugiesen, die Italiener und die Griechen zu teuer produzieren, müssen diese sich dann ändern oder jene fleissigen Deutschen, die für wenig Geld viel arbeiten, um ihr Land einigermassen stabil zu halten?


am 17. März 2010 um 9:09 Uhr.
Von Anfang an diente die EU vor allem der deutschen Wirtschaft und vergab an die anderen Mitgliedsstaaten ihre “Hausaufgaben” – wie die Merkel immer wieder so schön sagt.
Jetzt ist der Lack ab. Bevor Griechenland sich um Hilfe an den Internationalen Währungsfond wendet, wird es sicherlich China um Hilfe angehen, das ja nicht weiss, wohin mit seinen Währungsreserven, denn China exportiert, aber importiert kaum. Griechenland importiert, aber exportiert nur Zitrusfrüchte und Feta. Zitrusfrüchte und Melonen meist über Italien, weil “made in Italy” besser klingt. Wenn jetzt die griechischen Klein- und Grossbauern nicht mehr für ihre Olivenbäume und Ziegen EU-Zuschüsse bekommen, ist die EU eh uninteressant für sie. Nach den USA können sie seit letzter Woche sowieso ohne Visum einreisen und sich dort wieder als Taxifahrer und in der Gastronomie verdingen.
am 17. März 2010 um 15:06 Uhr.
Ach, diese EU-Jammeriaden! Als wäre die EU eine Vereinigung von Katastrophenländern , und nicht das wirtschaftlich zweitstärkste Staatsgebilde weltweit.
Viel wichtiger ist, wie die EU mit dem Notfall Griechenland umgeht. Der Notfall Irland hilft sich selbst.
Bisher: Souverän.
Wie stabil ein Bündnis tatsächlich ist, zeigt sich im Sturm, nicht im Sonnenschein. Mal sehen.
Die NZZ hat letzten Samstag in einem famos einseitigen Leitartikel auf der Frontseite das Ende von EU und Euro schon kräftig beschworen.
Wir werde den Autor gy. (leider verwenden die noch immer ihre albernen Kürzel) in , sagen wir: zwei Jahren nochmal zum Thema Zusammenbruch von EU und Euro befragen. Wetten, er wird von nichts mehr wissen wollen?
am 17. März 2010 um 17:58 Uhr.
Die weniger leistungsfähigen weil weniger fleißigen Staaten der EU zeigen mal wieder den aus ihrer Lebensart resultierenden Minderwertigkeitskomplex – aber dass sich selbst Frankreich mittels seiner Finanzministerin dort einreiht! Deutschland ist gegenüber den wirtschaftlich Schwächeren nicht missgünstig und weiß, dass im europäischen Süden auch das Klima die Leistung beeinflusst und dafür zu mehr Freude am Leben einlädt, an der ja mancher Tourist gern teilnimmt. Meine Folgerung aus dem nutzlosen Gejammer jener Ministerin ist nicht eine Warnung an die Schweiz, jene Gemeinschaft EU zu meiden, sondern im Gegenteil, dort mitzumachen und den braven Deutschen, die nun schon wieder zum bösen Buben zu werden drohen, mit einer gleichen Lebenshaltung beizustehen. – gwf
am 18. März 2010 um 8:46 Uhr.
@) Prof. Fischer: Ich sehe, die grosse Distanz nach Lateinamerika klärt den Blick.
Der US-Historiker Gordon A.Craig, der eine Zeitang in Zürich gelebt und geforscht hat (und der, nebenbei, das beste Buch über Zürich im 19.Jahrhundert schrieb) sagte mir mal, er habe beobachtet, die
Schweizer reisten zwar wie die Weltmeister , man treffe sie als Rucksacktouristen an der Busstation in den Anden oder als reiche Rentner in entlegenen Edelresssorts überall auf der Welt: But..
“But they are not in it.”
That’s it.
Wie bringt man sie rein in die Welt? Konstruktive Vorschläge erbeten.
am 18. März 2010 um 16:26 Uhr.
@ Fred David: Wie bringt man Leute, die viel reisen, aber nur halbherzig beteiligte Zuschauer bleiben, zu einem Verständnis dessen, was sie zu sehen Gelegenheit haben? Ich kenne das schon von jungen Matrosen, wie sie in meiner Zeit bei der (West-)Deutschen Bundeswehr erzählten: Man hat keine Zeit, alles ist wie ein Kinofilm oder ein Fernsehprogramm, die Häfen wechseln, in der Erinnerung verwischen sich die Bilder.
Es gibt zwei mir bekannte Zugänge zum Wesen fremder Länder und fremder Gedanken: Man lässt sich für ein paar Jahre dort nieder, lernt die Landessprache, lebt nicht verpuppt in einem Hotel, sondern mit den Leuten und den Freuden und Mängeln ihres Lebens. Der andere Weg: Man verfügt über Erinnerungen, Vorstellungen, Bilder und versucht sie mit der Wirklichkeit zu verknüpfen. Aber unabdingbar ist wohl in beiden Fällen, mit den Bürgern des Landes zu reden. – gwf
am 19. März 2010 um 9:54 Uhr.
@) Prof. Fischer: Ich habe die gleiche Erfahrunge gemacht. Das bringt in der Tat einen andern Blickwinkel.
Die Situation ist widersprüchlich: Junge Schweizer, die mehrere Semester im Ausland studieren,gehören einer Mini-Minderheit an. Die meisten bleiben lieber bei Mama hocken, auch wenn sie schon 30 sind: Das “Mama-Phänomen”.
Auf der andern Seite leben etwa 9% der Schweiz permanent im Ausland, mit leicht steigender Tendenz, wobei bei dieser Zahl allerdings auch die Doppelbürger und Langzeitauswanderer berücksichtigt sind.
Die Schweiz bleibt ein Land der seltsamen Widersprüche.
Aber sagen Sie das nicht weiter. Sonst kriege ich wieder geschimpft, ich sei ja gar kein richtiger Schweizer. Bin ich tatsächlich auch nicht. Vorsicht: Ich habe einen Migrationshintergrund. Seit ungefähr dem 16.Jahrhundert….