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Erziehung oder Flucht in die Dekadenz?

17. März 2010 um 8:20

Weil die “Gesellschaft” den besseren Kreisen stets verdächtig war, schickten sie ihre Kinder in jene Schulen, wo eine “Gemeinschaft” gelebt wurde, die, wie sich beschleunigt offenbart, für zwischenmenschliche Verstrickungen perfekt geeignet war. Der Päderast und Antisemit Gustav Wyneken, der antisemitische Chauvinst Hermann Lietz und der “pädagogische Seher” Paul Geheeb, alle in der besseren Gesellschaft der Schweiz gut bekannt, schufen Schulgemeinschaften, die dem männlichen Eros wohl mehr verfallen waren als dem Pädagogischen. Gelegentlich sind mir ihre erbarmungswürdigen Schüler über den Weg gelaufen, auf hohem Hals das Nichts, zum baldigen Untergang verurteilt. Es ist erstaunlich: Wenn selbsternannte Eliten sich in geschützte Strukturen zurückziehen, zerstören sie nicht nur sich selber, sondern die eigenen Kinder. Genau an diesem Punkt stehen wir heute wieder.
“Sehr heftige Ohrfeigen” hat Papstbruder Georg Ratzinger seinen “Regensburger Domspatzen” angedeihen lassen und hörte erst 1980 auf, als dies im katholischen Freistaat Bayern verboten wurde. Heute kostet eine “sehr heftige Ohrfeige” vor Gericht Euro 100 000, wie Prinz Ernst August von Hannover unlängst erfahren musste. Verlangen die Domspatzen, die androgynen Knaben des Mainzer Domchors und die Limburger Domsingknaben nun Schmerzensgeld, werden die Kiirchenschätze weiter schrumpfen. In der wahren Elite schweigt der Ehrenmann.

5 Kommentare zu “Erziehung oder Flucht in die Dekadenz?”

  1. Jürg Schönenberger

    Sehr geehrter Herr Stölker, bleiben Sie bei Ihren Leisten. Einen Paul Geheeb mit Päderasten und Antisemiten in Verbindung zu bringen zeigt Ihre Unkenntnis, haben Sie dies wirklich nötig? Wenn Sie Herr Stölker einmal die gleiche Lebensleistung erbracht haben, können Sie allenfalls mitreden. Zudem kenne ich in der Wirtschaft etliche Abolventen der Schulen von Paul Geheeb, die Ihre Firma mit dem Portokässeli kaufen könnten und dies nicht durch Erbgang, sondern durch Leistung. Sie sollten sich zu solchen dümmlichen Vergleichen nicht hinreissen lassen, auch wenn die Vorfälle in der Odenwaldschule widerlich waren.

    Zudem kommt gerade von der neuen Rektorin der Schule die einzige angemessene und klare Reaktion, welche nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Von ihr könnte die Elite der Wirtschaft und Politik, bezüglich dem Handling und der Kommunikation, noch einiges lernen.

  2. Fliegender Holländer

    Kinder in den Internat weggeben, ist das an sich schon nicht ein Verbrechen?

  3. Prof. Gerardo W. Físcher

    Es gehört in den “guten Kreisen” – einerlei ob Dekadente oder geistig Gesundgebliebene – wohl zum guten Ton, der örtlich vorherrschenden religiösen Gemeinschaft anzugehören. Nicht, dass man die in einer Bibel festgeschriebenen Lehren ernstnimmt, aber man trifft sich wöchentlich in der Kirche. Junge Leute in der Ausbildung – gar Kinder – glauben mangels eigener zusätzlicher Kenntnisse noch dem priesterlichen Lehrer, der die seit bald 2.000 Jahren festgeschriebene und – weil “heilig” – unbezweifelbare Lehre auf seine Weise deutet. Ist ein Priester dekadent, so hat er es leicht, seine Verirrung auszutoben. Die Kirche zieht schon seit den Zeiten des Alten Testaments den Demütigen dem Rechtschaffenen vor. Deshalb der Hohn des jetzigen Papstes gegenüber den Indianern, die nicht glaubenswillig genug waren, und seine milden Worte für Priester als Sexualtäter. – gwf

  4. Fred David

    @) Fliegender Holländer:

    Nein , es ist kein Verbrechen.

    Ich bin selber ein Ex-Internatszögling, blieb von einschlägigen Nachstellungen und Fummeleien verschont, aber ich habe letzthin, bei einer Klassenzusammenkunft nach 40 Jahren, festgestellt, dass nicht alle so viel Glück hatten. Es gab nur Andeutungen, aber die waren deutlich genug. Die Schulkolllegen sind heute um die sechzig, und es beschäftigt manche von ihnen noch immer.

    Man darf diese Dinge , auch wenn sie weit zurückliegen, nicht leichtfertig abtun. Da schwelt auch noch in der Schweiz buchstäblich eine ganze Menge unter der Bettdecke.

    Nach meiner Erinnerung waren wir jedoch mehr mit Nachstellungen nach Schülerinnen im benachbarten Mädchenpensionat beschäftigt, das den klangvollen Namen “Maria Opferung” trug. Wir schlugen unserer Internatsleitung einen gemeinsamen Tanzkurs vor – das war damals ein Unterfangen knapp unter der Schwelle zur Revolution. Zu unserem Erstaunen willigte unser Rektor, der ein Priester war, ein und führte zähe Verhandlungen mit der Mutter Oberin von “Maria Opferung”. Sie blieb hart und wir mussten unsere zwischenmenschlichen Grunderfahrungen anderswie aufdatieren.

    Das Internatsleben hat mir in der Rückschau viel gegeben, es war eine sehr aktive, produktive und kreative Zeit. Wir beschäftigten uns – was damals auf dieser Stufe absolut, ungewöhnlich war – intensiv und mit Freude mit Musik- und Kunstgeschichte,. Von dieser Anregung profitiere ich bis heute. Täglicher Sport war ein wichtiges Ventil, Theatreinszenierungen waren eine hoch kreative Angelegenheit, die viel mit Persönlickeitsbildung zu tun hatte. Die Konsequente Planung – und Trennung – von Studium und Freizeit hatte eher etwas Befreiendes als etwas Zwanghaftes. Und den Frenseher haben wir kaum vermisst (Compi und Videogames gab es noch nicht). Man gewann sogar den jährlichen Exerzitien – eine sog- Mediationswoche, grösstenteils schweigend – mit der Zeit etwas ab, ohne ein Frömmler zu werden.

    Hätte ich alles in staatlichen Schulen so nicht gehabt.

    Ich habe von einem schlagkräftigen Priester in dieser Zeit allerdings auch eine Ohrfeige gefasst – wirklich ein Dynamitschwinger an die Grenze zur Körperverletzung. Das war damals allerdings nicht so unüblich, und natürlich gab’s auch Anlass dazu. Aber meinem Wachstum und Seelenheil hat es nicht nachhaltig geschadet.

    Ich möchte damit eigentlich nur sagen: Das Thema Internat ist sehr velschichtig. Man darf nicht leichtfertig damit umgehen.

    Gut geführte Internate – wie zum Beispiel die Klosterschule Engelberg, die schon seit Jahrzehnten mit Mädchen und Jungs gemischt und der Welt zugewandt ist – können Schülern gerade heute einen hohen persönlichen Gewinn bringen.

  5. Prof. Gerardo W. Físcher

    Wenn in einem Internat die Erziehenden sich niemals an den ihnen anvertrauten Kindern und jungen Jugendlichen vergreifen und einen Lehrstoff vermitteln, den Tagesschulen in heutiger Zeit nicht bieten – Musiktheorie und Chor wo niemand falschsingt, Naturkunde (Insekten, Pflanzen, Zyklus des Wassers), Mal-Techniken (ohne den Schülern einzureden, sie seien deshalb schon gleich Künstler), Genauigkeit in normalen Schulstoffen (Rechnen, Geometrie, Rechtschreibung, Grammatik), können eine große Unterstützung bedeuten. ein gutes Internat bietet außer der geleiteten Zeit auch Freizeit und hat eine Bibliothek mit einem wirklich breiten Themen- und Stil-Spektrum.

    Ich war 3 Jahre, mit 10 bis 13, in einem internatartigen österreichischen Kinderheim in Argentinien für 4- bis 12-Jährige. Lob und Strafe gab es. Unerfreulich waren die Versuche mancher Lehrer, katholisches oder – schlimmer noch – evangelisch-lutherisches Christentum zu indoktrinieren. Es waren ja – Mitte des vorigen Jahrhunderts – noch christliche Zeiten. Auch ich musste christliche Lieder lernen, erfuhr auch, wie man betete. Damals war das freie Reden von Sexualität, wie wir es heute kennen, noch völlig unüblich, besonders für Kinder. Die Mädchen waren von den Jungen ziemlich streng getrennt. Die Knaben unter sich taten sich höchst selten etwas, denn man respektierte sich gegenseitig. Es gab vor dem Einschlafen kindliche Witze anzüglicher Art, aber nur zum Lachen.

    Mein Vater war in meiner Internatszeit auf Reisen, aber ich hatte eine liebende und verantwortungsbewusste Mutter. Ganz ohne Vater und Mutter ist ein Kind wohl immer arm dran. Sie können die persönlich gemäßesten Ziele weisen, bei ihnen kann man sich vertrauensvoll aussprechen. Dagegen mag ich an die Beichte vor einem jungen Priester garnicht denken – wieviele Kinder beiderlei Geschlechts werden da Opfer!

    Mir gefiel das Bild, das unser Herr Stöhlker vom ehemaligen Internatsschüler – “auf hohem Hals das Nichts” – zeichnete. Dass dann einige trotz solchen zur Schau gestellten Hochmuts zu soviel Geld gekommen sind, dass das Stöhlkersche Vermögen in ihre Portokasse passt (vielleicht wirklich durch Arbeit – wirklich?), macht das betreffende Internat und seine frühere Leitung noch lange nicht gut, das ist eben nur eine Ausnahme. Besser als der lange Hals und die nach oben weisende Nase ist innere Sicherheit, die Gewissheit, dass man Dinge besser versteht als andere. – gwf

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