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Tagesarchiv für 2. Februar 2010

Bischof Eleganti ohne Macht?

Dienstag, den 2. Februar 2010 um 15:46

“Es geht nicht um Macht”, sagte Weihbischof Marian Eleganti bei seiner Weihe in Chur. Er erinnert mich an die Schweizer Bankiers des späten 20. Jahrhunderts, die stets leugneten, sie hätten Macht. Rainer E. Gut, der einst starke Mann der Credit Suisse: “Wer bin ich, wenn ich keine Milliarden mehr zur Verfügung habe?” Marian Gut ist Bischof Vitus Huonder unterstellt, der in jeder Bewegung Macht ausstrahlt; insofern kann man daraus schliessen, dass Elegantis Wort eher an die Hierarchie gerichtet war. Elegantis “Dienst am Menschen” wird in Zukunft wohl eher darin bestehen, das zunehmend bedrückte Schweizer Volk zu trösten und die Pfarreien zugunsten von Regionen aufzulösen; seine überalterte und überarbeitete Pfarr-Division wird dem Erwartungsdruck der unruhigen “Chilebank-Christe” nicht mehr lange standhalten können. Die latente Krise im Fundament der römisch-katholischen Kirche entspricht dem Führungswillen von oben. Es geht um die Festigung und den Erhalt der über 2000jährigen Institution, die nach 400 Jahren europäischer Aufklärung erneut eine Antwort geben muss, ob sie mehr “re-” oder “prä-”disponiert ist.

Die Schweiz im Weitwinkel

Dienstag, den 2. Februar 2010 um 13:50

Wenn unsere charmante und fast schon magersüchtige Präsidentin des Nationalrats, Pascale Bruderer, sagt: “Wir müssen die Schweiz neu erfinden” und der Harvard-Historiker Niall Ferguson ihr antwortet “Die Schweiz ist in Europas Geschichte fast ein Wunder”, dürfen sich die Bürger fragen: Was ist die Schweiz? Sie ist:

1. Die letzte funktionierende Basisdemokratie der Welt.
2. Seit 200 Jahre ein herausragendes Beispiel für die Zusammenarbeit von Menschen verschiedener Kulturen.
3. Trägerin einer stabilen Währung.
4. Ein Staat, der sich der Welt mehr geöffnet hat als die meisten anderen.
5. Ein Land, dessen Bürger sich Wohlstand in Freiheit erarbeitet haben.
6. Eine Gesellschaft, die in ihrer Mehrheit überaltert und defensiv geworden ist.

Die wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Eliten kämpfen um ihre Anteile an einem stagnierenden Sozialprodukt. Alte Eliten verkaufen ihren Immobilien- und Firmenbesitz, um damit einen “besten Preis” zu erzielen. Die Schweizer Geschichte, wie sie seit über 300 Jahren, zum Teil als innenpolitisches Projekt, aufgebaut wurde, zerfliesst an den eigenen Universitäten in einer Europa- und Universalgeschichte. Die neuen Schweizer Eliten teilen sich auf in die Angehörigen einer A-Schweiz, die international und global ausgerichtet ist, und in die einer B-Schweiz, die alleine einen nationalen Fokus haben.

Die alemannisch fundierte Idee der Gleichheit aller, wie sie in Allmenden und Burgerschaften zum Ausdruck kam, bewegt sich hin zu einer Entwicklung, wo ca. drei Prozent der Bevölkerung über 80 % der Vermögen besitzen. Die steigenden Lebenshaltungskosten machen es einer Mehrheit der Bevölkerung unmöglich, eigenes Kapital in nennenswertem Masse zu bilden. Schlechter als der Schweizer Basisbevölkerung geht es Zuwanderern und Immigranten, die zumeist als Billigarbeiter in den sozial tiefsten Positionen tätig sind.

Das politische Wahl- und Stimmrecht wird angesichts einer rasch wachsenden Gesamtbevölkerung von heute 6,7 Mio. Menschen nur von maximal 20 % der Bevölkerung wahrgenommen. Damit wird eine Entwicklung begünstigt, die Eigentum für wenige sichert, darunter auch eine bedeutende Zahl staatlicher Beamter und Angestellter, während rund 80 % der Bewohner der Schweiz entweder kaum Rechte haben oder sie nicht mehr wahrnehmen. Zwischen einheimischen Eliten und gut ausgebildeten ausländischen Zuwanderern, vor allem auch Deutschen, ist ein Kampf um bessere Arbeitsplätze ausgebrochen, der an Virulenz nicht nur wegen der Öffnung der Märkte zunehmen wird, sondern auch wegen der nationalstaatlichen Neutralität der meisten A-Firmen, die nicht mehr Angehörige von Völkern kennen, sondern nur noch Leistungsträger.

Dicke sind glücklicher

Dienstag, den 2. Februar 2010 um 11:23

Diese Nachricht wird einigen unserer Leser, die ich kenne, gut tun: Die Suizidgefahr ist bei Übergewichtigen geringer. Fettleibigkeit (Adipositas) schützt vor Selbstmord. Amerikanische Wissenschaftler zahlreicher Institutionen haben das Schicksal von mehr als einer Million Personen zwanzig Jahre lang verfolgt. Ergebnis: Die Wahrscheinlichkeit, sich das Leben zu nehmen, verhält sich umgekehrt zum Body-Mass-Index als Mass für die Bewertung der Körpermasse. Bei stark adipösen Personen mit einem BMI-Wert von mehr als 35 halbiert sich das Suizidrisiko nahezu. Die bisherige Annahme, Übergewichtige würden depressiv wegen der Diskriminierung, was zu Depressionen führe und die Suizidgefahr erhöhe, stimmt gemäss der Studie nicht. Die neue Beobachtung gilt als zuverlässig. Es wurden ausschliesslich mittelalte bis alte Menschen einbezogen, unter denen das Suizidrisiko am höchsten ist.

Datenklau und Steuergerechtigkeit

Dienstag, den 2. Februar 2010 um 9:04

Angela Merkel will ein Zeichen für Steuergerechtigkeit setzen. In Zeiten in denen exorbitante Banker-Boni und horrende Abfindungen für gescheitere Spitzenmanager die Gemüter der Nation erhitzen, bietet ihr ein Mitarbeiter einer Schweizer Bank die Gelegenheit, sich als Jean D’Arc der kleinen Leute zu inszenieren. So sieht die Welt aus der Perspektive der Befürworter des Ankaufs der geklauten Daten-CD mit dem vermeintlich steuergewinnbringenden Inhalt aus.

Die andere Perspektive ist, dass Angela Merkel und Wolfgang Schäuble sich anschicken, die Verhandlungsposition aller EU-Staaten gegenüber der Schweiz in der Auseinandersetzung um den Umgang mit den Steuergeldern Deutscher Bürger auf Schweizer Konten nachhaltig zu diskreditieren und zu schwächen. Denn: natürlich ist und bleibt es wünschenswert, dass die Deutschen Steuerbehörden derer habhaft werden, die sich durch die Anlage riesiger Summen auf Schweizer Konten ihrer steuerlichen und gesellschaftlichen Verantwortung entzogen haben. Aber Wünsche haben mit Politik nicht das geringste zu tun. Politik beschäftigt sich mit dem Rationalen, dem Machbaren, dem Vernünftigen.

Vernünftig hieße in diesem konkreten Fall, dass die Bundesregierung das vorliegende Angebot mit dem Verweis auf rechtsstaatliche Prinzipien ablehnt. Gleichzeitig sollte sie aber die Existenz der CD mit Daten, die das Vorhandensein von Geldern die im Zusammenhang mit Steuerhinterziehung auf Schweizer Konten deponiert wurden als Grundlage für eine neue Verhandlungsrunde mit der Schweiz über eine Abgeltungssteuer nutzen. Denn auch die Schweiz kann kein Interesse daran haben, dass sie aufgrund der unterschiedlichen Definition von Steuerehrlichkeit in ihrem und den restlichen Ländern Europas fortlaufend stigmatisiert wird. Außerdem bietet die aktuelle Situation einen geradezu absurd hohen Reiz für Schweizer Bankmitarbeiter, sich gegenüber ihren Kunden illoyal zu zeigen. Damit würde der Standortvorteil, den die Schweiz durch ihr Bankengeheimnis genießt, allmählich ausgehöhlt. Den wer will schon das Risiko eingehen, von einem enttäuschten Bankmitarbeiter verpfiffen zu werden?

Deshalb müssen die Emotionen auf beiden Seiten der Alpen aus dem politischen Diskurs verschwinden und die reine Vernunft wieder das Primat in der Auseinahndersetzung übernehmen. Zum Wohle beider.

Moritz Micalef

Prof. Schwab verspielt Nobelpreis.

Dienstag, den 2. Februar 2010 um 8:32

Mit dem diesjährigen WEF, dessen Abschluss in einer karnevalistischen Atmosphäre zugunsten der Teilnahme an der Fussball-WM in Südafrika endete, verspielte Prof. Dr. Klaus Schwab seinen Nobelpreis definitiv. Den Friedens-Nobelpreis hat er versäumt, weil die Israeli nicht mitspielen wollten. Der Wirtschafts-Nobelpreis ist ausser Reichweite, weil Schwab keine Theorie begründet hat, sondern als Praktiker dem globalen Kapitalismus, der sich zu regenerieren sucht, lediglich eine Bühne bietet. Dem diesjährigen WEF-Motto “Think, design, build” wurde ohnehin nicht nachgelebt, denn das Präfix “re” erinnerte die Teilnehmer zu sehr an die Vorgänge in Haiti. Davos 2010 war mehr Glamour als Geist, die teuerste Party der Welt, in deren Vorfeld allein die Schönheitschirurgen für das weibliche Begleitpersonal grössere Umsätze verzeichnen durften. Schwab ist als “grosser Manitou”, der er gerne wäre, gescheitert und als Partyveranstalter auferstanden. Das 80köpfige Indien-Kontingent freute sich, denn auf dem Davoser Marktplatz fand es grossen Anklang. Unsere Schweizer Missen, angeführt von Bundespräsidentin Doris Leuthard, behaupteten sich tapfer. Man fotografierte sich gegenseitig; wenn das nichts ist! Schwab ist nicht traurig, denn sein globaler Circus Knie zieht weiter, ganz im Sinne von Baudelaire: “Nun schlag die Fidel und singe Dein Lied…” Die Welt des Geldes braucht glanzvolle Schauspiele, aber einen Nobelpreis für Zirkusdirektoren gibt es noch nicht.

 
     
     
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