Über die Wahrnehmung von Wirklichkeitsspuren
12. November 2009 um 8:26In zwei Jahren Wirtschaftskrise haben wir Wasserfälle an professoralen Analysen über uns herabstürzen lassen. Wer zuvor nichts kommen sah, will mindestens jetzt bei denjenigen sein, die alles erklären können. Eine der hübschesten Varianten ist die Behauptung, die Finanzkrise beruhe auf Staatsversagen, weil die staatlichen Aufsichtsbehörden es versäumt hätten, der UBS und anderen Banken rechtzeitig einen Riegel vorzuschieben. An dieser Stelle wird vergessen, dass in den USA (dort vor allem), wie bei uns in Europa, die Banken sehr heftig lobbyiert haben, und nicht ohne Erfolg, die ihnen gesetzten Schranken senken zu dürfen Der innenpolitische Wille der Regierung fiel perfekt zusammen mit dem Wunsch der Banken nach rentabler Markterweiterung. M.E. gibt es überhaupt keine Nationalökonomie, die diesen Namen verdient, wenn sie nicht die Prinzipien der Macht und der politischen Kommunikation berücksichtigt. Karl Heinz Borer, Gastprofessor an der Stanford University, hat soeben Peter Sloterdijk gegen das Team Honneth/Menke von der Universität Frankfurt mit dem Argument verteidigt: “Die Sloterdijksche Semantik hat gegenüber der Frankfurter Semantik den grossen Vorteil der Wahrnehmung von Wirklichkeitsspuren.” Diesen Satz sollten wir uns merken, wenn wir sich wissenschaftlich gebenden Argumenten lauschen.

