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Weblog
Tagesarchiv für 2. September 2009
Mittwoch, den 2. September 2009 um 17:04
Was Calvin in Genf getan hat, interessiert bei uns nur Esoteriker, dies obwohl Genf sich immer noch die Calvin-Stadt nennt. In der französischen Publikation “L’Histoire” wird ein Bild von Calvin gezeichnet, wie es keiner bei uns gewagt hätte: Unsympathisch, sittenstreng, hungersüchtig, unbeugsam (gewissermassen ein Extremausgabe von Moritz Leuenberger, der auch ein Pastorensohn ist), fanatisch. Calvin war alles andere als ein Demokrat. Er wie Luther schwächte die katholische Kirche und trug damit zum heutigen Pluralismus bei. Heute leben in der Welt etwa 150 Mio. Calvinisten, die, welche Überraschung, vergessen haben, was man ihrem Helden bis zum 17. Jahrhundert vorgeworfen hat: Ein unstetes Leben, Liebe zum Wein, Schlemmerei und Ausschweifungen. Mit seinem Spitzbart, seiner Gestik, seinen Pelzkleidern, wurde er lange mit Lenin verglichen, den er an Wirkung weit übertraf. Ich meine, heute ist Genf mehr islamisch als calvinistisch, laizistisch auf jeden Fall.
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Mittwoch, den 2. September 2009 um 16:13
Der Rücktritt von Bundespräsident Hans-Rudolf Merz ist nur noch eine Frage der Zeit. Man hat ihm das Libyen-Dosser soeben wieder entzogen, dies in der Hoffnung, dass er sich nun im Zaum hält. Er hat das Gesicht verloren und keine Chance, es wieder zu gewinnen. Wenn nach der Couchepin-Ersatzwahl nun auch der Merz’sche Nachfolger gewählt werden muss, hat die FDP eine sichere Kandidatin: Karin Keller-Sutter, die St. Galler Sicherheits- und Justizdirektorin. Ihre Wahl würde in Bern wie Butter durchgehen; die FDP hätte wieder ein Gesicht. Um die Nachfolge von Fulvio Pelli aus Parteipräsident reisst sich niemand. Es wäre gut, wenn ein junger Aussenseiter mit politischem Temperament diese Aufgabe übernehmen würde. Er müsste jedoch, wie bei Didier Burkhalter als potentieller Bundesrat der Fall, der auch keine Stricke zerreissen wird, jemand sein, der an der Bahnhofstrasse Beifall findet. Diese Wasserträgerei ist für die FDP jedoch nur sehr kurzfristig eine gute Sache; die Partei verliert laufend an politischer Kraft und wird damit auch für die beiden Grossbanken wertloser.
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Mittwoch, den 2. September 2009 um 15:51
Mit drei Millionen Franken hat das Bundesamt für Gesundheit uns geradezu hysterisch davor gewarnt, zwei Millionen Schweizer könnten von der Schweinegrippe befallen werden. In meinem Umfeld ist niemand krank, jedenfalls keine Spur von Schweinegrippe. Es mag sein, dass Berner Beamte damit ihre Sommerferien verlängern, um dies später mit Überstunden (für Denkarbeit?) wieder abzurechnen, aber in Zürich, Basel und Genf wird gearbeitet. Das ist kein Einzelfall:
- Das 1984 vor allem von den genialen Ringier-Medien ausgerufene Waldsterben hat nicht stattgefunden. Die Schweizer Wälder wachsen wie verrückt.
- Das 1988 ausgerufene Sterben von Seehunden hat ebenso nicht stattgefunden; diese vermehren sich fröhlich.
- Das 1994 ausgerufene Ozonloch schliesst sich bereits wieder in wird, geht dies so weiter, in fünfzig Jahren schon wieder verschwunden sein.
- Die 2001 ausgerufene BSE-Krise, die zu einem grausamen Rinderschlachten führte, ist wieder eingeschlafen. Niemand ist krank.
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Mittwoch, den 2. September 2009 um 14:50
In Deutschland werden Patienten von ihren Ärzten bereits gehandelt wie Mädchen aus der Ukraine auf dem Strich. Liefern sie einen Patienten an ein bestimmtes Spital, erhalten sie von dort eine Prämie. Die Standesorganisationen haben ethische Bedenken, sehen aber keine Möglichkeit des Eingreifens. In der Schweiz werden ab 2012 die Fallpauschalen eingeführt, um pflegeintensive Patienten rasch aus den Spitälern in die Heime zu bekommen. Bereits brechen die Diskussionen aus, wann Spitäler “blutige Entlassungen” vornehmen dürfen, um die Kosten niedrig zu halten. Wer noch eine Familie hat, die ihn pflegt, kann nachhause gehen. Eine schlechte Nachricht ist dies für die Singles, denn diese werden in Heime abgeschoben, deren Qualität, mindestens in Deutschland, heute schon miserabel ist. Merke: Der Druck auf die nicht mehr leistungsfähigen Bevölkerungsteile nimmt zu; Exit und Dignitas warten am anderen Ende.
Gesellschaft | Keine Kommentare »
Mittwoch, den 2. September 2009 um 8:25
Je mehr man in die Details unserer sogenannten Aussenpolitik eindringt, desto bitterer wird der Geschmack auf der Zunge. Bundespräsident Hans-Rudolf Merz scheitert mit seiner Hauruck-Diplomatie auf libyschem Boden; unsere Aussenministerin Micheline Calmy-Rey zieht sich in ihr Schneckenhaus zurück. Merz hat einen Schandvertrag ausgehandelt, welcher der Schweiz nur weitere Probleme bringen wird. Kommen die beiden ABB-Manager irgendwann frei, wird dies an der Gesamtbeurteilung unserer diplomatischen Superstars wenig ändern. Muammad Ghadhafi ist ein unangenehmer, aber nicht ungebildeter Staatsmann, der in vierzig Jahren ein Land aufgebaut hat, das heute über einen relativen Wohlstand verfügt. Es ist ihm gelungen, was man von anderen Arabern nicht sagen kann, die Extremisten am Boden zu halten. Ihn wegen seines Aussehens oder seiner Auftritte zu verurteilen, ist überheblich und beinahe rassistisch. Libyen ist jedenfalls ein Faktor, was wir von der Schweiz immer weniger sagen können. Würden uns die Schweizer Medien etwas mehr klaren Wein über die Lage in Nordafrika einschenken, könnten wir den einst berühmten kühlen Schweizer Kopf bewahren, den wir offensichtlich zu verlieren im Begriff sind.
Politik | 5 Kommentare »
Mittwoch, den 2. September 2009 um 8:03
Das Schatzamt der USA betreibt ein Ponzi-Schema à la Madoff, indem laufend neue Treasury Bills ausgegeben werden. Es ist die US-Notenbank, die davon jedes Jahr 50 % aufkaufen muss. Jetzt hat der neue japanische Regierungschef angekündigt, man werde noch mehr Geld ausgeben als die Vorgänger-Regierung, obwohl bereits 23 % des japanischen Haushalts für Zinszahlungen aufgewendet werden. Japan wie die USA warten dringend auf eine neue Wirtschaftsblase, um ihre Wirtschaft aus dem Sumpf ziehen zu können. Die japanische Regierung zieht ihren eigenen Bürgern das Spargeld aus der Tasche, indem sie diese zu Zwanganleihen über die japanische Postbank verdonnert, wo das Geld der Japaner liegt. Diese suchen sich dem Risiko zu entziehen, indem die Sparquote der Haushalte auf zwei Prozent gesunken ist. Viele haben auch gar kein Geld mehr. Die USA und Japan steuern in die Pleite. Japan überaltert wie Deutschland und die Schweiz auch. Wir haben die Tore ins Ausland geöffnet, indem wir intelligente Ausländer importieren. Weil unsere Staatsverschuldung relativ tief, aber nicht gering ist, laufen wir geringere Risiken. Fällt eine Grossbank aus, sind wir ohnehin pleite. Kein Staat kann eine Inflation brauchen, weil die Staatsschulden dann explodieren würden. Was wirklich fehlt, sind mehr Kinder und mehr Unternehmer – in Japan wie bei uns.
Wirtschaft | 1 Kommentar »
Mittwoch, den 2. September 2009 um 7:53
Soeben verabschiedet sich auch ein anderer Staatsmann aus der Schweizer Politik, Jean-Pascal Couchepin. Wie ein rechter Staatsmann, liebt er “die einfachen Leute” mehr als Politiker, Beamte und Medienvertreter. Es sind die “einfachen Leute”, die ihn mangels Wissen verehren. Mir bleibt er in Erinnerung als intelligenter Wirbelwind (dafür liessen sich auch andere Begriffe finden), aber ohne grosse Wirkung. Die Schweiz hat mit ihm viele gute und einige schlechte Jahre erlebt. Was er hinterlässt, sind mehr Probleme als Lösungen. Seinen Sieg über den ungeliebten Dr. Christoph Blocher wird er wohl genossen haben. Mit dem wichtigen Gesundheitsdossier konnte er nur scheitern, denn wo weder Kantone, Mediziner, Technologie- und Pharmalieferanten verzichten wollen, gibt es keinen Spielraum. Er hat uns nicht gelangweilt, das ist schon viel.
Kommunikation | 1 Kommentar »
Mittwoch, den 2. September 2009 um 7:16
Spricht ein Politiker zum Volk, will er zeigen, was er für seine Wählerinnen und Wähler tut. Spricht ein Politiker zu Unternehmern, will er zeigen, was er für diese tut; niemand verlangt von ihm, dass die Botschaften identisch sind. Ein gutes Beispiel dafür ist die Zürcher FDP-Regierungsrätin Ursula Gut, die als Küsnachter Gemeindepräsidentin streng gegen Südanflüge war, als Regierungsrätin aber “eine andere Aufgabe” hat und daher den Flughafen fördert. Das Zürcher Volk, welches sie repräsentiert, hat sich gegen eine Pauschalbesteuerung (auf deutsch: Vorzugsbesteuerung) reicher Ausländer ausgesprochen; Gut jedoch setzt sich in der Finanzdirektorenkonferenz der Schweizer Kantone für eine Verschärfung der Pauschalsteuer, nicht für eine Abschaffung derselben ein. Die vom Volk gewählte Zürcher Regierung findet dies gut; die reichen Ausländer haben ohnehin angesetzt, die Zürcher Goldküste und den Züriberg Richtung Kanton Schwyz zu verlassen.
Politik | Keine Kommentare »
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