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Monatsarchiv für Juli 2009

Walter, good bye.

Donnerstag, den 30. Juli 2009 um 12:27

Wenn es Amerikaner gab, die ich hoch schätzte, so waren es jene wie Walter Cronkite, der jetzt gestorben ist. Souverän und reaktionsstark, aber nie überhastet, erklärte er mir die Welt aus amerikanischer Sicht – und ich glaubte ihm, fast alles. Wenn ich diese Generation von “anchor men” vergleiche mit den heutigen, sehe ich dünnes Holz neben alten Stämmen wachsen. Unsere SRG-ModeratorInnen müssen Witzchen machen, um einigermassen intelligent zu wirken. Die Frauen strecken sich den Kameras entgegen, blecken mit den Zähnen und sprechen derart schmalbrüstige Textchen, dass man den tieferen Gehalt andernorts suchen muss. Cronkite war souverän, was man seinen Nachfolgern, auch in den USA, heute nicht mehr zusprechen mag. Vielleicht sind auch die Zuschauer dümmer geworden; sie wollen Show und weniger Inhalt. Wer seine tägliche Rate an globalem Mord und Totschlag sucht wie ein Süchtiger sein Heroin, der braucht keinen Cronkite mehr. Walter, good bye.

Sunrise stoppt Wissenschafts-Zug

Donnerstag, den 30. Juli 2009 um 11:01

Alle wollen die Wissenschaft fördern, vor allem auch die Schweizer Telecoms. Nun wollte der spektakuläre deutsche “Science Express”, ein 300 Meter langer Ausstellungszug, gratis auch Basel anlaufen und für die Wissenschaft werben. Wer verhinderte dies? Die weltberühmte Schweizer Firma Sunrise, die den Gelb-Rot-Schwarzen Zug in den deutschen Nationalfarben nicht einreisen liess, weil Sunrise die Marken Gelb-Rot im Logo führt. Basel schaut in die Röhre, weil Marketing-Exzentriker nicht mehr wissen, was Nationalfarben sind. Die Deutschen kamen nicht nach Basel und fuhren lieber nach Tübingen weiter. Bei uns ist wohl nicht “Sunrise”, sondern Sonnenuntergang angesagt, wenn eine solche Praxis um sich greift.

Rätselhaft: 1. August ohne Moritz Leuenberger-Rede.

Donnerstag, den 30. Juli 2009 um 9:22

Er hält sich selber für einen der besten Rhetoriker der Schweiz, ehrt seinen in Deutschland erhaltenen “Cicero”-Preis, der allerdings keine Furore mehr macht, und gibt auch Bücher mit seinen Reden heraus. Moritz Leuenberger, Verkehrs- und Infrastrukturminister unseres Landes, hält zum 1. August keine Rede. Ich bin sprachlos. Wollte ihn niemand auftreten lassen oder waren ihm alle Angebote zu wenig? Unser dienstältester Bundesrat hat seinem Volk nichts zu sagen. Ich bin doppelt sprachlos.

Liechtenstein lernt.

Donnerstag, den 30. Juli 2009 um 7:09

Der neue Regierungschef des Fürstentums Liechtenstein, Klaus Tschütscher. hat zu Beginn seiner Amtszeit einen Satz gesagt, den man auch in der Schweiz ernst nehmen sollte: “Eine offene und zuweilen auch unbequeme Kommunikation ist der Schlüssel zum Erfolg.” Sein Vorgänger, der als Gummipuffer zwischen Fürstenhaus und Landtag dienen musste, zerrieb sich an dieser Aufgabe, weil er stets den Ausgleich suchte. Tschütscher machte sofort deutlich, was er darunter versteht: Er tadelte Prinz Michael für seine überzogene Kritik an Deutschland; damit komme man in der Politik nicht weiter. Derartiges hat ein Vaduzer Regierungschef noch nie gewagt.

Die denkenden Maschinen sind schon da.

Mittwoch, den 29. Juli 2009 um 16:25

Mein Rasenmäher sucht sich seinen Weg selbst; die nächste Generation wird schon in der Lage sein, sich selbst aufzuladen, weil sie den Anschluss zum Stecker von alleine findet. Meine Überwachung beschränkt sich auf einen gelegentlichen Blick auf den Rasen, um die Maschine abzustellen, wenn sie ihren Auftrag erfüllt hat. Nicht anders werden die neuen Waffensysteme, Drohnen zum Beispiel, entwickelt, die einen bestimmten Auftrag erhalten, sich dann aber ihre Ziele im Rahmen des Auftrags selbst aussuchen können. Kann der Programmierer dann haftbar gemacht werden, wenn die Drohne gegen das Kriegsrecht oder die Regeln des IKRK verstösst? Die “artificial intelligence”, so der biometrische Pass, übernimmt immer grössere Teile der Gesellschaft, die von ihr gesteuert werden. Eine Welt, die sich auf neun Milliarden Menschen zubewegt, kann wohl kaum anders kontrolliert werden. Das Individuum wird sich dem kaum entziehen können, es sei denn um den Preis äusserster Einschränkung und zunehmender Immobilität.

Die Gier geht weiter um.

Mittwoch, den 29. Juli 2009 um 13:43

Ein Chefbeamter des Kantons Bern liess sich soeben bei seinem Abgang aus Staatsdiensten Fr. 300 000.-auszahlen zum Ausgleich von 3 700 Überstunden; man kann jetzt mindestens im Kanton Bern nicht mehr die Gier der Bankiers beklagen, ohne auf die eigenen Beamten einzugehen. Schlimmer noch trieb es die sozialdemokratische deutsche Gesundheitsministerin Ulla Schmidt, welche die Nutzung ihres Dienstfahrzeugs mit Fahrer während der Ferien in Südostspanien damit rechtfertigte, die Anmietung eines vergleichbaren Autos in Spanien würde Euro 500.- pro Tag kosten. Pascal Lamy, CEO der WTO, möchte jetzt auch 30% mehr Lohn, was seine staatlichen Auftraggeber kaum verweigern werden. Der 58jährige Chef der Energiehandelssparte der US-Bank Citigroup, Kenneth Feinberg, will einen Bonus von USD 100 Mio.; dies bei einer Bank, die mit Steuergeldern gerettet wurde. Wenn Politiker das 21. Jahrhundert als das der “Bescheidenheit” bezeichnen, meinen sie damit wohl eher die von ihnen regierten Völker resp. die darin noch vorhandenen Steuerzahler. Merke: Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr.

Brauchen wir Prominente?

Mittwoch, den 29. Juli 2009 um 10:51

In der Schweiz, wo zwischen Prominenz und Servelat-Prominenz unterschieden wird, rätseln wir immer noch, ob wir Prominente überhaupt brauchen. Die Lösung ist nicht schwer zu finden. Prominenz ist für das Bürgertum was für die Aristokratie der Adel. Unser europäischer Adel ist ziemlich herunter gekommen, so in England, wo man mit guten Beziehungen zu Tony Blair und George Brown jederzeit einen solchen Titel kaufen konnte, wenn man etwas Kleingeld hatte. In der Schweiz war der Adel nie gerne gesehen, weshalb wir die von Graffenrieds, de Purys und de Wecks nie ganz ernst genommen haben, die ihre Auszeichnungen ohnehin im Ausland erworben haben, was auf frühere merkwürdige Geschäfte verweist. Die Prominenten jedoch sind neuerer Art, entstammen einem fröhlichen und häufig auch intelligenten bürgerlichen Publikum, das auch über sich selber staunen will. Die beste Produzentenmaschinen für Prominente sind, einmal abgesehen von deren fachlichen
Leistungen, die SRG mit ihren vielen Sendegefässen, der Ringier-Verlag, der stets mehr der Servelat-Prominenz als der echten diente, aber auch die NZZ und Tamedia. Jedes Haus hält sich seinen eigenen Stall bürgerlicher Prominenter, und überall im Land wird dies nachgeahmt. Ohne Prominente wäre das Bürgertum einigermassen orientierungslos.

NZZ, Tagi und Blick boykottieren Blatters Obama-Besuch

Mittwoch, den 29. Juli 2009 um 9:34

Unser Weltblatt von der Falkenstrasse und der “Tagi” mit gleich zwei neuen Chefredaktoren haben des FIFA-Präsidenten Besuch bei US-Präsident Barack Obama boykottiert, indem sie die Berichterstattung darüber verweigerten. Während praktisch alle Schweizer Medien, zum Teil mit Foto und sehr gross über den Besuch von Sepp Blatter im Weissen Haus berichteten, war dies der “NZZ” und dem “Tagi” keine Zeile wert. Auch im “Blick”: Keine Zeile. Daraus wird verständlich, warum sich der Präsident des weltgrössten Sportverbandes sehr charmant darüber beklagt, die Zürcher Medien hätten ab und zu ein gestörtes Verhältnis zu ihm. Zu deren Entschuldigung kann beigefügt werden, dass sich die “NZZ”-Redaktion derzeit massiv in den Ferien befindet und der verbliebene Rest an Redaktoren sich damit plagt, Prioritäten zu setzen. Beim “Tagi” ist die interne Lage noch eine Spur schlimmer: Neben den Sommerferien und dem Tagesgeschäft steht die Lancierung des verkleinerten Tagi bevor. Viele Journalisten wissen dort noch gar nicht richtig, was sie ab September zu tun haben werden. Gestern klagte mir einer: “Es ist einfach zu wenig los, um die Seiten zu füllen.” Beim “Blick” herrscht intern bare Ratlosigkeit, befindet sich das Blatt doch nach Jahren falscher Führung in einem bisher noch nie erlebten Formtief, immer weniger Leser und Inserate. Sepp Blatters Staatsbesuch in Washington haben unsere Zürcher Starmedien in der Sommerhitze ganz einfach verschlafen.

Weiss Oswald Grübel Bescheid,…

Mittwoch, den 29. Juli 2009 um 9:08

…dass seine Mitarbeiter in der Schweiz noch nicht begriffen haben, dass wir eine Krise haben? Nein, offenbar sind die Wolken zwischen Top-Management und Fussvolk wieder so dicht, dass der Boden nicht mehr zu erkennen ist. Viele Mitarbeiter freuen sich über höhere Löhne, Boni und golfen während der Arbeitszeit was das Zeug hält. Ich kenne Leute in der Bank die verbringen mehr Zeit auf dem Golfplatz, als bei ihren Teams. Ich kenne Leute bei der UBS Schweiz die wissen nicht, was sie mit ihrem Geld anfangen sollen, weil sie für wenig Verantwortung fürstlich bezahlt werden. Aber – die UBS hat doch den schlechtesten Ruf in der Schweiz?! Woher das wohl kommen mag, Herr Grübel? Der CEO muss die Lecks im sinkenden Tanker erst stopfen. Ob ihm das gelingen wird? Einzig ein Wirtschaftsaufschwung wird das Schiff wieder auf Kurs bringen. Grübel ist leider kein Kommunikator erster Güte, was dem Unternehmen nicht zu Gute kommt. Würde er der Öffentlichkeit mitteilen was er genau tut, würde das Vertrauen in ihn und seine Bank wieder ansteigen. Für die Krise kann er ja nichts. Aber Beratungsunternehmen müssen ihre Kunden schliesslich auch informieren, was sie für ihre Honorare tun.

Fidel Stöhlker

75 000 Schizophrene in der Schweiz?

Mittwoch, den 29. Juli 2009 um 8:55

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass ein Prozent der Bevölkerung schizophren ist. Das würde für die Schweiz 75 000 Schizophrene bedeuten. Kann dies sein? Ich ging stets davon aus, dass die naturnah lebende Bevölkerung der Alpen gesünder ist als es die Stadtvölker Londons, Mailands oder Paris’ sind. Zudem haben wir viele junge Ausländer, die eigentlich gesund sein sollten. 75 000, das ist eine unheimliche Zahl.

 
     
     
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