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Tagesarchiv für 4. Juni 2009

Prof. Georg Malin und die Fürstin

Donnerstag, den 4. Juni 2009 um 11:51

Vom liebenswürdigen Liechtensteiner Staatsbildhauer Georg Malin besitze ich noch eine Knospen-Plastik, die mir grosse Freude bereitet. Während Jahrzehnten reiste Fürst Hans-Adam auf Staatsbesuchen um die Welt und überreichte seinen Gastgebern meist ein Werk seines Hauskünstlers Malin. Jetzt lässt Fürstin Marie, 69, eine aus Tschechien stammende Gebrauchsgrafikerin, die Werke Malins entfernen, weil sie ihr zu modern, “zu kalt”, sind. Fürstin Marie lebt geistig im 19. Jahrhundert und will die alten Heiligenfiguren wieder in die Kapellen bringen; Erzbischof Erwin Haas, ihr Zögling, unterstützt sie darin. An diesem Fall zeigt sich, dass auch bei uns das “Ancien Régime” nicht weit entfernt ist. Die Gespenster der Vergangenheit steigen aus ihren Gräbern. Hinter der freundlichen Unverbindlichkeit der in Vaduz Regierenden, die sich unterhalb ihres Schlosses auch ein Volk halten, stecken uralte Machtansprüche materieller und kultureller Art, die jetzt auch ein grossartiger Künstler zu spüren bekommt.

Gefährlicher linker vorderer Schläfenlappen

Donnerstag, den 4. Juni 2009 um 9:13

Ohne unsere Wissenschafter aus Cambridge wüsste ich nicht, dass es der linke vordere Schläfenlappen ist, der uns alle daran hindert, Genies wie Mozart und JWvG zu werden. Schaltet man ihn aus (oder behindert ihn wenigstens), können sich andere Fähigkeiten in unserem Horn voll entfalten und zu einem “savant” machen. Demenz, Hirnschläge oder Kopfverletzungen können die gleiche Wirkung auslöse, weshalb ich jetzt damit rechne, dass man derlei Patienten mehr Aufmerksamkeit schenkt. Da ich das Vergnügen und die Ehre habe, mit einigen überdurchschnittlich klugen Menschen zu kommunizieren (wie den Lesern dieses Blogs), darf auch die These gewagt werden, nicht nur die äussere Kosmetik, sondern auch die bewusste Schläfenlappen-Veränderung werde bald einmal angeboten. Fragt sich nur, wie viele Genies die Erde noch aushält, nachdem die bisherigen wenig für deren Erhalt geleistet haben.

Imitate und Echtes

Donnerstag, den 4. Juni 2009 um 9:04

Es gibt also Käse-Imitate wirklich, wie der K-Tipp herausgefunden hat, aber niemand bekennt sich dazu, diesen “falschen” Käse verkaufen zu wollen, auch Aldi nicht, die ihren Kunstkäse aus den Schweizer Regalen zurückgezogen hat. Der österreichische Hersteller Weisenhorn wird seinen echten Alpenkäse wohl nach Ougadougou liefern oder in andere entfernte Länder, wo man nicht über einen K-Tipp verfügt. Das Thema greift aber tiefer: In der Algarve, wo ich den Blumenfrühling im Mai feierte, entdeckte ich in den Regalen eines Grossverteilers einen Yoghurt wieder, der in Portugals tiefem Süden seit zehn Jahren verschwunden war: Naturgeschmack mit einem Fond von Fruchtgelée. Diese alten handgemachten portugiesischen Yoghurts waren einfach eine Esslust, haben die Nachkommen der Araber doch gewusst, wie man dieses Produkt herstellt. Jetzt die Überraschung: Nestlé, nach dem Eintritt Portugals in die EU den portugiesischen Markt übernehmend, lieferte während Jahren Industrieyoghurts, die man wegen ihres künstlichen Geschmacks nur verweigern konnte. Der wieder auferstandene Yoghurt nach alter Art, diesmal von Nestlé, schmeckte im oberen Naturteil ebenso künstlich wie immer, woher der Fruchtgeschmack am Boden kam wird wahrscheinlich Firmenich in Genf wissen. Ergo: Es sah aus wie der alte Yoghurt, war es aber nicht.

Winston Churchill war “altes Europa”

Donnerstag, den 4. Juni 2009 um 7:26

Es ist eine masochistische Lektüre, die uns Nicholson Baker zumutet: “Menschenrauch”, die Zeit vom Frühjahr 1914 bis Dezember 1941 in Europa, den USA und Asien. Sir Winston, der wie Charles de Gaulle eine unnachahmlich gute Feder schrieb und dem es immer wieder mit einer Rede im Parlament gelang, die an seiner Politik zweifelnden Parlamentarier auf seine Seite zu ziehen, stellt sich als John Bull heraus, der den Krieg auf jeden Fall wollte und die Deutschen mit der eigenen Luftwaffe (und US-Flugzeugen) schon ein halbes Jahr bombardieren liess, bevor diese erstmals über den Kanal zurückschlugen. Franklin D. Roosevelt betrieb den Kriegseintritt gegen Hitler mit aller Vorsicht und Konsequenz, wobei die englische Regierung, die stets darauf wartete, die Kriegspropaganda auch in den USA finanzierte. Japan wurde von Roosevelt in den Krieg getrieben; das Waterloo in Pearl Harbour nahm er als kriegsauslösend in Kauf. Das Scheusal Hitler musste besiegt werden, denn dessen Angebot “Kein Krieg gegen Grossbritannien, dafür freie Hand im Osten” war unmenschlich, besonderes für jene, die er umbringen liess. Als eigentlicher Held tritt Mahatma (“Die grosse Seele”) Gandhi auf, der den Frieden im Westen um jeden Preis wollte. Churchill sagte über Indien, dies sei keine Nation, sondern ein geografischer Begriff. Er sollte sich darin ebenso irren wie mit seiner Feststellung “Ich wurde nicht des Königs Erster Minister, um das Empire zu liquidieren.” Churchill ruinierte Grossbritannien mit seiner Art der Kriegsführung und ermöglichte den Aufstieg der USA. Deren Soldaten, wie die englischen auch, waren bei der Landung am 6. Juni 1944 an der nordfranzösischen Küste keineswegs in Kampflaune. Die angelsächsischen Landetruppen waren den Deutschen an Zahl um den Zehnfache überlegen, hatten fünfzigmal mehr Artillerie und eine absolute Luftüberlegenheit. Wie Antony Beever in seinem neuen Buch “D-Day. The battle for the Normandy” schreibt, war es der Kampfgeist der deutschen Soldaten, der den Einmarsch nach Frankreich derart schwierig machte. Dabei töteten die Alliierten 70 000 französische Zivilisten, mehr als die Deutschen durch Bombardements in England umgebracht hatten. Die Untaten der kriegführenden Mächte, der Zynismus, mit welchem Menschen geopfert wurden, das Schweigen der christlichen Kirchen, nicht aber einzelner Kirchenmänner, macht beide Bücher zu einer aufreibenden Lektüre. Heute wissen wir, dass der Mensch seither nicht klüger geworden ist, was uns nicht fröhlicher stimmen kann.

Aaaah, l’école des écrivains

Donnerstag, den 4. Juni 2009 um 7:13

Wohin mit der Tochter oder dem Sohn aus guter Familie, wenn er literarisch ambitioniert ist, aber keinesfalls Werber, Lehrer oder Pfarrer werden soll? In Biel bietet sich seit drei Jahren das Institut Litteraire Suisse de Bienne an, wo ambitionierte Jungbürger auf den Spuren von Blaise Cendrars oder Jack Kerouac wandern können. In einer adretten Grossbürgervilla aus dem 19. Jahrhundert sitzen lauter adrette Jungautoren seither vor ihren glänzenden Laptops, worin sie die Welt und deren Lauf auffangen wollen. Denke ich an den einarmigen Cendrars, der in Marseille und Paris gelitten, aber europäische Literatur in Brasilien eingeführt hat, oder an Jack Kerouac, der sein Geheul in Zelten oder als blinder Passagier auf Cargozügen hat ertönen lassen, dann will ich nicht glauben, dass in Biel etwas anderes entstehen kann als “la décadance douce”, die letzte Station für geistige Gammelprodukte.

 
     
     
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