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Weblog
Tagesarchiv für 22. Mai 2009
Freitag, den 22. Mai 2009 um 11:40
So richtig mögen wir Schweizer Helmut Kohl, den Riesen-Deutschen, erst, seit wir von “Angie” Merkel und Peer Steinbrück, ihrem hamburgischen Finanzminister, ernsthaft enttäuscht sind. Kohl war zu gross für die Schweiz, mindestens körperlich. Deshalb hat ihn der kluge Letzelberger Jean-Claude Juncker gelobt, “ohne ihn gäbe es keinen Euro und die heutige Finanzkrise wäre eine Katastrophe”. Kohl, ein Pfälzer aus Ludwigshafen am Rhein, wo auch ich geboren bin, hat es niemandem leicht gemacht. Im Gegensatz zu Helmut Schmidt, der mit elbstädtischer Eleganz urban jongliert, ist er der Erde verbunden geblieben. Je mehr die Zeit vergeht, desto breiter und tiefer wird die Spur, die er in Europa hinterlassen hat.
Gesellschaft, Politik | 6 Kommentare »
Freitag, den 22. Mai 2009 um 9:32
Die Begegnung des spanischen Arztes und Antitrinitaners Michel Servet mit Jean Calvin ist ein dunkles Kapitel in der Lebensgeschichte des Reformators. Der eingewanderte Franzose, der in Genf einen Gottesstaat errichtet hatte und der heute im Rückblick auch als Ayatollah von Genf verschrien wird, hatte einst seinen Gegenspieler Servet der Inquisition denunziert um ihn später gleich selbst auf den Scheiterhaufen zu bringen. In seinem Stück „Servet in Genf“ zeichnet mein Grossvater, der Schweizer Dramatiker Albert J. Welti, Calvin, der, gefangen in seinen Prinzipien, ein einsamer Mann ist. Im Reformator müssen dunkle und heller Kräfte gewirkt haben. Von einem Mythos der Unverletzlichkeit umgeben, aber ohne Freund vollbringt er sein freudloses Werk in der Rhônestadt, die er in eisernem Griff hat. Doch längst nicht alle Bürger der Stadt sind bereit, ihm zu folgen oder sich seinen strengen Sittenregeln zu unterwerfen. Nachdem die alteingesessenen Genfer den katholischen Bischof vertrieben haben, versuchen einige von ihnen Michel Servet für ihre umstürzlerische Sache gewinnen. Vergeblich. Michel Servet sucht in naiver Art und Weise den Dialog und die Auseinandersetzung mit dem Reformator. Doch dieser ist gefangen in seiner Dogmatik. Trotzdem möchte er Servet retten vor den Gesetzen, die er wie ein Netz über die Stadt Genf geworfen hat. Nur der Trotz Servets, nicht zu weichen und wie die Motte zum Licht zu fliegen, macht die Verhaftung des Ketzers durch Calvins angeberischen Schreiber möglich. Servets letzte Worte an den von religiöser Inbrunst getriebenen Calvin: „In unseres Vaters Hause sind viele Wohnungen – wir werden einstens doch wohl Nachbarn sein.“
Unter der Regie von Andreas Kosek gelingt es dem Wiener Teatro Caprile das Ringen der beiden Geister, des gebrechlichen Fanatikers Calvin mit dem sturen, an das Gute im Menschen glaubenden Gegenspieler Servet, packend zu vermitteln. Stefan Ragner als Servet ist ein irdischer Macht abgeneigter Schwärmer, weshalb der Sturz Calvins scheitern muss. Christoph Prückner, der als strenger Technokrat Calvin den Schwachen beisteht und die Tugendlosen verfolgt, ist auch ein gebrechlicher Mensch, der, von Einsamkeit geplagt, sich bloss eine freundliche Seele als Freund und Begleiter wünscht. Das zahlreich erschienene Publikum in der Wiener Zwinglikirche dem Ensemble mit seinem Applaus grosse Anerkennung für die gelungene Inszenierung.
“Servet in Genf” wird im Calvin-Jahr noch in mehreren reformierten Kirchen in Österreich und Deutschland aufgeführt und kommt im Herbst auch in die Schweiz.
• 4. September, Genf, Temple de la Madeleine (Lutheranische Kirchgemeinde)
• 5. September, 20 Uhr, Offene Kirche St. Jakob, Zürich
• 1. Oktober, Reformierte Stadtkirche St. Laurenzen, St. Gallen
Philippe Welti
Kultur, Politik | Keine Kommentare »
Freitag, den 22. Mai 2009 um 8:36
Weil ich seit gut 50 Jahren richtig reise, davon fast 40 Jahre mit Schweizer Reisebüros, fällt mir auf, wie das Chaos in der Abwicklung eher zunimmt. Laufend wechselndes Personal bei Kuoni und TUI, meist junge und wahrscheinlich schlecht bezahlte Menschen (die Reisebranche zahlte immer ungenügend und versprach ihren Mitarbeitern dafür viel eigenes Reiseglück), die sich am Telefon immer bemühen (Schulung!), aber dennoch sagen “das ist mal so, mal so”, zeigen, dass stetiger Wechsel dem Kundendienst wenig förderlich ist. Die alten Hasen oder Häsinnen in der Beratung, die ich zwischenzeitlich kenne, die Jahrzehnte überlebt haben, strahlen jene Souveränität aus, die auch Ungenügen überstrahlt. Weil stets die Uhrzeiten und Termine wechseln, nimmt der e-mail-Verkehr rasend zu, weshalb dann doch das elektronische Ticket fehlt, das eigentlich schon lange geliefert sein sollte. Ich bin in den Ferien, dennoch angekommen, aber die Tiefpreispolitik der Airlines rechtfertigt nicht den lausigen Kundendienst.
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Freitag, den 22. Mai 2009 um 8:29
Zehn Jahre ist es her, seit die Bologna-Reform eingeführt wurde; wie die Zeit vergeht! Vom einheitlichen europäischen Hochschulraum, den man damit erreichen wollte sind wir weit, sehr weit entfernt. Nur sechs von 46 Staaten haben gegenseitig die Zertifizierung von Studienleistung voll umgesetzt. “Eine tiefgreifende Reform in der Hochschullandschaft” hat wohl stattgefunden, wobei es offen bleiben muss, wem dies bisher dienlich war. Zwar sind 75 % des Hochschulangebots auf Bachelor und Master umgestellt, aber nur 30 % aller Nachwuchs-Akademiker sind darin eingeschrieben. In der Schweiz sind es 85 %, aber wer ist darüber glücklich ausser den Statistikern? Die Schweiz ist damit EU-konformer als die meisten EU-Staaten, was uns niemand dankt.
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