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Monatsarchiv für April 2009

Verhandler-Chaos ersetzt Verhandlungskunst

Mittwoch, den 29. April 2009 um 7:09

Die UNO-Konferenz gegen den Rassismus hätte eine Glanzkonferenz für die Schweiz werden sollen; dies war zumindest der Wille von Aussenministerin Micheline Calmy Rey und Bundespräsident Hans-Rudolf Merz. Die Israeli und die mit ihr verbündeten westlichen Staaten drückten die Schweiz ins Abseits, wobei die US-Administration dann Merz wieder hilfreich in den Sattel hob mit der Bestätigung, das Gespräch mit Ahmedi Nejad sei sehr nützlich gewesen. Eigentlicher Gewinner der Genfer Konferenz war aber, was bei uns niemand auffiel, UNO-Hochkommissar Navi Pillay, der mit zwei weiteren Diplomaten das Schlussdokument formulierte. Eine alte Erfahrung: Wem am Ende die Formulierungskraft zufällt, wird das letzte Wort haben. Schweiz-Beobachter Torsten Riebe vom deutschen “Handelsblatt” stellt den auch fest: “Die Schweiz hat ihre politische Vermittlerrolle als Wanderin zwischen den Welten verloren.” Wie sehr wir zum Statisten, zum Wortgeber, nicht Wortnehmer, geworden sind, zeigte auch das TV-Gespräch unseres nach Berlin ausgelagerten Meisterdiplomaten Frank A. Meyer mit dem deutschen Finanzminister Peer Steinbrück. Dieser rückte keinen Millimeter von seiner Haltung ab und gab lediglich zu, er habe die Empörung des Schweizer Volks nicht erwartet. Meyer duldete diese Herrenreiter-Mentalität eines sozialdemokratischen Emporkömmlings, biederte sich ihm an mit naiv-philosophischen Betrachtungen und wurde damit zu einem Matthias Ackeret, der Dr. Christoph Blocher in dessen Privatfernsehen das Mikrofon halten und Stichworte zurufen darf. Wir haben die Kunst der Verhandlungs- und Gesprächsführung verloren und sind zu Causeuren abgestiegen. Zwischen dem 17. und dem 20. Jahrhundert gab es mehr gebildete Herren im Land als heute.

“Short communications” für Politiker

Dienstag, den 28. April 2009 um 14:47

Einer der einflussreichsten Wissenschafts-Lobbyisten der Schweiz, Prof. Dr. Hans Urs Wanner, einst Präsident der eidg. Kommission für Lufthygiene, heute Emeritus, tat kund, wie man in Bern lobbyiert. Es dauere 20 Jahre bis Erkenntnisse aus der Wissenschaft in Bern von der Politik umgesetzt würden. Das wichtigste sei “short communications”, wo man den Verantwortlichen komplexe Zusammenhänge einfach und kurz erkläre. Damit würden die Entscheidungen beschleunigt.

Zurück ins Pleistozän

Dienstag, den 28. April 2009 um 12:04

Wer meint, die Tierfreunde seien zufrieden, wenn wir Wölfe und Bären im Land haben, der irrt. Vor allem englische Tierschützer wollen jene Lebewesen wieder in Europa einführen, die im Pleistozän, d.h. vor 11 000 Jahren, schon einmal hier zuhause waren; dies sei ein entscheidender Schritt, um die Biodiversität zu fördern. Auf Elefanten und Löwen will man vorerst verzichten, aber Wasserbüffel und Zebras, die wir bis 1400 noch in Spanien hatten, sollen wieder angesiedelt werden. Löwen waren im Balkan noch 100 n.Chr. zuhause.

Arme US-Amerikaner

Dienstag, den 28. April 2009 um 9:34

Der Wohlstand vieler Amerikaner hat sich durch die jüngsten Ereignisse praktisch halbiert, investieren viele Familien doch zu 25 % in Wohnimmobilien und zu 75 % in Aktien und Obligationen. Immobilien und Börsen sind zwischenzeitlich um gegen 50 % gesunken. Nicht einmal die Gangster in den USA verdienen richtig gross. Ein hochrangiger Verbrecher macht etwa 100 000 USD im Jahr, seine 5000 Fusssoldaten meist nicht mehr als USD 3.50 pro Stunde. Dagegen verdienen Dirnen in den USA derzeit USD 25-30 pro Stunde, viermal mehr als in den einfachen Berufen, welche sie sonst ausüben müssten. Dennoch, das Bild unserer Freunde jenseits des Atlantiks wird immer trauriger. Schlimmer ist es nur im befreundeten Georgien, wo Regierungschef Mikhail Saakashvilli zugab, man habe eine Viertelmillion Menschen entlassen und alleine in Tbilisi 8000 Menschen wegen Korruption und anderen Verbrechen ins Gefängnis gesteckt. Deren Verwandte fordern nun seinen Rücktritt.

Peter Siegenthaler spricht Klartext

Dienstag, den 28. April 2009 um 7:47

Der Direktor der Eidg. Finanzverwaltung, Peter Siegenthaler, hat in der jüngsten Krise Statur gewonnen. Er spricht Klartext, wenn er sagt: “Die Finanzkrise ist kein Unfall, sondern Folge des Risikoaufbaus.” Die Banken seien unverhältnismässige Risiken eingegangen und hätten elementare Sorgfaltspflichten verletzt. Die Verantwortung für die Folgen wollte er nicht individuell zuordnen. Vielmehr handle es sich um ein kollektives Versagen, auch der Ökonomen. Man sei um das Goldene Kalb getanzt und dem Herdentrieb gefolgt.

“Die Schwan” geht unter

Dienstag, den 28. April 2009 um 7:19

Gesine Schwan, eine der eitelsten deutschen SP-Politikerinnen, hat im Kampf gegen Horst Köhler um die Rolle des deutschen Bundespräsidenten ein Eigentor beträchtlichen Ausmasses geschossen. Sie kündigte an, “die Wut der Menschen könne wegen der Wirtschaftskrise deutlich wachsen.” Das kann in Deutschland nun gar niemand gebrauchen, eine Scharfmacherin an der Spitze des Staates. Die deutschen Gewerkschaften helfen mit, Ruhe zu bewahren (“Wir haben alles unter Kontrolle”). Die Medien berichten nur zurückhaltend über die Gefangennahme von Managern durch ihre Belegschaften in Frankreich. Gesine Schwan, hinter dem Gefälligkeitspolitiker Horst Köhler weit zurück, dürfte nun aus dem Spiel sein. Das Vertrauen in den Staat sollte man nicht leichtsinnig gefährden. Kein Wunder, dass sich nur noch 37 % der deutschen Studenten für Politik interessieren, 1983 waren es noch über 50 %. 72 % ziehen sich lieber in die Familie zurück.

Das Buch zur Strasse

Montag, den 27. April 2009 um 13:32

Mit “Direkt um Zürich – Straight around Zurich” dokumentiert der Kanton Zürich die 2,9 Milliarden Franken teure Westumfahrung von Zürich. Die am Bau beteiligten Unternehmen, im Buch Subskribenten genannt, haben das sehr schön produzierte und anschauliche Buch “grosszügig unterstützt”. Eine bessere Dokumentation der eigenen Leistungen, die dank englischer Übersetzung auch zur Akquisition im Ausland genutzt werden kann, gibt es nicht. Das Buch kostet übrigens CHF 89.– im Buchhandel und ist ab 27. April erhältlich. Seltsam, dass man Vergleichbares nicht öfters sieht.

Philippe Welti

Sieg für Trevisan

Montag, den 27. April 2009 um 13:26

Ganz locker bewegt sich der Geschäftsführer einer der weltbesten Zeitungsgruppen durch Küsnacht am Zürisee. Tobias Trevisan ist nicht mehr häufig zuhause, muss er doch die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” durch eine der schwierigsten Phasen der deutschen Wirtschafts- und Mediengeschichte führen. Die “FAZ”, ähnlich, wie die “Financial Times”, macht weiter Punkte. Soeben hat die “Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung”, das Pendant zur “NZZ am Sonntag”, bei den renommierten International Newspaper Awards den ersten Preis in der Kategorie “Internationale Zeitung des Jahres” gewonnen. Trevisan beweist, was manche vermuten: Eine gut gemachte Zeitung wird auch in Zukunft ihren Platz behaupten.

Reformierte Kirche: Kommunikation gegen Mitgliederschwund

Montag, den 27. April 2009 um 10:48

Religion ist Teil unserer Kultur. Die christlichen Grundwerte zu kennen, auf denen unser Staat aufgebaut ist, ist für das Verstehen der eigenen Geschichte unerlässlich. Gestern nun ist in Berlin die von Prominenten und den Kirchen unterstützte Initiative Pro Reli, welche von der ersten Klasse an das Wahlpflichtfach Ethik/Religion durchsetzen wollte, an der Urne gescheitert. In der Schweiz ist für die Kirchen und den Religionsunterreicht noch nicht alles verloren. In meinem Umfeld sind die meisten aus der Kirche ausgetreten. Ich allerdings nicht. Der Grund: Ich bin der Meinung, dass die reformierte Kirche mit den 1000 Franken, die ich jährlich an Kirchesteuer bezahle, sinnvolle Arbeit leistet. Seit die Verteilung der Tsunami-Gelder doch eher intransparent erfolgte, spende ich nicht mehr an Hilfswerke. Ziemlich überrascht war ich, als mir vor ein paar Tagen Carola Jost-Franz, Pfarrerin der Kirchgemeinde Höngg, brieflich zum Geburtstag gratuliert haben. Aha, man hat mich registriert. Als PR-Berater und Kommunikator bin ich der Meinung, dass die Kirchen offensiver kommunizieren sollten. In Höngg tut man es. Auch mit der Ausstellung www.glaubenunglaublich.ch demonstriert die Kirchgemeinde Volksnähe. Die Zeitung “Reformiert” ist ein weiteres Kommunikationsmittel der Kirchen, das ich schätze. Die Anstrengungen der reformierten Landeskirchen zeigen bereits Wirkung: Diese verbuchen bis zu anderthalbmal mehr Eintritte als vor zehn Jahren. Im Vergleich zu den Austritten sind die Zahlen noch klein. Im Kanton Zürich nahmen sie in den Jahren 1997 bis 2007 von 366 auf 462 zu.

Philippe Welti

Ein Schweizer Westerwelle?

Montag, den 27. April 2009 um 9:54

Guido Westerwelle, seit acht Jahren Vorsitzender der deutschen FDP, war ein bunter Vogel, den ich kritisch beurteilen musste. Mit seiner 18 %-Vorgabe, die er heute nicht mehr wiederholen will, schob er sich ins politische Aus. Seither, dies ist neidlos zu bekennen, gibt es einen neuen Westerwelle, der die deutsche Politik immer besser analysiert und sicher auch gestalten könnte. Sein bester Partner, die CDU, triftet mit Angela Merkel in linke Utopien ab. Es ist nicht ersichtlich, wer diesen traurigen Prozess beenden könnte. In der Schweiz bräuchten wir, nach Fulvio Pelli, einen solchen Guido Westerwelle. Er müsste bodenständig sein, aus der Deutschen Schweiz kommen, und der ehemaligen Wirtschaftspartei wieder Gewicht verleihen. Filippo Leutenegger hat dazu eine Chance gehabt, sie aber sehr leichtfertig vertan. Felix Gutzwiller, FDP-Ständerat aus Zürich, wäre hervorragend gewesen; ziert sich aber. Er hat sich eine hervorragende Position erarbeitet; diese für ein FDP-Präsidium herzugeben, ist eigentlich undenkbar, ein Opfer. Johannes Schneider-Ammann wäre der ideale FDP-Präsident, Unternehmer, erfahrener Politiker, bodenständig wie weltweit erfahren. Trifft die FDP, nach Steinegger, Bührer, Schwaiger und Pelli, jetzt wieder die falsche Wahl, droht uns das Chaos. Die SVP ist schwach unterwegs, die CVP sucht weiter ihren marktwirtschaftlichen Weg, und die FDP? Die Sozialdemokraten können das Land nicht retten.

 
     
     
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