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Eine neue Schweiz entsteht

4. März 2009 um 11:45

Die Schweiz ist eine Stadt mit 7,5 Mio. Einwohnern und der grösste Verlag dieser Stadt Schweiz heisst tamedia. Der Westschweizer Quartierverleger Edipresse mit Pierre Lamunière an der Spitze, der schon seit Jahren sein Desinteresse am Schweizer Binnenmarkt signalisiert hat, verkaufte an Pietro Supino, den starken Mann der Verlegerfamilie Coninx, die einst aus Deutschland zugewandert ist. Sein “starker Arm” heisst Martin Kall, CEO der tamedia Gruppe, ebenfalls ein jüngst zugewanderter Deutscher, der die Schweizer Verlagslandschaft in das 21. Jahrhundert hineingeführt hat.

Verlierer sind die kleinen Schweizer Verleger, die sich an den fünf Fingern abzählen können, wie viel Cashflow ihnen noch bleibt, um in Selbständigkeit zu überleben. “Polo” Stähli, der neue CEO der NZZ-Gruppe, formulierte die neue Lage sofort perfekt: “Jetzt werden wir als Gegengewicht zu tamedia wichtiger.” Er wird seine Gesprächsofferten an Hagemann-Lebrument-Wanner schon versandt haben, wohl wissend, dass Martin Kall ihm in seine Pläne hineingrätschen wird.

Zweiter grosser Verlierer ist Hanspeter Rohner, der CEO der seit langem serbelnden P-Gruppe, deren Tochter Publicitas ihren Schweizer Markt Zug um Zug aufgeben muss. Der Ausverkauf ihrer Beteiligungen ist im Gang. Die Frage stellt sich, ob es die P-Gruppe künftig überhaupt noch braucht. Es wird sich jemand finden, der die Teile übernehmen will.

Michael Ringier führt das Haus der verpassten Chancen. Denkt man darüber nach, was er hätte tun können, um Ringiers Position im Schweizer Markt zu stärken, sieht man, dass es zwei Gründe waren, die zur Stagnation im Schweizer Markt führten: Mangelnder unternehmerischer Ehrgeiz und eine dauerhaft falsche Personalpolitik. Wie Ringier sich im Ausland behaupten kann, werden erst die kommenden drei Jahre zeigen; leichter wird es nicht werden. Eher noch schlechter steht es für die NZZ-Gruppe, die in der Ära Hugo Bütler in den unternehmerischen und publizistischen Tiefschlaf verfallen war, aus dem sie ein neuer CEO und ein neuer Chefredaktor holen soll. Beide, immerhin, wollen zeigen, was sie können.

Ein weiteres Opfer dieses neuen “City Schweiz Verlags” wird voraussichtlich die geistige Unabhängigkeit sein. Schon heute zeigt sich, die Westschweizer Intellektuellen, soweit sie diesen Titel überhaupt verdienen, zeigen sich zahnlos. Künftig wird an der Chefredaktoren-Konferenz in Zürich entschieden (eine Dislokation nach Lausanne ist dann nur geografischer Natur), wem geistiger Gehalt zugesprochen wird und wem nicht. Wie gefährlich dies für die intellektuelle Spannbreite des Landes ist, zeigt die Praxis der SRG SSR Idée Suisse, die Lieblingsintellektuelle hat und solche denen man die “idée suisse” abspricht. Weil Rationalisierungen, nicht nur im Druckbereich, unvermeidlich sind, wird ein Kampf um den Platz an der Zürcher Mediensonne ausbrechen.

Zwei Schreckgespenster wurden von CEO Martin Kall montiert, um seinen Merger innenpolitisch besser verkaufen zu können: Die drohenden Internetmedien und die Alternative Paris oder Hamburg-Berlin. Die rasch sinkende Bedeutung des Schweizer Binnenmarktes verlangt nicht nur eine Konzentration, wie sie jetzt erfolgt ist, sondern begünstigt auch die Googlisierung der international ausgerichteten und gut ausgebildeten Teile der Bevölkerung. Bei aller Bewunderung für Paris, die man in der Westschweiz spürt, will kaum ein welscher Schreiber für einen Pariser Verlag arbeiten, ist dort doch immer “le petit Suisse”, also zweite Klasse. Und für die “boches” oder “Krauts” zu arbeiten, ist auf jeden Fall schlimmer als für die Zürcher.

Tamedia wird an seinem Umgang mit der Zukunft des “Bund” und der “Berner Zeitung” beweisen müssen, wie ernst man in Zürich regionale Interessen nimmt. Gibt man dem “Bund” den Todesstoss, gilt dies als Angriff auf die Intellektualität und Identität des Standorts Bern. Stützt man die “Berner Zeitung”, was ökonomisch gerechtfertigt wäre, entscheidet man sich für ein redaktionelles Billigprogramm, was die Berner Elite nicht goutieren würde. Insofern wird Bern der Test sein für das der Westschweiz Blühende.

Tamedia steht eine andere grosse Aufgabe bevor, die Kommunikation ihrer Rolle in der Schweizer Politik, Kultur und Gesellschaft. Ob Pietro Supino oder Martin Kall diese Funktion übernehmen, wird sich zeigen. Entsteht aus dieser zuerst ökonomisch definierten Situation auch ein grosser Schweizer Verleger? Den Medien die redaktionelle Freiheit zu garantieren, ist nur eine Seite der Medaille. Die zweite Seite besteht darin, die Zukunft des Landes, seiner Politiker und seiner Kultur zu definieren. Sollte tamedia diese Aufgabe national nicht anpacken, wie sie es auf dem Platz Zürich schon recht gut tut, wäre dies Teil des Systemversagens der Schweiz, die sich immer stärkeren Kräften von aussen gegenüber sieht.

3 Kommentare zu “Eine neue Schweiz entsteht”

  1. Fred David

    Die Uebernahme ist ökonomisch sinnvoll.

    Nach den beachtlichen betriebswirtschaftlichen Erfolgen müsste jetzt aber aus der Ebene Supino/Kall endlich mal ein kraftvoller publizistischer Impuls kommen, womit Tamedia zeigt, dass sie ihrer neuen Rolle als Nummer 1 in der Schweiz gerecht wird und ihr auch publizistisch gewachsen ist.

    In der Schweiz ist Platz für eine von Grund auf neue nationale Tageszeitung links der Mitte. Eine ganze Leserschicht fühlt sich in diesem Segment total unterversorgt.

    Der Tages-Anzeiger wird der beschriebenen Rolle nicht gerecht. Er ist eine grosse, gutgemachte Regionalzeitung. Ausserhalb Zürichs kann man mit der üppigen Regionalberichterstattung über Pfnüsel- und andere Küsten, Ober- und Unterland, nicht viel anfangen, ebensowenig mit der ausufernden Züri-Worldcity-Nabelschau. Die ist gut bis Uetliberg-Kulm Nicht darüber hinaus.

    Eine grosse, überregionale, Tageszeitung könnte auf diesen ganzen Regio-Ballast verzichten, eine schlanke, moderne nationale Tageszeitung , analytisch, meinungsstark, wirtschafts-, politik- und kulturorientiert, mit offenem Blick nach draussen und gewissem intellektuellem Anspruch. Aber viel flotter und weniger dogmatisch als die NZZ. Eine enge Verzahnung mit dem web von Anfang an wäre selbstverständlich. Das reine News-Geschäft könnte man der bestehenden Infrastruktur weitgehend überlassen. Die Vetriebsinfrstruktur ist vorhanden.

    Die Auflage wäre nicht riesig, die Leserschaft aber gut sortiert. Der “Tagse-Anzeiger” würde konsequent regionalisiert ebenso Thurgauer Zeitung; Berner Zeitung und Landbote. Von diesen Zeitungen käme die Basis der Leserschicht der neuen Tageszeitung. Man würde sich als Leser daneben die entsprechenden Regionalzeitungen aus dem Haus Tamedia im Kombi als Zweitzeitung halten. “News” würde zugunsten der neuen Kaufzeitung eingestellt und das Gratisfeld vollständig “20 Minuten” überlassen.

    Der Bund als Basis für die neue Tagsezeitung ist zu behäbig, der Name klingt nach 19.Jahrhundert , aber er hat sowohl eine interessante Kernleserschaft und entsprechendes Knowhow, ebenso wie “Tagi “und “News

    Herauskommen müsste ein schlanker, eleganter Hybrid aus dem (und aus den) Besten von Bund, und TA und news (Ausland,Inland, Wirtschaft, Kultur, punktuell Sport).

    Naja, man wird ja wohl mal noch so vor sich hin phantasieren dürfen …

  2. Thommen

    Haben sich nicht die landesweiten Zeitungen bereits mit ihren Sonntagsausgaben etabliert? Unter der Woche hat doch niemand/niefrau die nötige Zeit, sich um vertiefte Meinugnsbildung zu kümmern!

  3. Fred David

    @) Thommen: ich glaube nicht, dass das so ist.

    Sonntagszeitungen sind ein besonderer Typus, die hetzen von Wochen- zu Wochenaktualität. Das ist ihr wesentliches Geschäft und das ist auch gut so. Allerdings werden sie dadurch oft auch austauschbar, weil sie vielfach die gleichen Themen mit den ewig gleichen Vorturnern abwickeln. Beispiel: Letzten Sonntag: der Postchef Gygi, sicher ein wichtiger Mann, war mehrfach in grossen Interviews drin. Und immer wieder die gleichen Themen. Gääähn!

    Ich kann, will und muss das nicht mehr alles lesen. Ich beobachte die wachsende Unlust an meinem eigenen Leserverhalten: Früher habe ich mir am Sonntagmorgen vier Sonntagszeitungen eingezogen. Heute reicht mir eine (die NZZ am Sonntag; ich könnte sie aber auch mal mit dem “Sonntag” austauschen) und ich habe nicht das Gefühl, dass mir etwas fehlt. Am Montag oder schon am Sonntag nach einem kurzen Blick ins web erfahre ich ja ohnehin, ob ich in den andern Sonntagszeitungen etwas verpasst habe, was ich wissen müsste. Meistens sind es kurzatmige News, die den Montag nicht überleben.

    Häufiger weiche ich auch mal auf die FZZ am Sonntag aus, wenn ich mal ausspannen will von dem gleichförmigen Schweiz-Gehampel. Tut gut, kann ich nur empfehlen. Hallo! Es gibt noch eine Welt da draussen mit anderen Themen als Bankgeheimnis und UBS und Herr Gygi.

    Kurz: Als Leser bin ich eine untreue Tomate, probier mal dies mal das. Ich glaube, das geht künftig den meisten Lesern so.

    Und trotzdem gibt es für eine schlanke, urbane, nach aussen orientierte linksliberale Tageszeitung (für das Konservative bis Dogmatische habe ich ja die NZZ) , meinungsstark, analyttisch , offen und möglichst interessenunabhängig , und vor allem gut geschrieben! eine – wie ich mal behaupte – grosse Marktlücke. Mit Zahlen belegen kann ich das noch nicht. Aber beobachten und hören kann ich.

    Eine schlanke Zeitung ohne den ganzen regionalen Bombast und ohne überflüssige Beilagen, aus dene meistens ohnehin der Archivstaub rieselt. Alles Ueberflüssige einfach weglassen.

    Die Allesumfassende, jedes Meinungsspektrum abdeckende und damit es jedem recht machen wollende (und mmer langweiligere) Zeitung ist definitiv ein Auslaufmodell. Und wie!

    In so einem neuen Blatt hingegen würde ich gerade als Markenartikler inserieren und Stellenanzeigen gehobeneren Niveaus platzieren wollen.

    In Zürich leben 22% (!) Ausländer, zum Teil hoch interessante Menschen aus aller Herren Länder, mit guten Jobs und hohen Einkommen, die nicht bloss Englisch können und schon wegen ihrer Kinder sich um Deutsch bemühen müssen. Finden die sich irgendwo wieder in irgendeiner Schweizer Publkation? Das ist doch ein Markt! Diese Leute wollen die Verbindung “Schweiz und die Welt” haben. Sie wollen die Schweiz einigermassen kapieren, aber ohne sich durch das ganze Kleingemüse wühlen zu müssen.

    Das ” welsche Element” , das sich die Tamedia gerade einkauft, könnte hier Etwas anschieben: Politische und wirtschaftliche Analyse und Meinung auf die locker-elegante, nicht auf die deutschschweizerisch verbiesterte Art, liegt den Westschweizern mehr, die Gestaltung, der Blick über den Uetliberg hinaus usw. Die Faktenhuberei können dafür die Deutschschweizer wieder besser. Könnte schon ein aufregendes Gemisch werden, diese neue Tageszeitung!

    Sonst würde ich inhaltlich allerdings wenig Austausch von der Elephantenhochzeit erwarten. Aufs Ganze gesehen werden die Inhaltlichen Synergien gering bleiben, die kaufmännischen dafür umso grösser.

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