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Monatsarchiv für November 2008

Das Zauberschloss bei Zürich

Mittwoch, den 26. November 2008 um 12:34

Wer Neftenbach bei Zürich im Herbst besucht, kann sich plötzlich in einem geheimnisvollen Park befinden, wo aus den Nebeln ein vielstöckiges Schloss auftaucht, das ebenso aus England wie aus Bayern stammen könnte, wo Neuschwanstein des verrückten Ludwig II. nur ein wenig grösser ist. Es handelt sich um das Schloss Wart, Heimstatt der Philanthropischen Gesellschaft, wo der 84jährige Bruder Josepf mit seiner 83jährigen Frau, Schwester Martha, und seinem Bruder Ernst, 75, die Reste eines einstigen geistigen Reiches verwalten, das der Menschenliebe gewidmet ist. Das Trio lebt glücklich und bescheiden in einem Bau, der wegen seiner technischen Modernität einst die Schweiz entzückte. Baron Max von Sulzer-Wart hat es vor 115 Jahren errichten lassen. Zur täglichen Andacht um 7.00 Uhr und zur gemeinsamen abendlichen Lektüre sind Gäste (in beschränkter Zahl) herzlich willkommen.

Blocher als “Ulysses”

Mittwoch, den 26. November 2008 um 11:40

Es gab einmal einen wunderbaren Kriegsroman, “Der Untergang der Ulysses”, die Flucht eines schweren Seekreuzers vor seinen Verfolgern, die ihn und seine Mannschaft gnadenlos zusammenschossen. Zuletzt, befahl der Kapitän, wurden alle Motoren auf volle Kraft gestellt, “der Bug der Ulysses hob sich aus dem Wasser”, das hilflose Kriegsschiff raste in seine Gegner hinein, um dann, vernichtet, auf den Meeresboden zu sinken. Das erinnert mich an Dr. Christoph Blocher, Gründer der SVP und alt Bundesrat, ein herrliches politisches Kriegsschiff, das sich zum letzten Kampf bereit gemacht hat. Man sieht, wie auch parteiintern seine Gegner immer stärker werden. Er lässt die Trompete blasen “Auf zum letzten Gefecht…”
Vieles an ihm war immer bewundernswert, seine “fortune”, seine “chuzpe”, sein Wille zum wirtschaftlichen, politischen und sozialen Erfolg. Der Pfarrerssohn hat alle getäuscht, seine Geschäftspartner, seine Wähler und, lange Zeit, auch seine eigene Partei; die anderen Parteien ohnehin, die mit dem “Phänomen Blocher” nie fertig wurden.
Wie ein Torpedokäfer, der nur eine Richtung vorwärts oder den Stillstand kennt, hat Christoph Blocher sich als junger Mann aufgemacht, seine Familie zu rehabilitieren. Er liess sogar seine Schwestern (“Wir hatten keinen Bruder.”) links liegen; warum nicht andere?
Für viele ist ein Rätsel, warum ein gutes Drittel der Deutschschweizer ihm Folge geleistet haben; die Antwort ist einfach. Einmal ist es die Angst vor der Zukunft; Blocher vereinte jene, die partout nichts verändern wollten. Wie jedermann weiss, ist dies nicht möglich, schon gar nicht in der Globalisierung. Blocher wurde Milliardär, dies aus eigener Kraft und Intelligenz, und wusste sich der Schwäche der FDP und der CVP zu bedienen: 30 Jahre lang. Jetzt ist er, aufgerichtet wie der Bug der “Ulysses” vor dem Untergang, am (politischen) Ende angekommen. Er macht Platz für eine national-bürgerliche Partei, die Ausländer nicht als Feinde und Europa nicht als Gegner betrachtet.

Welsche Literatur hat es schwer

Mittwoch, den 26. November 2008 um 11:09

Genug damit, dass die Deutschschweizer Bevölkerung kaum noch welsche Literatur zur Kenntnis nimmt, hat diese auch in den eigenen Kantonen zu kämpfen. Vier von fünf literarischen Büchern, die in der Westschweiz verkauft werden, kommen aus Frankreich. Die rund 1.5 Mio. Leser in der Westschweiz entsprechen etwa Gorss-Lyon, das wesentlich bessere Vertriebsmöglichkeiten bietet. Die Kleinverlage Zoè, Campiche, L’Age d’homme und L’Aire (einer meiner Lieblingsverlage), kämpfen mit Nicolas Bouvier, Etienne Barillier, Anne Cunéo, Alexandre Voisard, Yvette Z’Graggen und Gaston Cherpillod mutig gegen die französische Übermacht. Es sollte doch möglich sein, dass wir uns selber, den Franzossen und der Welt etwas zu sagen haben.

Ohne Schweizer kein INSO

Mittwoch, den 26. November 2008 um 9:33

Ein beschwingter Nachmittag im “Trafo” in Baden, wohin man als Zürcher ohnehin nur selten geht. Dort konnte man erleben, wie echte Schweizer Unternehmer im Sinne von Nicolas G. Hayek nicht nur den Cashflow im Sinn haben, sondern einen Beitrag für die Schweizer und europäische Gesellschaft leisten. Auf Einladung der Brüder Ernst und Hans Uhlmann, Eigentümer der FELA in Diessenhofen, gastierte dort eines der berühmten ukrainischen Symphonieorchester, das INSO aus Lemberg in der Ukraine. Lemberg hat durch den Überfall der Hitler-Truppen und in der Stalin-Zeit einen traurigen Niedergang erlebt, der die einst jüdisch geprägte Hochkultur fast vernichtete. Die über sechzig überraschend jungen Musikanten spielten hinreissend auf von Tschaikowsky bis Theodorakis und Bernstein. Die Uhlmänner als Gastgeber, ein Sohn war auch dabei, bekannten sich zu diesem jungen Orchester, das von einem Schweizer, Gunhard Mattes, vor zehn Jahren ins Leben gerufen wurde. Der, ein ebenso talentierter Dirigent wie Manager, hat mit Hilfe vieler Schweizer Förderer, darunter der UBS, der FELA und vielen Schweizer Stiftungen, den Lemberger Talenten eine neue Zukunft verschafft. Das ist richtig verstandenes Unternehmertum: hochprofessionellen beruflichen Leistungen stehen auch solche an die Gesellschaft gegenüber; dieser Gegensatz zur Praxis vieler Finanzinstitute ist gerade heute auffallend. Auch darf an dieser Stelle angemerkt werden, dass die einst, wenn auch spekulativ reiche UBS einen Teil davon an die Kultur weitergab. Arme Banken sind auch kein Gewinn für die Gesellschaft. Es braucht gute Gewinne, damit solche Engagements überhaupt möglich werden.

Unternehmen bestimmen kantonale Politik

Mittwoch, den 26. November 2008 um 8:58

Während sich der normale Bürger an den Kopf greift, warum die Aargauer Regierung einen Zusammenschluss der Kantone von Zürich bis Basel zu einer Nordschweiz fordert, wird dem Insider klar, dass es sich dabei um eine Forderung der Wirtschaft handelt. Der Staatsschreiber des Kantons Aargau, Peter Grünenfelder, macht auch gar kein Geheimnis daraus, dass “seine” Unternehmen mehr Zusammenarbeit in der Nordschweiz verlangen. Die kantonalen Grenzen sind ein Relikt aus dem frühen 19. Jahrhundert. Was Napoléon schuf, muss für ABB und AKB nicht mehr gelten. Es geht nicht darum, die kantonalen Grenzen neue zu ziehen, sonder via einen gemeinsamen Auftritt der Bundesparlamentarier der Kantone der Nordschweiz für diese Kantone mehr herauszuholen. Offensichtlich fühlt man sich im Aargau den Bernern, Thurgauern und Wallisern unterlegen. Die Aargauer Regierung erwartet eine Re-Industrialisierung ihres Kantons vor allem im Hochtechnologie-Bereich. Bern kann viel tun, um diese Entwicklung zu fördern.

Bankwerbung hat einen eigenen Reiz

Dienstag, den 25. November 2008 um 9:03

Den Grossbanken glaubt man nicht mehr, weil sie ihre eigenen Werber zu Formulierungen veranlasst haben, die heute nur noch lächerlich sind. Einige Beispiele gefällig:
- Lehmann Brothers: Where vision gelt’s built.
- Hypo Real Estate: The architexts of Finance.
- AIG: No one knows more about risks.
- KfW: Eine Bank, die mehr bewegt als Geld.
- Goldman Sachs: Managed aggression, outstanding performance.
- Sächsische Landsbank: Sächsisch als Erfolgsprinzip.

Unsere UBS ist bei “You and Us” geblieben, was nicht die schlechteste Lösung ist. Dennoch fliessen die Kundengelder weiter ab, was aufzeigt, dass es so nicht geht. Wir sagen natürlich: Public Relations schlagen die Werbung.

Als Hauptmann Wedekind missbrauchte

Dienstag, den 25. November 2008 um 8:51

Schriftsteller gehen meist schlimmer miteinander um als Bankiers mit ihren Kollegen. Bankiers geben den ihrigen keine Kredite mehr, Schriftsteller nutzen die Geschichten ihrer Kollegen und Freunde, um selbst einen guten “plot” zu produzieren. So geschehen in Salzburg, wo der junge Frank Wedekind aufwuchs, der später mit “Lulu” weltberühmt wurde. Wedekind, Sohn eines reichen deutschen Arztes aus Hannover, traf in Zürich Glückspilz und Nobelpreisträger Gerhard Hauptmann, dem er seine unglückliche Familiengeschichte erzählte. Hauptmann, dem noble Rücksicht nie nachgesagt wurde, schrieb dann das Stück “Das Friedensfest, eine Familienkatastrophe”, in welchem Wedekind leicht seine Familiengeschichte entdeckte. Enttäuscht wandte er sich von Hauptmann ab, der ihn zudem als Werbetexter verunglimpfte, was insofern richtig war, als Wedekind für Maggi die besten Werbetexte aller Zeiten schrieb. Mit “Kinder und Narren”, einem eigenen Stück, karikierte Wedekind dann Hauptmann. Wedekinds Stücke, lange von der Zensur verboten, wurden ein Erfolg, aber erst nach dem Tod des Autors.

Obama ist Präsident der reichen Amerikaner

Montag, den 24. November 2008 um 11:30

Allmählich klären sich die Nebel, denn Barack Obama hat den Wahlkampf gewonnen und muss jetzt Entscheide treffen. Seine Finanzchefin Penny Pritzker, der die Hyatt Hotels gehören, aber auch viele Spielcasinos, unter den reichsten Amerikanern Nr. 135, hat ihm den Wahlkampf finanziert, zusammen mit ihren Freunden. Die Legende von den armen Amerikanern mit vielen Kleinspenden bricht in sich zusammen. Pritzker, Inhaberin einer Bank, die ihr von “Papa” geschenkt wurde, gilt auch als Erfinderin der “subprime”-Hypothekarkredite. Diese Aussage ist in den USA ganz offiziell. Bestätigt wird damit die an dieser Stelle schon früher aufgestellte Behauptung, Obama sei von der Hedge Fund-Industrie finanziert worden. Wollen sehen, was er daraus macht.

Übernimmt Maschmeyer Swiss Life?

Montag, den 24. November 2008 um 11:25

Es sieht ganz so aus, als ob Drückerkönig Carsten Maschmeyer unseren Swiss Life-Konzern übernehmen könnte. Der dynamische Deutsche, der seine Firma AWD der Swiss Life zu einem goldenen Preis verkaufte, nimmt einen Teil des Geldes, um grösster Aktionär seiner Muttergesellschaft zu werden. Ich frage mich, ob das Team Gehrig-Doerig dem vitalen Deutschen gewachsen ist; Verwerfungen zwischen den beiden Gruppen sind bereits zu erkennen. Maschmeyer hat “la grande allure”, die unseren Zwinglianern absolut abgeht. Ob das gut geht?

Dubai ist pleite, Putin senkt die Steuern

Montag, den 24. November 2008 um 10:51

Bald steht die Welt Kopf. Dubai, die Heimat wunderbarer Hotels und anderer Bauten, ist pleite. Soeben wurde das “Atlantis” eröffnet mit einem Feuerwerk grösser als zur Olympiade in Peking. Wladimir Putin senkt in seinem Land die Steuern, ganz wie dies auch bei uns empfohlen, aber nicht immer realisiert wird. Shanghai läuft ganz ausgezeichnet, Detroit ist pleite, London auch, Zürich hält sich gut. Es geht nicht mehr um Kommunismus, Islamismus und Kapitalismus. Weil alle überleben wollen, geht es nur um eines: Egoismus. Das alte Jahr hört gut auf, freuen wir uns auf das neue.

 
     
     
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