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Tagesarchiv für 27. Oktober 2008

“NZZ am Sonntag” zieht Leder gegen die Deutschen

Montag, den 27. Oktober 2008 um 14:21

Wenn eine als intelligent geltende Sonntagszeitung, wie die “NZZ am Sonntag” sich selber sieht, blank zieht gegen die Deutschen, also ganz im Stil des “SoBli”, von dem man dies gewohnt ist, bedarf dieser Vorgang der Aufmerksamkeit, denn er ist hoch politisch. In der Schweiz leben über 220 000 Deutsche, die von den Schweizern gerne als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnet werden; gleichzeitig greift die Berliner Regierung die Schweiz an, “man wolle sie mit Zuckerbrot und Peitsche” zur Raison bringen. Dieser sehr dumme Ausdruck eines deutschen Regierungsmitglieds, der einer Entschuldigung wert wäre, treibt die Anti-Deutschen-Ressentiments in der Deutschen Schweiz auf eine bisher nicht gesehene Höhe. Die diesem Thema gewidmete “Hintergrund”-Beilage der “NZZ am Sonntag” ist jedoch nicht minder verantwortungslos, weil sie damit Tür und Tor öffnet für weitere Angriffe. Das Elite-Blatt gibt sich populistisch; es wird künftig als Rechtfertigung dafür dienen, wenn weitere Teile des Schweizer Volks “Rache gegen die Deutschen” rufen. Chefredaktor Felix E. Müller schreibt zurecht, “Wer mit der Peitsche droht, der sieht im andern den Knecht”. Die Ablehnung dieser sozialdemokratischen Äusserung ist perfekt formuliert. Dann lässt Müller auf den Innenseiten einen geifernden Steinbrück gross im Bild vorführen. Ein Chefarzt aus St. Gallen, Präsident einer weithin unbekannten St. Galler Kulturstiftung, rast dann auf einer Doppelseite gegen die Deutschen unter dem Titel “Ausser Kontrolle”. Martin Alioth darf an “Sauschwaben und Kuhschweizer” erinnern, den “Krieg zwischen Schweizern und Deutschen vor 500 Jahren”. Es war in Wirklichkeit ein Krieg zwischen Schwaben und Schweizern, aber Details zählen am Beginn solcher Auseinandersetzungen nicht mehr, Schliesslich zählt die Redaktion die Fronten auf, an denen zwischen der Schweiz und Deutschland gekämpft wird: Bankgeheimnis, Unternehmenssteuern, Fluglärm, Auswanderung in die Schweiz, Atomkraftanlagen. Die Redaktion hat sich in ihrem Eifer nicht einmal die Mühe gemacht, die Liste zu komplettieren, denn Verhandlungen über Strassenführung, Bahntrassen und Strassentransfers sind untergegangen.
Das sich verdüsternde Bild Deutschlands in der Schweiz ist identisch mit dem unscharfen Bild der Schweiz in Deutschland. Kein Land war bisher willens und in der Lage, einen Beitrag zu echter Aufklärung zu leisten. Die deutschen Botschafter in der Schweiz wechseln derart rasch, dass nur Insider sich ihre Namen merken können. Meist ereilt sie der Ruf nach Bern als letzte Station vor der Pensionierung. Die Handelskammer Deutschland-Schweiz ist in Wirtschaftskreisen hoch angesehen, hat aber kein Mandat, darüber hinaus etwas für die gegenseitigen Beziehungen zu tun. Ihr derzeitiger Präsident, ein Basler Bankier aus altem Geschlecht, hat weder Zeit noch Lust noch die Fähigkeit, die Deutschen in seinem Land zu verteidigen. Wer also kann den Ruf der Deutschen in der Schweiz retten? Niemand. Bereits zeichnet sich ab, dass mit rückläufiger Wirtschaftslage auch deutsche Gastarbeiter, die in die Schweiz gerufen wurden, zu neuen Arbeitslosen zählen. Das wird die Schweizer noch mehr erbittern. Insofern hat die “NZZ am Sonntag” recht, schlimme Zeiten kündigen sich an.

Der merkwürdige Schweizer in Frankfurt

Montag, den 27. Oktober 2008 um 11:42

Josef Ackermann aus Maienfeld, der sich “Joe” nennen lässt, weil er gerne so gut wäre wie die US-Bankiers, seine Vorbilder aus den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, beherrscht die seltene Kunst, kein Fettnäpfchen auszulassen. Seine Wahl zum Vorstandssprecher und CEO der Deutschen Bank erfolgte unter Protest, als Vorstands-Kollege Cantellieri deshalb zurücktrat. Das Mannesmann-Vodafone-Telcom-Geschäft, welches er absegnete, wurde von vielen Deutschen nicht verstanden, aber die Gerichte sprachen den Wahldeutschen frei. Sein ebenso richtiges wie vorzeitiges V-Zeichen ging in die jüngere deutsche Wirtschaftsgeschichte ein, weshalb er zurecht seinen amerikanischen PR-Berater zugunsten von Stefan Baron feuerte, einem weltgewandten Chefredaktor der “Wirtschaftswoche”. Der, selbst bestens in Frankfurt und Berlin vernetzt, beschützte seinen Herrn, sodass aus “Joe” ein erfolgreicher Josef wurde, der von Angelika Merkel zum 60sten im kleinsten Kreis zum Essen eingeladen wurde. Darauf beriet er die Kanzlerin bei der Gestaltung des Sanierungspakets für die deutschen Banken, um soeben gnadenlos in sein voraussichtlich letztes Fettnäpfchen zu treten, als er sagte, jeder Bankier müsse sich schämen, der vom Staat einen Kredit annehme. Die deutschen Bankiers haben sich vom Schweizer Kollegen abgewendet, Angela Merkel und Peer Steinbrück ebenso. Dies erinnert an seinen Abgang aus der Schweiz, als er das Vertrauen von Rainer E. Gut verlor, der am besten stets darin war, mögliche Konkurrenten rechtzeitig zu entsorgen. “Joe”, der auch stolz darauf ist, einmal zum attraktivsten deutschen Topmanager gewählt worden zu sein, hat ein sensibles Gesicht, die Züge leicht verschwommen. Keine Sorge, in Zürich und St. Gallen werden wir ihn gerne wieder aufnehmen. Wer in Deutschland scheitert, muss kein schlechter Mensch sein.

Zwei Drei-Tage-Bärte machen keinen Vollbart

Montag, den 27. Oktober 2008 um 11:09

Wie sich Fulvio Pelli und Pierre Weiss anlächeln, verrät die Zufriedenheit des einen, “seine” FDP kurzfristig gerettet, und das gute Gefühl des anderen, “seine” LPS auf einer Sandbank gesichert zu haben. Beide tragen Drei-Tage-Bärte, sicher nicht wegen der harten Verhandlungen, sondern weil dies ihren Gesichtern jene Dynamik verleihen soll, das ihre Parteiprogramme nicht aufweisen. Die neue “FDP. Die Liberalen” läutet den Endkampf einer Partei ein, die sich seit Franz Steinegger überflüssig gemacht hat. Seither wurden keine ernsthaften politischen Programme mehr aufgelegt; Steinegger wurde tagesberühmt mit seiner politischen Schaukelpolitik zwischen Links und Rechts. Pelli, ein Tessiner Anwalt, dessen Job als FDP-Präsident sonst niemand wollte, entspricht weder in Sprache noch Ausdruck Deutschweizer Vorstellungen; so hält er sich über Wasser als Vollzugsgehilfe von Economiesuisse und Finanzplatz. Pierre Weiss, sein Leben lang Staatsangestellter, hat keinerlei politisches Profil. Christophe Darbellay sucht für seine CVP den Freisinn mit neuer Liberalität zu überholen, was ihm derzeit so wenig gelingt wie Christian Lévrat, der als SP-Präsident kurzfristig vom Schwächeanfall des Finanzplatzes profitiert. Wäre die SVP politisch vernünftig und stark geblieben, hätte dies den Untergang der FDP bedeutet; es ist nur die derzeitige Schwäche der Führungsgremien der SVP, die den Freisinnig-Liberalen noch etwas Raum zum Atmen lässt. Christoph Blocher, anstelle die SVP weiter zu stärken, hat stets betont, er wolle eine starke FDP, eine Rechnung, die so wenig aufging wie seine eigene politische Perspektive. Die Wirtschaft mag sich kurzfristig freuen, über einen handzahmen Freisinn, aber ein Gewinn für die Demokratie ist dieser Zustand auf keinen Fall.

 
     
     
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