Verleger sein – eine verrückte Krankheit
9. Oktober 2008 um 13:17Vielerorts wird gejammert, es gebe keinen Schweizer Verlag mehr, der seinen Namen wert sei. Der wenigen Ausnahmen, wie Diogenes, Orell Füssli und NZZ-Verlag, sei an dieser Stelle nicht gedacht, denn sie haben es zwar nötig, aber sie wissen es noch nicht. Interessanter ist es, neue Verlage zu entdecken, wo ein Verleger, von einer merkwürdigen Krankheit besessen, unbedingt Bücher herausbringen will, und dies in einer Zeit, wo die Lesefähigkeit der Mehrheit deutlich nachlässt. Ein solcher Verlag ist Wörterseh, der gerade mit der Profanreportage “Vom Herzchirurgen zum Fernfahrer” Karriere macht. Gelegentlich gestehen mir Verlagsleiter, sie müssten auch Mist publizieren, aber die Menschen würden dies lieben und als Verlag lebten sie davon. Natürlich haben viele Spass daran, wenn ein Herzchirurg (A-Prestige) Fernfahrer wird (D-Prestige), nimmt dieses Buch doch voraus, was vielen Menschen noch blühen könnte, der soziale Abstieg. Aus dem gleichen Verlag liegt nun von Edith Flubacher “Das gebrochene Gelübde” vor, ein durchaus zeitgemässer Roman, der von der Suche einer Enkelin nach ihrem Grossvater berichtet. Dieser, katholischer Priester, hatte mit vier Frauen acht Kinder, eine durchaus bemerkenswerte Leistung, welche die Verdrängungskunst der katholischen Kirche deutlich macht. Noch lesenswerter finde ich aus dem gleichen Verlag, dem Kreativität nicht abgesprochen werden kann, das Buch “Starke Worte” von Barbara Lukesch, einer bekannten Zürcher Journalistin, und Balz Spörri, den wir aus der “Sonntagszeitung” kennen. Sie liessen DJ Bobo sagen “Behandle jeden so, wie Du selbst behandelt werden möchtest”, was Rosa Luxemburg nicht erschüttern würde, und Roger Schawinski mit seinem Mantra “You can get it if you really want.” Einigermassen überanstrengt wirkt Carolina Müller-Möhl mit der Aussage “Bildung ist gedankliche Unbestechlichkeit”, ebenso wie Heliane Canepa, die mit “The sky is the limit” den Sturz der Nobel Biocare-Aktie kaum rechtfertigen kann. Ganz grossartig an diesem Buch sind die Fotos der “Akteure”. Pascal Mora ist es gelungen, längst bekannten Gesichtern ein neues “face” zu geben. Alleine schon deshalb ist es wert, das Zitatebuch in seinen Schrank zu stellen.


am 24. Februar 2009 um 14:00 Uhr.
Ja und, heisst das jetzt, dass man die zitierten Bücher (nicht) konsumieren soll oder ist das schon die abschließende Zusammenfassung der Höhepunkte die zu erwarten sind? Surft man die Autoren aktuell, stösst man nicht gerade auf Meisterstücke der journalistischen Arbeit, sondern muss sich mit der Vermutung auseinandersetzen “merkwürdige Krankheiten” seien nicht nur unter Verlegern ausgebrochen. Auf der anderen Seite sind aber Versessenheit, Neid, Fanatismus und Gehässigkeit auf die man dort stößt Züge, die sich nicht nur in diesen Branchen abzeichnen…Also schauen wir mal in den Spiegel der Gesellschaft. Letztlich finden wir uns dort selber.