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Weblog
Tagesarchiv für 8. Oktober 2008
Mittwoch, den 8. Oktober 2008 um 12:59
Es ist höchst wahrscheinlich, dass Silvio Berlusconi als Ministerpräsident Italiens nur für seine eigenen Interessen arbeitet. Seine engsten früheren Mitarbeiter sitzen ohnehin schon im Gefängnis, Opfer müssen sein, er aber lässt die Gesetze zu seinem Vorteil schneidern. Was aber bedeutet dies? Das französische Angolagate enthüllt die Intrigen am Hofe Mitterrands und seines Innenminister Pasqua; es geht um Bestechungen in Millionenhöhe für Waffenlieferungen nach Afrika. Soll ich nun Afghanistans Präsident Karzai böse sein, weil sein Bruder Hamid einer der grössten Rauschgiftproduzenten und –händler Afghanistans ist (wie sogar unsere konservative NZZ bestätigt)? Ist von daher nicht die Annahme berechtigt, die USA würden, wie in Lateinamerika, die Rauschgiftproduktion ihrer Freunde eher begünstigen; zerstört würden nur die Anbauflächen der Konkurrenz.
Wir leben im Zeitalter der Postdemokratie. Das Volk, vor allem das gut ausgebildete schweizerische, weiss dies alles und wendet sich mit Schrecken ab. Den Höhepunkt der Demokratie erlebten wir vor 50 Jahren, als uns der Schreck vor den Faschisten noch in den Knochen sass. Heute erlaubten wir bereits wieder Annäherungen an jung-faschistische Parteien. Den Regierungen kann es nur recht sein, weil sie dann ihre Geschäfte noch ungestörter als bisher machen können.
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Mittwoch, den 8. Oktober 2008 um 12:50
Berns grosse Vergangenheit als stärkste Stadt nördlich der Alpen ist lange her; die Nichtaufnahme als Schweizer Metropolitan-Region neben Zürich, Basel und Genf war deshalb ein weiterer Tiefschlag, der auch kurzfristig nicht mehr zu reparieren sein wird. Jetzt verlässt auch Peter Jezler das Berner Historische Museum, der mit wunderbaren Ausstellungen den Ruf der Stadt enorm gefestigt hat. Er geht auch wegen der berühmten Berner Bürokratie, die von der Regierung gerne mit der Behauptung verteidigt wird: “Auch Beamte sind Steuerzahler.” Das ist insofern nur zur Hälfte richtig, als die Beamten wirkliche Künstler und Könner gerne verjagen, weil diese die einzige Bedrohung ihrer Selbstgefälligkeit sein können. Zum anderen werden die Beamten vom einfachen Volk finanziert, versteuern doch die erfolgreichsten Berner Manager ihr Geld gerne in anderen Kantonen, die man nicht als “Steuerhölle” bezeichnen kann. Peter Jezler gesteht Bern “irrsinnig viel Lebensqualität” zu, was richtig ist, weil dort noch eine gewisse Altertümlichkeit herrscht, die in Zürich – vor allem in den Neubauquartieren – radikal verdrängt wird. Die Berner zeigen von Zeit zu Zeit “auch eine Warmherzigkeit, die es anderswo nicht gibt.” Dies mag zutreffend sein, wie Elisabeth Zölch, die Vorzeige-Bernerin, dies stets bewies, aber ob es der Kühle der Globalisierung standhält, wie in Zug und Genf zu beobachten, darf bezweifelt werden. Bern ohne Bundesverwaltung wäre ein Kleinstadt wie St. Gallen. Es ist gut, dass die Berner ihr kollektives Unterbewusstsein noch bewahrt haben. Eine wichtige geistige Stütze des wahren Bernertums ist der “Bund”, dessen Schicksal allerdings in Zürcher Händen liegt.
Wer diesen Beitrag genau liest, dem wird aufgefallen sein, dass der Begriff “Bern” sehr häufig mit dem Beiwort “auch” ausgestattet ist. Kein Zufall, denn Bern ist eine “auch Stadt”, die vorleben will, was sie anderen nachmachen muss.
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Mittwoch, den 8. Oktober 2008 um 12:09
Was schon Doris Leuthard gelang, sollte auch Bruno Zuppiger möglich sein. Die ambitionierte CVP-Nationalrätin liess sich Monate vor ihrer Wahl in den Bundesrat in der “Schweizer Illustrierte” vorstellen, ganz magistral, aber im Anspruch verhalten, wie es sich gehört. Als ich damals schrieb “Leuthard will Bundesrätin werden” fielen ihre politischen Freundinnen mit Leserbriefen über mich her, das sei nicht wahr, was natürlich eine politische Lüge war, also keine wirklich schlimme Lüge. SVP-Nationalrat Bruno Zuppiger, von der Herkunft her ein ebenso fleissiger wie talentierter “self made”-Unternehmer, soeben auch “SI”-geadelt, wäre der ideale SVP-Kandidat für einen Sitz im Bundesrat, weil er glaubwürdig ist, auch in seiner eigenen Partei, und eine breite Unterstützung im Parlament finden würde. Dies trifft weder auf seinen parteiinternen Konkurrenten in Bern wie im Kanton Baselland zu. So könnte es sein, dass Ringier wieder einmal als innenpolitischer Tempomacher in Erscheinung tritt.
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Mittwoch, den 8. Oktober 2008 um 10:28
Schon Stefan George weigerte sich, 1933 in die Deutsche Akademie der Künste einzutreten, weil er ein grösseres Bild vom “Reich” hatte als die Nazis. Er wanderte in die Schweiz aus, um hier zu sterben. Die Schweiz als Zielland des europäischen Todestriebs reicht weit zurück; unsere Friedhöfe sind voll der Gräber Prominenter, die sich nicht mehr wünschten, als ihren “Père L achaise” vor dem Hintergrund des Alpenkranzes zu finden. Wir sollten uns daher nicht wundern, wenn dieser Vorgang jetzt, demokratisiert, auch von Exit und anderen gefördert wird. Dies nach dem Motto, man habe erst ein Vermögen, wenn mindestens ein Teil davon in der Schweiz sei, und der Tod sei erst schön, wenn in der Schweiz vollzogen. Dieses leicht makabre Bild des Landes wird aufgehellt durch die vielen munteren Ausländer, die unser BIP und den AHV-Fonds vermehren. Die Schweiz im Widerspruch ist wohl die lebendigste Schweiz, die wir Europa und der Welt bieten können, eine Schweiz, die derzeit eine Sonderkonjunktur erlebt aufgrund jener, die bei uns sterben und der Mehrzahl jener, die bei uns leben wollen.
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Mittwoch, den 8. Oktober 2008 um 9:57
Wenn in einem PR-Coup die in Rom versammelten Bischöfe am italienischen Staatsfernsehen jetzt die ganze Bibel vorlesen, kann die italienische katholische Kirche auf diese Aktion stolz sein. Wenn gleichzeitig der Chef der vatikanischen Schweizergarde zuvor in seinem Heimatkanton Glarus eine Polizeipraxis gegen Ausländer gepflegt hat, die verdächtig nahe bei Abu Graib anzusiedeln ist, sollte der Vatikan rasch auf diese Führungskraft verzichten, um nicht an Glaubwürdigkeit einzubüssen; wahrscheinlich müssen nun zuerst unsere Bundesräte beraten, ob sie den Chef der Schweizergarde zurückziehen wollen. Bischof Kurt Koch wirkt seit dem Friedensschluss mit dem Röschenzer Pfarrer Szabo wieder wesentlich frischer als früher; ob dies auch für Kollege Huonder in Chur gilt, kann derzeit nicht überprüft werden, weil er sich selten sehen lässt. Er hat die Pfarrerin Monika Schmid gemassregelt, die schweizerisch-klar gesagt hat, worüber unsere Bischofskonferenz lieber ein christliches Grabtuch ausbreiten möchte: Wer als katholischer Pfarrer etwas mit Frauen hat, wird ausgestossen; wer es mit Männern oder Kindern hat, wird weitgehend geschützt. Schmid wurde nun vom “Beobachter” mit dem “Prix Courage” ausgezeichnet; warum eigentlich? Solches sollte jeder aufrechte Schweizer, welchen Geschlecht’s auch immer, ohne Anspruch auf Mut aussprechen dürfen. Bischof Huonder musste jetzt ebenso zurückkrebsen, wie Kollege Koch. Merke: Die Lektüre der Bibel ist wichtig, genügt aber nicht immer.
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Mittwoch, den 8. Oktober 2008 um 9:25
Der chinesische Ministerpräsident Wen Jibao liebt Marc Aurel. Er führt ein Land zur Demokratie, das während dreissig Jahren mit nahezu zehn Prozent pro Jahr gewachsen ist. China hat die USA finanziert und beklagt, dass die “virtuelle Wirtschaft” der USA in eine Schieflage gekommen ist. Wen Jibao sagt, China sei keine Supermacht, denn 800 Mio. Chinesen seien noch Bauern und viele Millionen sehr arm. Er wehrt sich gegen den Dalai Lama, der ein Viertel Chinas abtrennen möchte: Tibet, Sichuan, Yunnan, Qinghai und Gansu. Seit 1978 habe China den Beweis angetreten, dass Sozialismus auch die Marktwirtschaft ermögliche. Er beruft sich auf Adam Smith, der nicht nur “The Wealth of Nations” formuliert habe, sondern auch den Reichtum der Menschen. Er liest Marc Aurel, den Stoiker unter den Römern, regelmässig. Solchen Politikern haben wir wenig entgegen zu setzen.
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Mittwoch, den 8. Oktober 2008 um 7:52
Das Zürcher “Dolder Grand” wird nicht nur vom “Tagi” geprügelt, sondern leidet wirklich. Nur ist dies keine Ausnahme, denn, wie mein jüngster Besuch zeigte, auch das “Sacher” in Wien ist nicht besser besucht. Wer, wie das Savoy am Zürcher Paradeplatz, über eine gepflegte Stammkundschaft verfügt, hat jetzt Vorteile. Die grosse Finanzkrise ist an den ganz Reichen nicht spurlos vorüber gegangen. Sie gehen nicht in billigere Hotels, sie gehen ganz einfach weniger. Wer jetzt den Mut hat, die jungen Reichen zu gewinnen, die Russen, die Araber, die Asiaten, wird gewinnen. Wir alten Europäer sind zu geizig, um zuviel zu bezahlen.
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