Schweiz: Weltmeister der Gratiszeitungen
8. Juli 2008 um 12:12Täglich fallen tausend Bäume, damit wir Schweizer Gratiszeitungen lesen können. Eine davon, die erfolgreichste, “20 Minuten”, habe ich 1999 in der Schweiz eingeführt und mit Sascha Wigdorowits dem norwegischen Schibstedt-Konzern den richtigen Vorschlag für einen CEO Schweiz gemacht. Nach einigen Wirren übernahm Tamedia “20 Minuten” und erzielte damit einen der spektakulärsten Erfolge in der Schweizer Medienlandschaft. Sascha, noch immer dem grossen Geld nachjagend, gründete mit Andy Rihs und anderen “.ch”, eine derzeit ziemlich hoffnungslose Angelegenheit. Michael Ringier sprang zu spät auf den Zug auf, dies aus Angst um den “Blick”, und sucht nun zweiter Sieger zu werden. “20 Minuten” ist eine der weltbesten Gratiszeitungen und hilft dem starken “tagi” noch stärker zu werden. Dieser schwankte während Jahren mehr nach links denn nach rechtes, wurde aber mit Chefredaktor Peter Hartmeier sanft in die Mitte geführt, was nicht jedermann verstehen wollte. Die einst Zürich beherrschende “NZZ” fällt immer weiter zurück als Blatt der Konzern- und Finanzelite und macht sich Gedanken um die Zukunft. Da die Schweizer Tagespresse nur noch zu 58 % von den Lesern finanziert wird, vermehrt sich auch die Zahl der Gratismagazine gewaltig, weil neben sehr schönen Inseraten meist völlig nebensächliche Texte zu finden sind. Die zur A-Schweiz gehörenden Eliteleser ziehen sich deshalb in die ausländischen Medien zurück, die Leser der B-Schweiz haben ein überwältigendes Medienangebot, dessen redaktionelle Qualität laufend schwächer wird. Die meisten merken dies nicht. Zu erkennen ist es an den Paniken, welche die Medien gerne auslösen:
- Sie jagen uns in eine EURO 08, in welcher die Schweiz Weltmeister werden soll, und sagen dann nichts mehr, weil nur die Holländer feiern und die Spanier gewinnen.
- Sie reden uns eine Pandemie, die Vogelgrippe, ein, die HoffRoche zu Rekordgewinnen verhilft. Die Pandemie selber bleibt ein Schemen.
- Gleiches führt zum Tod von Millionen Rindern, die in England in schauerlichen Ritualen verbrannt werden.
- Menschen werden in Medienritualen hingerichtet, wie der Fall von Dr. Thomas Borer, der von Ringier Millionen als Entschädigung erhielt.
Der normale Mensch ist dem einfach ausgeliefert und gibt sich kollektiven Festen wie Meinungen hin. Nur Ich-starke Menschen können dem entrinnen; sie sind keine Egozentriker, sondern Orientierungsorte in einer Gesellschaft von Lemmingen.
Wie tiefgreifend der Einfluss der Gratisanzeiger ist, zeigt das Beispiel der Zeitung “Le Matin”, wo Peter Rothenbühler, einer der besten Chefredaktoren der Schweiz, nun gezwungen ist, seine redaktionellen Aussenstellen aufzuheben. Er zieht aus Kostengründen seine dort fest stationierten Truppen zurück, um mit starken journalistischen Eingreifkommandos das publizistische Gelände zu halten. Das Modell ist klar, zuerst kommt es zu Bereinigungen, dann zu Entlassungen, schliesslich zu Zusammenlegungen. Die abnehmende Qualität vieler Tageszeitungen ist unübersehbar.


am 8. Juli 2008 um 14:10 Uhr.
Der kommerzielle Erfolg sei “20 Minuten” gegönnt. Eine gut gemachte Gratiszeitung, zum extrem raschen Verbrauch bestimmt und nach den Regeln einer Gratiszeitung funktionierend, in totaler Abhängigkeit von Werbung. Diese gibt, auch wenn niemand darüber spricht, das redaktionelle Profil vor.
Das Maketingelement ist unverkennbar stark, das publizistische Profil schwach. Dagegen ist nichts zu sagen. Die Zeitung befriedigt ein Bedürfnis. Aber eben: Es blein eigener Typus von Zeitung mit erheblichen Einschränkungen.
Was der Schweiz fehlt ist eine weitere grosse, überregionale Tageszeitung mit nationalem Anspruch, und die gelegentlich auch international zur Kenntnis genommen wird. Davon gibt es nur zwei: die NZZ und der Blick. Eine für die A- , eine für die B-+C-Schweiz. Die NZZ ist ideologisch befangen und zu nahe an partikularen Wirtschaftsinteressen. Der Blick strampelt sich im schwierigen Boulevard-Umfeld redlich ab.
Da wäre noch Raum – erst recht, weil dann die eine und andere Sonntagszeitung noch überflüssiger würde als heute schon. Das wäre ein Gesetz des Markts. Das Ziel: Eine stark entschlackte, profilstarke Sonntagszeitung für jeden Wochentag.
Und die Konkurrenz? – Der Tages-Anzeiger ist eine gut gemachte Regionalzeitung, schwankend zwischen Gold- und Pfnüselküste, mit dem Nabel Zürich-Innenstadt, um den die ganze Tagi-Welt von morgens bis abends kreist. Es gibt beim Tagi natürlich auch noch überregionale Politik, selektiv Internationales und das Magazin. Aber das sind Beigaben. Sie machen nicht die Zeitung aus. Auch dagegen ist nichts zu sagen. Nur ist es eben keine Zeitung, die einen nationalen Anspruch erfüllen könnte.
Es gibt noch andere , gut gemachte Zeitungen : Luzerner Zeitung, Bund, Aargauer Zeitung , aber die kommen über ihre Region nicht hinaus. Die Basler Zeitung begnügt sich mit dem bequemen Dasein einer Lokalzeitung. Die Berner Zeitung ist für eine Hauptstadt-Zeitung zu provinziell; der Bünder Zeitung merkt man ihre Monopolstellung immer mehr an; beim St.Galler Tagblatt wirkt die völlige Profillosigkeit und Eintönigkeit breitflächig narkotisierend.
Eine überregionale, starke Tageszeitung, modern gemachte , aber stark in traditionellen Feldern: nationale und internationale Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft im weitesten Sinn; Reportagen, Kolumnen, Kommentare , aber überdurchschnittlich geschrieben nd in Form gesetzt, kein Wischiwaschi. Informativ, unterhaltsam, aber ohne lästiges Gigi-Zeugs. Sport nur punktuell. Das kann der “Blick ” besser. Und lesbar für jene vielen, vielen Schweizer, die die SVP nicht als dominierende Kraft in der Schweiz von morgen sehen mögen. Das wäre die einzige politische Vorgabe. Alles andere ist diskutierbar.
Sie müsste von anfang an als anspruchsvolle, nicht zu umfangreiche Zweitzeitung konzipiert sein, die man sich im Kombi mit der jeweiligen Lokal- bez. Regionalzeitung abonnieren kann. So würde auch der Vertrieb laufen. Keine Riesenredaktion; viele freie Autoren und Journalisten. Das würde enorm Kosten sparen und wäre für die Leser attraktiv – zumindest für jene schätzungsweise 50%, die genug haben von dem lauwarmen, provinziellen, ewig gleichen Themeneinerlei. Die auch wissen wollen, was draussen vor sich geht und die das nicht nur von ausländischen Medien serviert kriegen wollen.
So etwas stemmt heute kein Verlag mehr allein, aber zwei grosse könnten das. Noch besser wäre eine Stiftung. Es gibt genügend Milliardäre, die an diesem Land noch einiges gut zu machen haben, dafür, dass es sie so überaus nachsichtig behandelt. Grundvoraussetzung wäre eine strikte Unabhängigkeit und nur eine reduzierte Abhängigkeit von Anzeigen. Eine entsprechend ausgestattete Stiftung könnte diese Grundlage garantieren, besser als jeder Verlag.
Kunstsammlungen – und Museen gibts inzwischen genug. Unabängige Medien hingenen fast gar nicht mehr.
Der Witz an der Sache ist: Man würde Scharen guter bis hervorragender Journalisten finden, die auch für weniger Geld zu gewinnen wäre und die ein solches Projekt auch über eine schwierige Startphase lüpfen können. Eine Zeitung, die wieder von Journalisten gemacht und nicht von Marketingspezialisten gestreamlined wird.
Vor allem aber: Es gibt Scharen von Lesern, die aufatmen würden: Endlich etwas in dieser Richtnug! Und nicht gratis! Für so etwas würde man sogar ordentlich Geld bezahlen.
am 9. Juli 2008 um 7:23 Uhr.
Korrektur: Ich meinte natürlich die “Südostschweiz” – das “Bündner Monopol” hat bei mir als Ostschweizer wohl schon einige Spuren hinterlassen …
am 9. Juli 2008 um 12:14 Uhr.
Ich bin überzeugt, dass die Gratiszeitungen zwar ökonomisch erfolgreich sind, aber journalistisch in eine Sackgasse führen. Das erleben wir ja live mit der Qualität von privatem Fernsehen, das doch mal so hochgejubelt wurde!
Ich kenne keine Zeitung mehr, die es sich leisten könnte, irgendwelche Inserenten zu vergraulen. Autoimporteure oder Chemische Industrien sind nur einzelne Beispiele. Sogar der Blick schlingerte schon verschiedentlich um Inserentenaufträge.
Überall wo wir auf public service angewiesen sind, sollten Privatisierungen ein Alarmsignal auslösen. Bisher sind immer nur die Löhne der Angestellten billiger geworden, selten der Service… Ich kenne das vom Stückgut bei der Deutschen Post, der weitgehend zugunsten umweltbelastender Autos verschwunden ist. Sobald das Benzin teuer wird, werden wir den Kahlschlag im Transport erleben und neue private Monopole, die dann aber nicht mehr politisch gebrochen werden können! Es lebe die wirtschaftliche Freiheit!