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Tagesarchiv für 7. Juli 2008

Winterthur, die subventionierte neue Grossstadt

Montag, den 7. Juli 2008 um 16:16

Weil in Zürich kaum noch jemand eine finanzierbare Wohnung findet und die Jungen vorzugsweise im Umland eine Bleibe suchen, hat Winterthur nun 100 000 Einwohner. Das sei den Eulach-Anliegern gegönnt, die von 100 Mio.-Subventionen der reichen Zürcher Gemeinden leben und deren zwei grösste Firmen in den Händen des französischen Axa-Konzerns (Versicherungen) und dess Russen Viktor Wekselberg (Sulzer) liegen. Der renommierte “Landbote” nannte sich aus diesem Grund für einen Tag “Der Grossstadtbote” und präsentierte einen jubelnden keltischen Obelix auf der Titelseite, obwohl die Winterthurer alemannischer Herkunft sind, wie die Gräber ebenso beweisen wie die schmale Kopfform vieler seiner Einwohner. Winterthur hat Steuereinnahmen von Fr. 307 Mio. und Schulden von Fr. 928 Mio. Es lebt seit Jahren über seinen Verhältnissen und wird als wichtigster Vorort von Zürich noch eine grosse Zukunft erleben.

Benedetto und Georgieboy.

Montag, den 7. Juli 2008 um 16:01

Es war ein denkwürdiger Tag. Einer der dümmsten Präsidenten der amerikanischen Geschichte, George W. Bush, den wir nach Meinung seines Vaters nicht vorzeitig abschreiben oder unterschätzen sollten, empfing im Weissen Haus zu dessen 81. Geburtstag Benedetto, Papst Benedikt XVI. Was den bayerischen Botschafter des Friedens und der Wahrheit dazu trieb, genau an diesem Tag den beim Volk unbeliebtesten Präsidenten der amerikanischen Geschichte zu besuchen, wird er uns in seinen Memoiren übermitteln. Beide sind konservativ, lieben die pompösen Auftritte. Vielleicht meinte der amtierende Papst auch nur, ein Besuch im “American Empire” stünde der katholischen Kirche gut an, nachdem Italien in Scherben liegt, der Islam in vielen Erdteilen auf dem Vormarsch ist und auch sonst im katholischen Reich wenig Freude herrscht.

Frauen halten besser durch.

Montag, den 7. Juli 2008 um 15:03

Die Südanflug-Gegner versuchten, sich aufbäumend, mindestens verbal ihrer Enttäuschung über den BAZL-Entscheid Ausdruck zu geben. Peter Morf wirkte wie ein General ohne Truppen. Die Gemeindepräsidenten im Süden liessen ihr obligates Communqué verlesen, um vor ihren Bürgern nicht das Gesicht zu verlieren. Rita Fuhrer wirkte energisch wie immer, besonders charmant in der Niederlage. Andreas Schmid, der Flughafen-Präsident, zeigte medial seinen mächtigen Kiefer, löste damit aber in Bern kein Erschrecken aus. Kurz, der ganze Rummel gegen die Südanflüge gebar weniger als eine Maus, höchstens eine Fliege. Wenn ein Bundesrat, Moritz Leuenberger, nicht gegen die Deutschen antreten will, ist Hopfen und Malz verloren. Mindestens 200 000 Menschen sind verraten und niemand kümmert’s. Die Träumer packen ihre Papiere ein.

Wer ist Mob?

Montag, den 7. Juli 2008 um 14:35

Wenn die “NZZ” davon schreiben lässt, “der fundamentalistische Mob” könne auch ausländische Botschaften angreifen, muss man ein wenig nachdenken. Könnte es sich dabei vielleicht auch um gläubige Menschen handeln, die ein Anliegen haben, das ein anderes ist als das unsrige? Obwohl ich nie auf die Idee käme, eine Botschaft zu stürmen, erinnere ich mich daran, dass dies aus politischen Gründen immer wieder geschehen ist. Ist dies dann Mob? Vorläufig betrachte ich diese Formulierung daher als elitistisch und bin der Hoffnung, dass die Qualität unserer westlichen Politik uns eines Tages rechtfertigen wird. Mob, wie es die NZZ versteht, ist stets der Pöbel, der mit einer Regierung nicht einverstanden ist, die unter dem redaktionellen Schutz der NZZ steht.

Condis Erbe für Obama.

Montag, den 7. Juli 2008 um 14:04

Die wahrscheinlich demnächst zurücktretende Aussenministerin des “American Empire”, Condi Rice, hat soeben eine Art Testament publiziert, das wir Europäer kennen müssen, um auch den kommenden US-Präsidenten zu verstehen. Weder John McCain noch Barack Obama werden es einfach so zur Seite legen können.
So nennt Condi, nicht ganz neu, aber nicht immer verstanden, das Gebiet von Marokko bis Pakistan den “Grösseren Mittleren Osten”, wo die USA schon seit Jahrzehnten versucht hätten, Stabilität herzustellen. Condi, die sich in ihrem Testament “American Realism for a New World” zuspricht, gesteht: “Wir haben dort auch autoritäre Regimes unterstützt.” Kommt sie auf den Irak zu sprechen, sagt sie, die “international community” (nicht die USA) hätte dort Sanktionen vornehmen müssen, um die unschuldigen Iraker (die ihre Befreier gerne wieder los wären) vor einem Tyrannen zu schützen; diese Wohltat hätten auch die Iraner verdient. Sie gibt zu, dass man Saddam nicht beseitigt hätte, “to democratize the Middle East”. Er sei vielmehr eine Gefahr für die internationale Sicherheit gewesen (wobei sie von einem langjährigen Mitarbeiter der USA spricht, der wohl ausser Kontrolle geraten ist). Sie schliesst mit einem Hinweis darauf, dass es das amerikanische Ideal sei, gleiche Chancen zu bieten, nicht gleiche Ergebnisse für jedermann. Als “Tochter Amerika” beruft sie sich auf die Befreiung Deutschlands, Japans und der baltischen Staaten.

Ist das “MM Magazin” ein “Budget”-Angebot?

Montag, den 7. Juli 2008 um 13:48

Beim Anblick des frisch renovierten “MM Migros Magazins”, das von Chefredaktor Hans Schneeberger, ein langjähriger Medienprofi, soeben renoviert wurde, liegt der Verdacht nahe, es handle sich mindestens in der ersten Ausgabe um eine Retro-Angebot mit “Budget”-Charakter. Auf der Titelseite zeigt er eine Schweizer Familie, wie sie schon vor fünfzig Jahren nach Rimini gefahren ist. Offensichtlich hat sich seither im Ferienverhalten der Migros-Kunden, nach Ansicht der MM-Redaktion, wenig verändert. Das Foto drückt eine gewisse zeitlose Munterkeit aus (Strohhut und Taucherbrille, bunte Shorts und Shirts), die dem sozialen Anstieg des Migros-Kundenprofils kaum entsprechen dürfte. Hinter der Renovation, das sagen die Verlage nicht gerne, versteckt sich auch eine billigere Produktion. Die auf dem Bildschirm generierten Artikel, Grafiken und Fotos sehen aus wie abgepackt, ganz ohne jene Eleganz, die man auch der Migros in einigen Filialen zuspricht. Das Geheimnis für die Wahl dieser Vorgehensweise mag in der handschriftlichen Signatur des Chefredaktors liegen, wo sich das “H” von Hans und das “S” von Schneeberger zu einem Dollarzeichen verbinden als Ausdruck seiner budgetären Kompetenz.

Moritz L., der Melancholiker

Montag, den 7. Juli 2008 um 13:14

Bundesrat Moritz Leuenberger macht den Eindruck eines fröhlichen Menschen, der unter Druck zu einem Melancholiker geworden ist. Während sein Mund lacht, nicht ganz so breit wie bei Kollegin Micheline Calmy-Rey, bleiben die Augen in sich gekehrt. Wenn er sich kommentierend zu seinem weblog äussert, spürt man den Rechtfertigungsdruck:
- “Ich erkläre feierlich, dass meine Beiträge am Wochenende entstehen.”
- “Meine Reden entstehen beim Wandern.”
Leuenberger hat sich das Image zugelegt, er sei ein eher entscheidungsschwacher Bundesrat, der sich von seinem hoch talentierten Generalsekretär führen lasse. Dazu passt auch, dass er seine Blogtexte vor der Publikation stets von seinem Stab absegnen lasse, ohne den er nach eigener Aussage “in Fettnäpfchen” treten werde. Ob er im Blog wirklich mit dem Schweizer Volk kommuniziert, muss offen bleiben, denn viele würden dort nur anonym auftreten. Es geht ihm nicht besser als alt Bundesrat Dr. Christoph Blocher, dessen “Blocher-TV” praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit gesendet wird. Würden sich die Medien nicht diesem Randzonensender wie dem bundesrätlichen Blog direkt annehmen, bliebe das Echo weitgehend aus.

Supermänner am Firmenruder

Montag, den 7. Juli 2008 um 9:42

Der 68jähjrige Theo Müller lebt mit seiner Partnerin Ines Hüvel und Kindern im schönen Erlenbach am Zürisee. Der Aufsteiger aus der schwäbischen 300 Einwohner-Gemeinde Aretsried, der aus einem Milchladen den zweitgrössten europäischen Milchkonzern geformt hat, regiert sein Unternehmen von der Goldküste aus; heute mehr denn je, denn gerade hat er seinenm vierten Nachfolger auf dem Posten des CEO gefeuert. Solche Patriarchen sollte man nicht unterschätzen. Nicolas G. Hayek hat Sohn Nick, der auch schon über 50 ist, die Konzernleitung praktisch überlassen, treibt aber die Innovation voran, sei es mit der schönen Breguet-Uhr oder seinem neuen Energiespar-Projekt. Heinrich Villiger hat der familiären Cigarrenfabrik trotz vieler staatlicher Widerstände neues Leben eingehaucht. Heute teilt er die Geschäftsführung der internationalen Unternehmensgruppe mit Peter Witzke, der sich gegen den erfahrensten Cigarrier der Schweiz gut behauptet. Klaus-Michael Kühne, Mehrheitsaktionär der Kühne + Nagel International, regiert seinen über 52 000 Mitarbeiter zählenden Konzern als Executive Chairman von Schindellegi aus. Seine unternehmerische Energie ist ungebremst, will er doch derzeit den Hamburger Hapag-Lloyd-Konzern mit Freunden übernehmen, damit er nicht in asiatische Hände kommt. Die Patriarchen der Schweizer Wirtschaft entfalten eine rege Tätigkeit, die man der jüngeren Generation nur wünschen kann.

 
     
     
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