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Monatsarchiv für Juni 2008

England: Angst vor wachsender Dummheit

Freitag, den 27. Juni 2008 um 10:42

Mag sein, dass meine englischen Freunde etwas anspruchsvoll sind, weil sie noch Zeitungen und Bücher lesen. Weil sie auch etwas älter sind, können sie auch Jahrzehnte zurückblicken. Sie meinen, das englische Bildungssystem sei in diesen Jahren zerstört worden; die Kinder würden die Schulen mit schlechten Kenntnissen verlassen. Gleichzeitig seien die Bibliotheken zerstört worden. Man verbrenne keine Bücher, aber sie würden ganz einfach aus der Öffentlichkeit verschwinden. Die mächtigen Verlagshäuser hätten auch kein Interesse mehr daran, die englische Kultur zu fördern. Es kämen immer mehr Bücher auf den Markt, die Klatsch über Prominente oder von diesen enthalten, Dichtung und Kurzgeschichten seien vielfach schon verschwunden. Wenn in diesem Blog beklagt wird, die US-Amerikaner verstünden nichts von der Welt, gilt dies offensichtlich auch für die Engländer, denn nur zehn Prozent der englischen Buchproduktion sind Übersetzungen, weshalb man immer weniger sehe, was draussen vorgehe. In der Folge, weil die Zahl gebildeter Menschen abnehme, werde das Volk leichter manipulierbar. Die Engländer, so meine Freunde, würden allmählich immer unmenschlicher. Merke: Wo derart viele kluge Stimmen ähnliches sagen, ergibt sich als Schnittmenge: Wir sind am Ende der Aufklärung angekommen, vielleicht schon lange.

Die rosafarbene Brille täuscht

Freitag, den 27. Juni 2008 um 9:34

Wir Schweizer sind Weltmeister darin, uns zu täuschen oder täuschen zu lassen. Einige Beispiele:
- Die expo o2 war ein Riesenflop, der über zwei Milliarden kostete. Franz Steinegger verwischte die Spuren.
- Die EM 08 steigerte sich gegen Schluss, aber Hotels, Schiffsbetreiber und das Gewerbe beklagten sich über zu geringe oder keine Umsätze. Gewinner war die Sicherheitsbranche, die grenzüberschreitend üben durfte.
- Bei der expo 08 in Saragossa, die kürzlich begonnen hat, gehört der Schweizer Pavillon zu den schlecht besuchten. Grund: zuviel Erziehung, zu wenig Unterhaltung.
- Unser Finanzplatz Schweiz ist einer der weltbesten; wir sind aber von Platz zwei auf Platz vier abgerutscht. Spielt das eine Rolle?
- Die kombinierte Swissair-UBS-Krise, verkörpert durch Marcel Ospel, hat die Schweiz gegen 100 Mia. Franken gekostet. Damit hätten wir unser Bildungswesen sanieren oder endlich die Autobahnen bauen können, die uns heute bitter fehlen.

Es sieht so aus, als wären wir wirklich sehr reich, um uns derlei leisten zu können. Seldwyla ist nicht weit entfernt.

Köbi Kuhn als Chef?

Freitag, den 27. Juni 2008 um 9:02

HSG-Dozent Wolfgang Jenewein hat zwei Jahre gebraucht um herauszufinden, dass wir in der Wirtschaft mehr Fussballer als Führungskräfte brauchen. Kriterien die man sich zu Herzen nehmen müsse: Richtige Personenwahl, klare Verantwortlichkeiten, Offenheit für neue Ideen, sich treu bleiben usw. Also jetzt mal ehrlich liebe HSG-ler. Folge ich Eurem Tipp, müsste ich jetzt Köbi Kuhn einstellen. Dann kann ich meine Firma gleich schliessen. Ein Mann ohne Energie, kommunikationsschwach und zwischenmenschlich eine Nullnummer. Die Fussballer sollen kicken und sonst nichts. Der einzige Schweizer Kicker der es neben dem Platz zu wirtschaftlichem Erfolg gebracht hat, ist Ramon Vega. Wenn die HSG solches Wissen verbreitet wundert mich nicht, dass sie international an Ansehen verliert.

Fidel Stöhlker

Nicolas G. Hayek ist grüner Europäer

Freitag, den 27. Juni 2008 um 7:49

Als einzigem Schweizer hat die “FTI” in ihrem neuen grünen Bulletin dem Bieler Uhrenpatron Nicolas G. Hayek den Titel zugesprochen “Top Green Mogul”. Schön ist die ihm zugesprochene Bezeichnung, deren Umsetzung man allen ehrgeizigen Führungskräften wünschen möchte: “Try, try, try again”, übersetzt: Niit lugg la. Hayek hat Platz 9 erhalten; vor ihm liegen die Rausings, der Prinz von Wales und die Brenninkmeijers. Wer wirklich reich ist, dem fällt der grüne Einsatz leichter. Auch die Natur ist sehr schnell. Wie glaubwürdige Zeugen berichten, gibt es in der Arktis schon wieder braune Eisbären. Weil im hohen Norden wieder Bäume wachsen, haben die Grönländer seit 20 000 Jahren wieder Holz zum feuern.

Die Tragödie der Familie Blocher

Donnerstag, den 26. Juni 2008 um 12:48

Reich zu sein, war sicher nicht Sylvia und Christoph Blochers erstes Anliegen, als sie ihre gemeinsame Karriere starteten. Ehemann Christoph ist aber das, was man an der EM 08 als einen “goal getter” bezeichnet, er hat den für den Erfolg notwendigen Killerinstinkt. Was bei seinem unternehmerischen Werdegang perfekt klappte, ging in der politischen Karriere schief. Wie sein Staatsportrait zeigt, ist er dann nicht mehr Herr des Geschehens, wenn es um gesellschaftlich-kulturelle Veränderungen geht. Ausgewählt als Portratist wurde Kurt Landolt, weil der Blocher in seiner Farbgebung an Hodler erinnerte. Das Ergebnis dieses nicht unwichtigen Portraits ist eine eher naive Zeichnung, die einen erfolgreichen Mann über dem Zürisee zeigt. Von den Spannungen, die ihn dorthin gebracht haben, ist nichts zu sehen. Der heiss diskutierte grüne Fleck in Blochers Gesicht, wie ihn das Gemälde zeigt, ist nicht Ausdruck einer politischen Haltung oder einer plötzlichen Unpässlichkeit, sondern dient dem farblichen Kontrast, wie ihn der Maler für sein Werk braucht. Blocher wird damit zum Objekt des Künstlers. Er kann sich dieser Interpretation nicht in den Weg stellen und wird damit zum Spielball der Auffassungen. Weil er, dies nehme ich ihm ab, zeitgemäss auftreten möchte, lässt er sein Bild verschwimmen. Gleichzeitig nimmt das Unzeitgemässe in seinem Umfeld zu: Die von ihm geschaffene SVP steckt in ihrer tiefsten Krise seit ihrer Gründung, weil die Globalisierung die Fundamente dieser sich volkstümlich gebenden Partei hinwegspült. Ehefrau Silvia gibt sich, us-amerikanischen Präsidenten-Gattinnen vergleichbar, eigenen politischen Projekten hin, die in der Erziehung retten sollen, was nicht mehr zu retten ist. Silvia Blocher, die ihrem Mann den Start ermöglicht hat, kann an den zerbrochenen Traum vom gemeinsamen politischen Erfolg heute sicher noch weniger glauben als ihr sich stoisch gebender Gemahl. Es zeigt sich: Gesellschaftlich-kulturelle Veränderungen von globaler Bedeutung sind auf Dauer stärker als nationale politische Vorstellungen. Eine Christoph-Silvia-Schweiz, die kulturell dem 19. Jahrhundert zuzuordnen ist, die keine Mitarbeiter, sondern nur “Untergebene” kennt, wird falsche Bilder produzieren, wie dies Christoph Blocher soeben geschehen ist. Er hat politisch den Sprung in die Moderne nicht geschafft, seine Gefolgschaft wirkt ungeführt und ratlos. Unterdessen löst sich auf, was an der Schweiz noch national ist.

Sinkt die Inflation mit dem Ölpreis?

Donnerstag, den 26. Juni 2008 um 8:54

Zu Jahresbeginn hat man uns eine Inflationsrate versprochen, die deutlich tiefer lag als sie sich heute darstellt. Wer sich auf die Kerninflation verlässt, die uns angeboten wird, darf weder autofahren, essen oder krank werden. Schlimmer als in der Schweiz sieht es in der EU aus, aber noch weitaus angeschlagener sind China, Indonesien und Saudi-Arabien (8 %), Indien (8,75 %), Russland (14 %), Argentinien (25 %), Venezuela (30 %). Damit ein wenig mehr “netto” bleibt, hat der König von Saudi-Arabien soeben versprochen, man wolle mehr Öl produzieren, damit das Barrel wieder auf USD 100 sinkt, weist aber darauf hin, es könne auch wieder auf USD 200 steigen. Da mindestens ein Drittel des Ölhandels über die Schweiz abgewickelt wird, könnten wir unsere Trader in Zug, Luzern und Genf fragen, ob sie wirklich zu 70 % am Preisanstieg schuld sind, wie die Araber behaupten. Eine Antwort werden wir nicht erhalten, aber weiter steigende Preise sind sicher, z.B. für elektrische Energie.

Soziale Marktwirtschaft ist ein Etiketten-Schwindel

Donnerstag, den 26. Juni 2008 um 7:28

1948 in Deutschland eingeführt, feiert die “Soziale Marktwirtschaft” ihren 60. Geburtstag. Weder Ludwig Erhard, “der Dicke mit der Zigarre”, noch Prof. Dr. Müller Armack, der diesen Begriff eigentlich entwickelt hatte, wollten damit etwas Soziales erreichen, sondern sie schufen, angeleitet von US-Amerikanern, die Marktwirtschaft. Die CDU wollte diesen Tatbestand schöner darstellen und addierte das Wort “soziale”, um einen Ausgleich für die schwächeren Marktpartner mindestens anzudeuten. Das Ergebnis ist, dass heute in Deutschland 3,4 Mio. Arbeitslose ein eher jämmerliches Leben führen, wobei die Regierungen, mögen sie links oder rechts sein, kein Wort darüber verlieren, dass weitere drei Mio. Deutsche arbeitslos sind, aber unter anderen Titel geführt werden. Der berühmte deutsche Mittelstand ist in den letzten zehn Jahren von über 50 % der Bevölkerung auf nur noch 42 % abgesunken, die realen Einkommen des Mittelstands stagnieren seit zehn Jahren und sind oft auch rückläufig. Wie wenig das Volk, von Politikern und Medien verführt, das Eigentliche erkennen kann, wird klar am Beispiel Wilhelm Röpkes. Er schrieb schon 1939, die Nationalsozialisten verkörperten “Chaos statt Ordnung, Krieg und sinnlose Zerstörung.” Damals hörte man so wenig wie dies auch heute der Fall ist. Merke: Die Frösche sitzen im sich langsam erhitzenden Wasser in der Hoffnung, diese ganz reale Klimaerwärmung lasse wieder nach. Irrtum. Hier wird jemand gekocht.

Michel Platini, König ohne Volk

Mittwoch, den 25. Juni 2008 um 13:52

Michel Platini, als oberster Uefa-Chef, Herr der Spiele und über Milliarden von Franken, ist ein König ohne Volk. Dieses hat dem Europäischen Fussballverband, der die Euro, der drittgrösste Sportanlass, den die Welt kennt, ausrichtet, die Liebe entzogen. Hat man am Hauptsitz in Nyon vergessen, dass ohne Volk keine erfolgreichen Spiele abgehalten werden können? Viele Fanzonen in der Schweiz waren meist leer und nur bei Spitzenspielen einigermassen gefüllt. Noch heute früh wurden unserer PR-Agentur Platin-Karten für das Endspiel in Wien angeboten.
Die UEFA hat heute in der Schweiz ein Abzocker-Image. In der Bevölkerung herrschaft die Meinung vor, die Uefa veranstalte die Spiele vor allem für die Sponsoren. Der Verband hat mit der Verwirrung um die Abgabe von Gebühren für das Public Viewing von Spielen im eigenen Garten und dem unerbittlichen und kleinliche Kampf gegen das Ambush-Marketing alles getan, um dieses Image zu festigen und sich den Unmut weiter Bevölkerungskreise und der Medien zuzuziehen. Die kommunikativen Fehler der Uefa sind bedeutend. Gerade die Mächtigen brauchen das Volk. Michel Platini hat dies vergessen.

Philippe Welti

USA: Europäische Schriftsteller unbekannt

Mittwoch, den 25. Juni 2008 um 9:30

Einige Intellektuelle an der amerikanischen Ostküste kennen noch den einen oder anderen europäischen oder nahöstlichen Schriftsteller, Nobelpreisträger Orhan Pamuk zum Beispiel, aber sonst herrscht im US-Literaturleben in bezug auf Europa ein schwarzes Loch. Weder Hugo Loetscher noch Martin Walser beschäftigen die Menschen am Ohio, sondern nur jene US-Autoren, die den Pulitzer Price oder den National Book Award gewinnen. Die Unwissenheit vieler Amerikaner über die Zustände der Welt hat in den letzten Jahren weiter zugenommen. Die Zeitungsverleger berichten soeben über ihr schlechtestes Jahr, das sie hinter sich haben. Die früher als homogen geltenden USA haben eine Bevölkerung, die eine wirtschaftliche Segregation erlebt: Jedermann sucht, je wohlhabender desto aktiver seine eigene “peer group”, wo er seinen Lifestyle, den er sich erarbeitet hat, ausleben will. Wir Europäer gelten jenseits des Atkantik heute als “lame ducks”, die ihr Leben geniessen, aber keine Soldaten stellen wollen, weder im Irak noch ernsthaft in Afghanistan. Die Bemühungen unserer Botschaften oder von Pro Helvetia erreichen nur minimale Minderheiten, die vielleicht als Meinungsbildner zu unseren Gunsten eine Rolle spielen, aber sich häufig auch weigern, dies nach aussen kenntlich zu machen. Ergo, unsere Schweizer Literatur liegt am Potomac sogar noch hinter der albanischen zurück, die mindestens in NYC eine starke Lobby hat. Ändern liesse sich dies nur, würden wir uns weniger mit uns selbst als mit den Problemen der Welt beschäftigen. Dazu müssten wir unser goldenes Gefängnis, das wir uns gebaut haben, ab und zu verlassen.

Mit sanfter Stimme und scharfem Schwert

Mittwoch, den 25. Juni 2008 um 7:56

Es ist gut, dass im Zürcher Kantonsrat das von der SVP geplante Minarett-Verbot nicht zustande gekommen ist. Wir haben in der Schweiz keinen Kulturkrieg; die Scharfmacher von rechts kämpfen die alten Schlachten, die längst überholt sind. Wichtig ist in dieser Sache allerdings nicht die mit dem scharfen Schwert spielende politische Rechte, sondern die mit sanfter Stimme sprechende religiöse und politische Mitte. Wenn der reformierte Ruedi Reich sagt, ein Muezzin würde nicht passen, verhält er sich nicht anders als Türken und Saudis, die das gleiche von christlichen Kirchen in ihren Ländern behaupten. Wenn die Zürcher Innenstadt immer von Kirchtürmen geprägt sein wird, ist dies die Feststellung einer christlichen Leitkultur, die im Volk längst nicht mehr die gewünschte Unterstützung hat. Menschen wie Richard Reich, der ein freundlicher älterer Herr ist, gehen gegen fremde Kulturen im eigenen Land nicht auf die Barrikaden, aber sie winken mit dem Baurecht, um Schlimmeres zu verhüten. Vergessen wir nicht, dass auch die Christen in unseren Zonen Eindringlinge sind, welche die alten keltisch-alemannischen Kulturen verdrängt haben. Ich möchte diese als Leitkultur nicht zurück, sehe aber nicht ein, weshalb im multikulturellen Glatttal nicht ein Muezzin rufen sollte.

 
     
     
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