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Schweiz zu eng für guten Medienjournalismus

5. Juni 2008 um 12:43

Weil kaum jemand ernsthaft über die Schweizer Medien schreibt, wird mit Recht die Katastrophe des Schweizer Medienjournalismus beklagt. Rainer Stadler von der “NZZ” betreibt dies auf eine feine Art, etwas international, manchmal auf Hochschul-Niveau. Kurt W. Zimmermann ist schärfer in der Formulierung und trifft daher bei seinen Kollegen auf eisige Ablehnung. Karl Lüönd steht den Schweizer Verlegern als erfolgreicher Chefredaktor und Autor sehr nahe, weiss sehr viel, aber lässt davon nur zwei Drittel durchblicken. Peter Rothenbühler, in die Westschweiz verdrängtes Spitzentalent des Schweizer Journalismus, kann aus der Entfernung besser schiessen aus dem engen Zürcher Umfeld, wo der “Medienkuchen” sich rund um die Uhr trifft, liebt, gegenseitig bestaunt, lobt und hinterrücks vergiftet. Kurt-Emil Merki, für die “AZ” und den “Sonntag” schreibend, ist ein Musterfall, wie korrekter und kreativer Medienjournalismus in der Schweiz eigentlich aussehen sollte. Simon Bärtschi, der Nachrichtenchef der “Sonntagszeitung”, schreibt im vergleichbaren Stil und bietet daher zu Medienthemen stets wichtigen Hintergrund. Die nur noch halblinke “Wochenzeitung” hat die Medienkritik praktisch eingestellt; seit dem Abgang von Constantin Seibt zum “Tagi” hat die Redaktion deutlich an Gewicht verloren. Seibt hat seine muntere Schreibe beibehalten, die leichte Verdaulichkeit mit tieferen Einsichten verbindet. Von Ringier lässt sich auf diesem Gebiet auch nichts erwarten, da man dort lieber Medienpolitik als Medienkritik betreibt. Bei der SRG etc. ist Medienkritik undenkbar, weil man
a) selbst darunter leidet und
b) seiner ältlichen und schwindenden Zahl von Zuschauern und Zuhörern derlei nicht zumuten kann.
Roger Schawinski, Medienunternehmer, müssen wir auch dazu zählen, weil er als ewig Anklagender immer das Beste will, das natürlich das Seinige ist. Frank A. Meyer, im Berliner Exil glänzend lebend, meldet sich auch gelegentlich zu Wort, wirkt heute aber leicht resigniert und sucht die höheren Weihen an der Spree.
Warum ist dies so? Die Schweiz ist zu eng für einen guten Medienjournalismus. “Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd”, sagt der Weise, müsste aber hinzufügen “…und einen grossen Auslauf.” Diesen haben wir bei uns in der Schweiz nicht. Wer über Talent verfügt und fleissig ist, flüchtet ins Ausland, weil dort die Spielräume grösser sind. Ein Medienkritiker bei uns würde nicht nur seine Freunde verletzen, die Zahl seiner attraktiven Partnerinnen und Partner einschränken, sondern auch seine Karriereaussichten bedeutend einschränken. Welcher Ressortleiter oder Chefredaktor würde einen Kollegen einstellen, der ihn einmal kritisch beschrieben hat? Der seit einigen Jahren beliebte Umstieg in die PR-Branche fiele einem echten Medienkritiker auch nicht leicht, weil die meisten PR-Leute stolz darauf sind, einige Journalisten an der Hand zu haben, die ihnen Texte und Botschaften multiplizieren. Journalisten sind bekanntlich eitler als Politiker und es fehlt ihnen die öffentliche Milde der Bischöfe.
Der guten Ordnung halber möchte ich anfügen, dass Medienkritik in der Westschweiz und im Tessin völlig fehlt. Dort übt man die Kunst der Medienkabale. Wenn, wie in der Westschweiz, ein einziges Medienhaus derart mächtig ist, wird kein Journalist wagen, hierzu ein ernsthaftes Wort zu sagen. Wer sich daher über Murdoch und dessen Prinzipien der inneren Pressefreiheit erregt, sollte zuerst einmal den eigenen Stall einer genauen Visite unterziehen.

4 Kommentare zu “Schweiz zu eng für guten Medienjournalismus”

  1. Fred David

    Was Sie ueber den Schweizer Medienjournalismus schreiben, stimmt. Es gilt fuer den gesamten Schweizer Journalismus. Das schnelle Pferd hat mancher. Den Auslauf keiner. Darum waere es fuer die innere Hygiene des Landes so wichtig, dass der SPIEGEL sein Schweiz-Projekt vorantreibt (der Verlag ist eher dafuer, die Redaktion eher dagegen; letzteres kann sich noch aendern). Wirklich unabhaengiger Journalismus wird in der Schweiz immer mehr zur Mangelware. Beim Publikum zeigen sich schon Mangelerscheinungen. Warum sind die Auflagen auslaendischer Peridika in der Schweiz ueberproportional hoch? Eben!

  2. Thommen

    Letztlich ist es in jedem Land und unter jeder Wirtschaft “zu eng” für Medienschaffende. Das gilt vor allem dann, wenn Medien immer grösser werden (sollen). Also mit der Kleinheit der Schweiz hat es nicht wirklich zu tun! Aber womit hat es wirklich zu tun?, Das müsste geschrieben werden! ;)

  3. Alexander Müller

    Neben dem räumlichen Problem dürfte auch ein kulturelles Problem bestehen. Die Schweiz ist von einer Konkordanzdemokratie geprägt. Eine Krähe hackt einer anderen kein Auge aus, Kritik wird nicht gerne gesehen. Der Mächtige (Bundesräte, Behörden, Verleger) gibt die Propaganda vor und die Untertanen verbreiten sie.

    Vielleicht ist es zuviel von den Medienschaffenden der Mainstream-Medien verlangt, dass sich diese selber kritisieren. Für sowas gibt es ja auch Blogs und Blogautoren.

  4. Ronald Roggen

    Den Medienschaffenden in der Schweiz fehlt es nicht nur an Mut, gegenübe der eigenen Breanche kritisch zu schreiben. Sondern es fehlt auch die Unabhängigkeit, sich vom Main Stream der grossen Medienmeute zu lösen und vor dem Publikum eine andere, nämlich eine eigene Meinung zu vertreten. Ich versuche es mit dem Watchblog http://www.kassensturzblog.com, ein gut frequentiertes TV-Gefäss kritisch zu begleiten, weil es mich ärgert, dass diese Kanone grobfahrlässig in der Gegend herumdonnert. Die srg-eigenen Foren und Blogs sind ja nur das Feigenblatt über dieser Kritikunfähigkeit.

    Warum bringt es beispielsweise der “Kassensturz” nicht fertig, ein Produkt der Medienwelt unter die Lupe zu nehmen? Angst vor der Kollegenschelte? Schlechte Erfahrungen mit Nestbeschmutzern? Warum umkurvt er einen der wichtigsten Lebensbereiche, die für das Konsumverhalten der Schweizerinnen und Schweizer überaus wichtig sind?

    Damit ich meinen Unwillen auch gleich runterspülen kann, hier noch mein Traum: Ich lese täglich in meiner Leibgazette die Blattkritik des Chefs, oder irgend eines Menschen aus der Redaktion. O-Ton aus der Morgenbesprechung zum Beispiel der “Neuen Zürcher Zeitung”, mutig serviert im eigenen Webportal. Oder O-Ton des SF-Chefredaktors am Ende der Woche über das, was ge- und misslungen ist, was sich die Leute vom Leutschenbach stolz auf die Brust heften dürfen und was in die Hosen ging. Wäre doch ein Publikumsknüller, Leute! Warum verpasst ihr das?

    Ronald Roggen, Hamburg

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