EM 08: Das Schweizer Fussball-Wunder und die Wirklichkeit
2. June 2008 um 8:53Weil ich Fussball für eine Angelegenheit halte, wo Milliarden armer Menschen einigen Dutzend Fussball-Millionären beim Spiel zuschauen, ist mein Jubel-Pegel eher tief, dies gerade auch deshalb, weil mir alt Bundesrat und alt UNO-Botschafter Dölf Ogi wie alt SBB-Generaldirektor Benedikt Weibel einzureden suchen, ich müsse mich nur einfach freuen. Ogi hat aus seinem “Freude herrscht” deshalb ein moderneres “Seid fröhlich” gemacht, womit er die Mehrheit der Schweizer noch bei weitem nicht erreicht hat. Gibt es wirklich Grund zur Freude oder wird das Schweizer Volk wieder nur aufpeitscht, vom gleichen Ogi, wie seinerzeit bei seiner missglückten Olympiabewerbung, wo Turin das Wallis ins abseits stellte?
Im ersten Spiel hat die Schweizer Mannschaft, ist sie in Bestform, gegen Tschechien eine Chance, mehr aber auch nicht. Die Tschechen sind keine Weltklasse-Spieler mehr, haben zuletzt aber gegen die Schotten gewonnen, was keine Kleinigkeit ist, gemessen an unseren eher knappen Sieg gegen Liechtenstein. Die Türken werden ein schwerer Gegner sein, aber die Mannschaft ist derzeit unberechenbar. Wir haben also theoretisch zwei Chancen, können aber jede verspielen. Was wir im besten Fall erreichen können, ist die Position des Gruppenzweiten. Im Viertelfinale müssen wir dann gegen die Deutschen spielen, womit wir wohl am Ende unserer EM-Spielzeit angekommen sein werden.
Gewonnen haben jetzt schon die Schweizer Sicherheitskräfte, die ihre Ausrüstung erneuern und erproben durften, dies auch im internationalen Zusammenspiel mit ihren französischen und deutschen Kollegen. CIA-Direktor Michael Hayden hat ihnen insofern einen Strich durch die Rechnung gemacht, als er vor den Spielen wissen liess, dass Al Kaida eigentlich besiegt sei, weshalb wir nicht mit grösseren Ereignissen rechnen müssen. Das hindert VBS-Chef Samuel Schmid nicht, über den Spielorten auf geringerer Höhe kleine langsame Flugmaschinen in Einsatz zu bringen. Der Luftraum weiter oben wird von Kampfjets kontrolliert, die “notfalls” Luftsperrzonen durchsetzen werden, dies zum Kummer unserer Flughäfen. Der Eidg. Luft-Boden-Radar wird jederzeit alle Höhen ausleuchten. Man sieht, die EM 08 sind gleichzeitig militärische Kampfspiele, die es rechtfertigen, dass der Bund dafür Sfr. 180 Mio. an Steuergeldern investiert.
Gewinner will auch die von Marcel Ospel und dessen VR in die Pleite gerissene UBS sein, die Fr. 30 Mio in ihre “UBS-Arenen” investiert hat. Parallel zur EM 08 läuft in den USA ein Prozess gegen hochrangige UBS-Mitarbeiter, der dazu führen kann, dass ihr ganzes Privatkunden-Geschäftsmodell in den USA wenn nicht zusammenbricht, so doch schwer beschädigt wird. Da ist es kein Trost, dass gerade ein Credit Suisse-Mitarbeiter in den USA vor Gericht zu einer Strafe von USD 7,5 Mio. verurteilt wurde, weil er im Auftrag seiner Bank lusche Geschäfte machte. Pierre Mirabaud, Präsident der Schweiz. Bankiervereinigung, sieht deshalb das Image des Finanzplatzes nicht gefährdet. Kein Wunder, zahlen die beiden Grossbanken doch den grösseren Teil des Bankiervereinigungs-Budgets.
Bewährt haben sich auch Raymond Fein und Dan Wiener, die im staatlichen Auftrag Kellner, Taxifahrer und Polizisten darin ausgebildet haben, ausländischen Besuchern mit guten Manieren entgegenzutreten. Die beiden “Chef Coaches” in Anstand, von Beruf Jurist, Pianist und TV-Moderator, Schauspieler und Kulturvermittler, mussten bei uns Schweizern nachholen, was man bei Österreichern als selbstverständlich voraussetzt: höfliches Benehmen gegenüber Fremden. Eigentlich eine sehr, sehr merkwürdige Übung, die man nur aus Sorge vor falschen Unterstellungen nicht genauer kommentieren möchte. Fussballerisch ziehen unsere Politiker ohnehin mit eingezogenem Kopf durch die Gegend, hat doch im Vorfeld der EM der FC Nationalrat gegen den FC Religionen 6:1 verloren, wobei strahlend vermeldet wird “Zwei Drittel des Kantersiegs errang das jüdische Drittel des FC Religionen”. Auf der gleichen Seite des von mir geliebten “tachles” wird gemeldet, “Ahmed” Huber sei 81jhrig in Muri bei Bern gestorben, der bekanntlich ein bekennender Moslem war und den radikalen Islamisten nahe stand. Eine Sorge weniger, es wollten eigentlich ruhige Spiele werden, wenn unsere eigenen Hooligans sich zurückhalten.

