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Ist Nationalstolz noch zeitgemäss?

9. Mai 2008 um 7:35

Jetzt, wo wir gleichzeitig in Bern die Niederlage Karls des Kühnen feiern und im Aargau den Aufstieg der Habsburger aus dem winzigen Brugg in die Weltmetropole Wien, wo die schweizerische SVP die österreichische Haider-Partei, die Freiheitlichen, trainiert, darf die Frage erneut gestellt werden: Ist Nationalstolz noch zeitgemäss? Dabei ist zu berücksichtigen:
- Die Mehrzahl unserer Gesetze ist über den EU-Leisten geschlagen.
- Beim Import wie beim Export sind wir fast vollständig von den EU-Staaten abhängig.
- Ohne die jungen EU-Bürger hätte die Schweiz den jüngsten Wirtschaftsaufschwung nicht erzielt.
- Die Schweizer Universitäten definieren sich, was Lehrkörper und Programme betrifft, mehr global als national.
- Genf, Basel und Lugano sind heute Schweizer Städte, die sich im wirtschaftlichen wie im gesellschaftlichen Leben mehr französisch, deutsch und italienisch definieren lassen als schweizerisch.
- Nestlé, SGS, UBS und CS, die Mehrzahl der grossen Schweizer Weltkonzerne, haben zwar einen Sitz in der Schweiz, oft auch VR-Präsidenten oder CEO’s als nationale Aushängeschilder, betrachten aber die Schweiz meist nur noch als vielfältig vorteilhaften Standort, der global Legitimation verleiht.
- Hunderte ausländischer Konzerne haben einen grösseren oder kleineren Sitz in der Schweiz (Cargill, Swarowski, Kühne + Nagel International, Google, Glencore, Philip Morris) und machen die Schweiz reicher. Sie vertreten aber nicht die Prinzipien der Urschweiz, sondern die der Schweiz von morgen.

Schweizerisch sind Teile des (meist einfacheren) Volkes geblieben, dem man nun die eigene Armee nimmt, indem man die alte zu einer Einsatztruppe der NATO macht, dem man viele der schönsten Grundstücke nimmt, weil sie im Wettbewerb des globalen Marktes nicht mithalten können, denen man berufliche Aufstiegschancen nimmt, weil die “eigenen” Unternehmer lieber welterfahrene Ausländer anstellen.
Schweizerisch ist vor allem die Schweizer Vergangenheit, wo man aus der Autonomie der Bauern (keine Leibeigene) die Autonomie des Gewerbes machte und, als einstiges “offshore country” Europas, einer sich entfaltenden Weltwirtschaft grosse Freiheiten gewährte.
Schweizerisch sind auch die Heldentaten aus sieben Jahrhunderten, der frühe Aufbau eigener Freiheiten, sei es gegen die Habsburger oder die eigenen Herren, die Heldentaten gegen Karl den Kühnen und der Austritt aus dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation.
Schweizerisch ist auch die Assimilierungskraft, die Übernahme napoléonischer Codici, die aus Frankreich und Deutschland stammenden liberalen Philosophien und Rechte, die Übernahme internationalen Wissens durch kluge Import-Schweizer.
Mit dem Erstarken der Europäischen Union hat die offizielle Schweiz nie gerechnet, vielmehr mit deren frühem Zusammenbruch aufgrund innerer Auseinandersetzungen. Dies bringt unser Land in einen Konflikt, ist es doch zu 90 % bereits in die EU geistig wie materiell eingebunden und muss dennoch seine Eigenständigkeit behaupten.
Merke: Nationalismus ist eine Währung von abnehmendem Wert. Wer in die Zukunft blickt, lebt in der Globalisierung. Wer diesen Blick verweigert, wird ein Opfer seiner Vergangenheit.

5 Kommentare zu “Ist Nationalstolz noch zeitgemäss?”

  1. rené w.

    Sie hatten niemals so recht wie mit diesem Blog ! Nur, sollten Sie genau diesen Text in allen CH Tageszeitungen als Leitartikel publizieren – und hinzufügen, dass diejenigen Politiker, die dem Schweizer Volk diese Wahrheiten vorenthalten – unredliche Populisten sind !
    In diesem Sinne, frohes Pfingsfest !

  2. Gunther Kropp

    Die Schweiz musste sich in den letzten 700 Jahren immer wieder neu erfinden. 1945 bis 1989 wurde die Schweiz durch den Kalten Krieg geformt. Im 21. Jahrhundert ist die EU der Machtblock, der die Schweiz prägt. Die EU ist mit der Nato sehr eng verbunden. Und das miitärische Bündnis wird von den Amerikaner geführt. In Asien werden neue Machtblöcke entstehen. Da werden die EU und die Nato zu zwergen. Die Amerikaner werden sich entscheiden müssen zwischen Europa oder Asien. Die stärkste Währung der Schweiz wird der Nationalismus sein. Europa muss das Schweizer Modell übernehmen um zu überleben. So wie sich die Schweiz ständig verändert muss sich der Nationalismus immer wieder der geopolitschen Lage anpassen. Dann kann man auch locker in Zukunft und in die Vergangenheit blicken.
    Gunther Kropp, Basel

  3. Fred David

    In unserer Medienlandschaft spiegelt Ihr Text – man kann jedes einzelne Wort unterschreiben – eine Aussenseiterposition. Das ist doch eine absurde Situation in einem Land, das sich für besonders fortschrittlich hält – auf bizarre Art wirklichkeitsfremd. Die Schweiz AG und dIe Schweizerische Eidgenossenschaft sind schon lange nicht mehr deckungsgleich. Unsere Wirtschaftselite hat sich aus dieser mühseligen Debatte schon lange verabschiedet. Man kann es ihr nicht verdenken. In kleiner Runde wird offen gesagt: “Dann sollen sie doch da bleiben, wo sie sind.”

    Zur Illustration ein kleines Beispiel: Etwa 1996 war ich Zuhörer eines Vortrags eines Zürcher Top-Bankiers namens Rinderknecht in Köln. Er sprach vor mehreren hundert ausgewählten Wirtschaftsleuten und Politikern. Er sagte wörtlich (und es gibt viele Zeugen dafür) : “Der Euro wird nicht kommen, meine Damen und Herren, weil er nicht funktionieren kann.” Räuspern im Saal, Kopfschütteln. Von welchem Planeten kam der Mann?

    Rinderknecht fuhr unbeirrt und mit schlecht kaschierter Arroganz fort: Wie diese (sinngemäss) leicht dämlichen Europäer glauben könnten, man könne eine funktionierende Gemeinschaftswährung von oben her einführen, ohne dass es eine Wirtschafts- und Finanzpolitik der beteiligten Staaten aus einem Guss gebe.

    Die Geschichte ging, wie wir wissen, anders aus, und heute, acht Jahre nach Einführung des Unmöglichen, hat der Franken zunehmend Mühe, mit dem Euro Schritt zu halten und passt sich dessen Bewegungen mit Verzögerung fast parallel an.

    Die Banken hatten keinerlei Probleme, sich auf den eben dann doch sehr gut funktionierenden Euro einzustellen. Aber ein ganzes Land wie die Schweiz braucht Jahre, um solche Fehleinschätzungen mental zu korrigieren.

    Darum ist es ja so ärgerlich, dass Dr.Christophorus B. und die Seinen uns sinnlos jene Zeit kosten, die wir alle nicht haben. Wann kommen endlich die vielen Schweiger aus ihren Löchern, denen dies alles schon längst nicht mehr behagt? Wann werden sie endlich auch laut?

    Das Dilemma, in dem wir heute stecken – und wir stecken, entgegen aller Beschönigungen wirklich in einem ernsten Dilemma – ist auch ein Versagen unserer Elite.

  4. Fred David

    @) Gunther Kropp: Auf diesen Satz habe ich gewartet: Das dumme Europa soll endlich der gscheiten Schweiz beitreten und den Mund halten. Selbstgerechter und wiklichkeitsfremder gehts kaum noch.

  5. rené w.

    Zum Statement von Hern Kropp: Im ‘Magazin’ der Baz vom 10.11.07 hat der CH Journalist Rico Czerwinski mit genau diesen Unterstellungen Frau Ferrero-Waldner attackiert, die EU solle von der Schweiz lernen und sich ‘nach dem Vorbild der Schweiz reformieren…’ usw – ein derart anmassendes Interview mit einer der profiliertesten Politikerinen Europas, schwierig zu verkraften ! Und der Beweis dafür, dass die Schweizer die Realitäten in Europa schlicht und einfach verdrängen und auch viele der CH Journalisten den Weg desSchulterklopfer-Opportunismus gewählt haben ! Applaus von der rechten Seite ist ihnen allemal sicher.
    Die begeisterten Leserbriefe …..endlich hat’s diesen ‘Europäern’ mal einer richtig gegeben……. blieben nicht aus !

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