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Monatsarchiv für März 2008

Geisterhaus Europa

Freitag, den 28. März 2008 um 8:49

Als ich, im Mailänder Dom stehend, diesem Alternativgebäude zum Vatikan, meine Augen nach vorn richtete, sah ich von rechts eine Prozession Fellini’scher Gestalten auf den Hauptaltar zustreben: Bischofsstab, Bischofsmütze, hagere, nach vorn gebückte, dann wieder rundliche Figuren. Die Nachfahren des Heiligen Ambrosius, im schattigen Gemäuer unterwegs, glichen einem Gespensterzug aus Europas Vergangenheit. Zwar etwas modischer, aber nicht minder gespenstisch, war der Einzug Nicolas Sarkozys und Carla Brunis im englischen Königshaus. Prinz Philipp und die Königin, beide haben schon die Nazis, den Pfundsturz und den Zusammenbruch des British Empires überlebt, starren auf die Bruni wie auf einen seltenen Fisch. Diese, wegen ihrer Körpergrösse flach beschuht, läuft Reklame für die französische Mode, der Rock vorn mit gewagtem Schlitz, damit der Hofknicks nicht vermasselt wird. Sarko, sie vorführend, blickt stolz wie ein argentinischer Rennstallbesitzer auf sein neues Ross. “Herzogin” Camilla, das ist die Frau mit den reizvollen Zehen, tritt dagegen mit englischer Mode an, die neben der französischen Klassik das englische Mittelalter repräsentiert. Den besten Hut trägt wieder die Königin. Prinz Philipp blickt besorgt, vielleicht ist es auch nur ein Anschein vorzeitigen Alters. Einzig Carla hat ihr Ziel, die Königin, fest im Blick, noch drei Schritte bis zum Knicks. Ist es das, worauf wir stolz sein sollten? Es lässt sich höchstens sagen, dass die internationalen Steuerzahler auch dieses finanzieren; in London klatschten sogar die Menschen auf der Strasse, als das französische Paar vorbeifuhr. Wahrscheinlich bekamen sie dafür anschliessend einen Pint. Immerhin, das gilt auch für St. Ambrosius in Milano, handelt es sich in beiden Besetzungen um europäische Elite.

Eigentümliche Wahlen in Italien

Donnerstag, den 27. März 2008 um 15:44

Sogar die dort mächtige katholische Kirche und der Arbeitgeberverband regen sich auf: In Italien werden keine Kandidaten gewählt, sondern man kann dort am 13. und 14. April zu den Parlamentswahlen nur vollständige Listen einlegen. Berlusconi oder Veltroni? Vom ersten weiss man, dass er mindestens der reichste Schauspieler seines Landes ist, der zweite wirkt wie eine urbane Ausgabe von Toni Brunner, immer gut aufgestellt, aber sonst? Wetten, die Komödie geht weiter.
Denke ich an Frankreich in der Nacht, fällt mir Charles de Gaulle ein, dessen Frau sich nur einmal fotografieren liess, als sie im englischen Exil Marmelade einmachte. Ganz anders Mme. Sarkozy, deren Nacktfotos jedermann sehen und sogar ersteigern kann. Wenn de Gaulle, dessen Bücher heute noch lesenswert sind, Frankreich Statur gab, was gibt ihr “Sarko”? Ich schätze, etwas mehr als gut gerührter Schaum wird es nicht sein, Carla Bruni sitzt dann strahlend obenauf. Mutter Merkel schätzt diesen Umgang gar nicht, sie kommt aus einer anderen Welt.

Der SBB-VR, eine Wundertüte

Donnerstag, den 27. März 2008 um 14:34

Über den UBS-VR wurde in den letzten Monaten schon zu genüge gelästert: viele Freunde, wenig Sachverstand. Nach dem Swissair-VR, der unsere “fliegende Bank” in den Sand setzte, bot bisher die UBS das schlechteste Bild von allen, was aber die hohen Herren wenig schert. Beim Betrachten des SBB-VR’s jedoch klappern mir die Zähne. Wen entdecke ich dort? Thierry Lalive d’Epinay als Präsident, von Bundesrat Moritz Leuenberger zum Rücktritt gezwungen. Unter seinen fachkundigen Kollegen entdecke ich einen fast vergessenen Mann, Paul Reutlinger, der einmal, wahrscheinlich irrtümlicherweise, zu Philippe Bruggissers Kreuzrittern in Belgien gezählt wurde. Welche Freundschaft ihn wohl in diesen Rat nach Bern brachte? Schliesslich Christiane Brunner, das war die SP-Frau mit der goldenen Sonne am Revers, die man auch nicht vor die Hunde gehen lassen wollte und ihren Einsatz für die Frauenbefreiung hoch belohnte. Man sieht immer wieder: Wo Politiker Personalentscheide treffen, geht es meistens schief. Dieser SBB-VR soll nun wegen der Bellinzona-Cargo-Krise gefordert sein? Ich kann mir die Diskussionen vorstellen, Hilflosigkeit allerorten.

Zynische US-Elite

Donnerstag, den 27. März 2008 um 14:13

Im renommierten Wall Street Journal kommt ein Holman W. Jenkins Jr. prominent zu Wort, der uns belehrt: “The U.S is a nation that actually wants to debate wether waterboarding should be legal – let’s face it, most of it’s allies would just ban it and than waterboard anyway and think nothing of the hypocrisy.” Ich hoffe nicht, dass die westeuropäischen NATO-Verbündeten diese Auffassung teilen. Was haben die Amerikaner nur sonst für Freunde?

Die Kuchen-Frage ist wieder auf dem Tisch

Donnerstag, den 27. März 2008 um 11:18

Jetzt, wo auf den Philippinen, in Indien, China und auch bei uns die Nahrungsmittelpreise wieder enorm steigen und ein Trendwechsel nicht erkennbar ist, wird die Frage Königin Marie-Antoinettes aus der vorrevolutionären Zeit in Paris wieder aktuell: “Die Menschen haben kein Brot (darf auch mit “Reis” übersetzt werden)? Warum essen sie keinen Kuchen?” In Indien und auf den Philippinen greifen die Regierungen bereits zu Notmassnahmen und gehen gegen die preistreibenden Händler vor. Wie uns Peter Brabeck glaubhaft versichert, ist auch der Biofuel nur ein Instrument zur Verminderung von Nahrungsmittel-Lieferungen und zur Steigerung der Wasserpreise. Ja, warum essen die Menschen keinen Kuchen? Marie-Antoinette erhielt die Antwort postwendend; sie musste, dem Volkswillen folgend, aufs Schafott.

Köbis Buben auf dem Weg zur EURO’08-Schlachtbank

Donnerstag, den 27. März 2008 um 10:27

Köbi Kuhn ist ein alter Mann. Diesen Eindruck erweckte er gestern während und nach dem Spiel. Der Übungsleiter der Schweizer Fussballnationalmannschaft erweckte nicht den Eindruck, als ob er seiner Mannschaft Impulse vermitteln könnte. Er wirkte lieb und nett – wie immer – und streute sich Asche aufs Haupt: Die Leistung der von ihm zusammengestelltren Mannschaft sie katastrophal gewesen; das stimmt. Ein kommunikativer Faux-pas ist allerdings, dass er kein Wort darüber verlor, ob und welche Massnahmen er nun zu ergreifen denkt. Das macht wenig Hoffnung auf eine erfolgreiche Europameisterschaft. Köbis Zeit ist bald abgelaufen. Das macht Hoffnung. Mehr dazu hier.

Philippe Welti

Lag Rudyard Kipling falsch?

Donnerstag, den 27. März 2008 um 8:49

Asien war für ihn “the white man’s burden” und “East and West will never meet” schrieb er in einem seiner famosen Empire-Gedichte aus dem früheren Indien, dem heutigen Pakistan. Jetzt haben die “boys” den Engländern zwei Perlen ihrer industriellen Krone abgekauft: Jaguar und Land Rover. Genauer, es waren die Manager einer ehemaligen englischen Kolonie, der us-amerikanischen Ford Company, denen diese beiden Autohersteller des niedergehenden England’s längst gehörten, die den Deal mit Tata abgeschlossen haben. Soll ich meinen “indischen” Range Rover jetzt weiter fahren? Er hat noch einen BMW-Motor aus Deutschland, der dort während nur sechs Monaten eingebaut wurde, auch das eine Episode der europäischen Autogeschichte. Während England einst die Welt beherrschte, es ist nur hundert Jahre her, beherrscht heute die Welt weite Teile der Londoner City und auch der Schweiz, man gehe nur nach Genf, Verbier und an die Zürcher Bahnhofstrasse, wo bei UBS und CS längst die Ägypter, Saudis und die Herrscherfamilie von Singapur das Sagen haben. Demnächst wird auch Altdorf in ägyptischer Hand sein, aber war es nicht bereits die ägyptische Legion, die sich in Martigny zusammenschlagen liess, Jesus Christus zu Ehren? Wie wir heute wissen, waren es koptische Christen aus Ägypten, ganz wie die Familie Sawiris. Ich bin gespannt, wie man diese spannende Entwicklung in tausend Jahren beurteilen wird, nein, fünfzig genügen auch.

Verräter werden zum neuen Modetrend

Mittwoch, den 26. März 2008 um 15:22

Das Fürstentum Liechtenstein ist einem “whistleblower” zum Opfer gefallen, auf den nun alle Schande dieses erzkatholischen Landes herabgefleht wird. Wo solche Verräter die Tore zur eigenen wohl befestigten Stadt öffneten, war schon immer die Hölle los, mag es auch nur aus Dummheit gewesen sein, wie im Falle Trojas. Wenn jedoch ein solcher “Pfeifenbläser” in Sachen Schweizerische Flüchtlingshilfe der “Weltwoche” Dokumente zukommen lässt, dann regt sich kein Chor des Schreckens, denn schon die Zürcher Stadträtin Monika Stocker, der vorläufig keine Träne nachzuweinen ist, fiel über zwei gut dokumentierende Mitarbeiterinnen. Wie sich jetzt herausstellt, war schon der Jesus-Verräter Judas ein äusserst wertvoller Mensch, wäre ohne ihn doch weder die Kreuzigung noch die spätere Auferstehung aus dem Grabe möglich gewesen. Sind Verräter demzufolge ein Korrektiv zu Besserem?

Swarowski entlässt – früher undenkbar

Mittwoch, den 26. März 2008 um 14:53

Das Tiroler Glitzer-Weltreich der drei Swarowski-Stämme entlässt erstmals, “wegen einer milden Rezession in den USA”, rund hundert Mitarbeiter. Das ist eine merkwürdige Koinzidenz. Was der junge Konzernchef Markus Langes-Swarowski jetzt tut, steht im diametralen Gegensatz zur bisherigen Verhaltensweise seiner Familie, wo Entlassungen bisher undenkbar waren. Ja, der Aufstieg des Glasherstellers zur international bewunderten Spitzenmarke mit Figürchen und Schmuck aller Art, die bei Amerikanerinnen und Japanerinnen jene spitzen Schreie der Bewunderung auslösen, die man bei uns in Europa mit “höchstem Entzücken” bezeichnet, begann mit einer Krise. Ein Swarowski-Arbeiter, um sich und seine Kollegen zu beschäftigen, bastelte die Swarowski-Urmaus, die dann Generationen von geschliffenen Glasfiguren zur Folge hatte. Die beiden Grossväter von Markus machten aus der Krise eine Chance, die Enkel entlassen. Dieser kleine Unterschied kann durchaus relevant sein für die Zukunft einer Volkswirtschaft.

Die Tragik des Schweizers Otto Beisheim

Mittwoch, den 26. März 2008 um 14:39

Zuerst verstand ich nicht, warum Otto Beisheim so unheimlich rasch Schweizer werden wollte. Der Metro-Milliardär, von der Figur her ein nordischer Riese, war es offensichtlich nicht gewohnt, dass man ihn warten liesse. Später erfuhr ich, dass er als junger Mann in der SS gewesen war. Jetzt, gegen Ende seines Lebens, nehmen ihm seine ehemaligen Freunde die Firma ab, die er einst gründete, will niemand seine Sponsoring-Millionen, weil mit Nebengeschmack. Zuletzt baute er sich in Berlin ein gut zwanzigstöckiges Denkmal, sein eigenes Hotel. Es kostete 450 Mio. Euro, also noch ein wenig mehr als der Umbau des Dolder Grand. In der Eingangshalle gerieten die Säulen derart pompös, dass für die Menschen kaum noch Platz mehr war. Bei meinem ersten Besuch war das Wasser in den Zimmern ausgefallen. So schrecklich können Milliardäre enden.

 
     
     
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