Literatur: “Tagi” will nicht diskutieren.
17. October 2007 um 8:56Am 16. Oktober 2007 hat sich Lukas Bärfuss im “Tages-Anzeiger” in einem Kommentar erstaunt gezeigt, dass die Schweizer Literaten ins Schweigen verfallen seien angesichts der Zustände von unserem Land und in der Welt. Daraufhin haben wir Inlandchef Iwan Städler den folgenden Kommentar zugestellt, der auch einige Leser dieses Blogs interessieren dürfte.
Schweizer Literaten in der Sackgasse
Klaus J. Stöhlker*
Wenn Lukas Bärfuss im “Tages-Anzeiger” vom 16.Oktober 2007 die Frage stellt “Warum schweigen die Schweizer Schriftsteller?” und die Antwort gleich gibt mit der jetzt eingetretenen Mystifikation des Einzelgängers, der angesichts der Auflösung des “Projekts Schweiz” die Suche nach Freiheit und Schönheit nicht aufgeben dürfe, verlangt dies eine Ergänzung. Die Schweizer Literatur, 36 Jahre nach Paul Nizons “Diskurs aus der Enge”, ist in eine Sackgasse geraten. Einerseits hat sich der literarische Horizont aufgrund der Globalisierung nach oben bewegt, das wirklich Wichtige spielt sich in einem Weltdorf ab, dessen Edelfedern sich in London, Paris und NYC bewegen. Wer immer, sei es aus Asien, Afrika und der Dritten Welt, wie aus Osteuropa, als Schriftsteller etwas gelten möchte, muss im Bannkreis dieser Oberzentren auftreten. Den USA ist es gelungen, literarisch autonom und dem Anspruch der kritischen Distanz zu Wirtschaft, Politik und Gesellschaft weiterhin gerecht zu bleiben. Anderseits ist es den Schweizer Literaten, ihren Organisationen und Gesellschaften, wie auch den Schweizer Medien nicht gelungen, die aus dem Ausland in das eigene Land vermittelten Impulse aufzunehmen und zu verarbeiten.
Während uns aus Nordafrika und Spanien, aber auch aus Frankreich und der Türkei, spannende Werke erreichen, ist unsere literarische Elite in die Isolation geraten. Peter von Matt, dessen Werke ich nicht missen möchte, ist mehr Analytiker und geistreicher Eckermann der Weltliteratur; Thomas Hürlimann gefällt sich als Thomas Mann der Voralpen, bringt nicht Aufbruch, sondern Wiederholung. Das Gewicht der eigenen Geschichte lastet zu schwer auf ihm. Die vormalige liberale Linke, denn kommunistisch gesteuert konnte man sie wohl nie nennen, wartet auf das neue Werk von Hugo Loetscher, der das Label eines Günter Grass der Eidgenossenschaft eigentlich verdient hätte, seit langem aber die Kanten unter dem Einfluss eigener Beflissenheit verloren hat. Peter Bichsel ist ein langsamer Schreiber, dessen Traktate den heutigen Massstäben seit langem nicht zu genügen vermögen; der Zeitgeist hat ihn in die Isolation getrieben. Jean Ziegler, einer der wenigen Engagierten, hat auch den vierzigsten Todestag seines Mentors Che Guevara literarisch verschlafen. Er unterlag dem Beförderungs-Trauma, das ihn auf die UNO-Weltbühne katapultierte. Was er seither schreibt, prallt, mehr noch als früher, gegen eine globale Mauer der Ablehnung und des Desinteresses.
Das Flaggschiff der Schweizer Literatur, das “NZZ-Feuilleton”, ist im deutschsprachigen Europa wegen seiner weitgehenden Beschränkung auf die Hochkultur ein funkelnder Edelstein. Weil man sich dort jedoch konsequent der Zuwendung zu Problemen der Gegenwart verweigert, wie dies bei der “Zeit”, der “FAZ” und der “SZ” der Fall ist, und es vor allem auch meidet, Kultur und Gesellschaft der Schweiz kritisch zu hinterfragen, funkelt das NZZ-Feuilleton eher wie ein falscher Rubin aus Böhmen, dessen Glanz erfreut, dem aber die aktuelle Tiefe fehlt.
Das Schweizer Volk bleibt unterdessen literarisch in der Burleske stecken. Wie der Walzer für die höheren Kreise und der “Schottisch” für das Volk sich eignen, müssen Milena Moser, Martin Suter und Gion Cavelty die einfachen Bedürfnisse einer Komplexitäten scheuenden Leserschaft zufrieden stellen. Erfolg ist in diesen Fällen kein Massstab für Qualität, schon gar nicht jenseits des deutschsprachigen Europas. Wie abgeflachte Alpengipfel, die letztlich in sanften jurassischen Höhen enden, die ein unbestimmtes Wohlbefinden auslösen, schreiben Alex Capus, Evelyn Hasler, Gerold Späth und Tim Krohn über Landschaften und Menschen, die wir schon zu kennen glauben. Joseph Conrad und Ernest Hemingway stehen Pate. Es leuchten deshalb nicht mehr exquisite literarische Sonnen in unserem Land, sondern wir bewundern den Abglanz des Mondes. Den melancholischen Franz Hohler nehmen wir auch in diesen Kreis auf; er geniesst die Altersmilde ohnehin. Wohin dies führt, zeigt das Beispiel von Iso Camartin auf, dessen sanfte und kenntnisreiche Darstellungen heute hinter dem Horizont des Bewusstseins verschwunden sind.
Von den Romantschen kam schon lange nichts Lesbares mehr und im Tessin ist die Literatur bereits abgestorben. Wo einst Hermann Hesse schrieb, wird heute nur noch Stephen King gelesen. In der Westschweiz lebt der über 90jährige Maurice Chappaz noch, ein echter Schweizer Grossschriftsteller, den man in der Deutschen Schweiz nur punktuell zur Kenntnis genommen hat. Ihn überragt mit Sicherheit der Oberwalliser Schriftsteller Pierre Imhasly, dessen Werke von einer Komplexität sind, die an Arno Schmidt erinnert.
Die von Lukas Bärfuss beklagte Isolation der Schweizer Schriftsteller. Ihr kaum noch vorhandenes Engagement für eine fortschrittliche Schweizer oder Weltgesellschaft kann auch auf die Tatsache zurückgeführt werden, dass ihr das eigene anspruchsvolle Lesepublikum im eigenen Land abhanden kommt, es immer älter wird und zahlenmässig abnimmt. Die Hochschulen richten ihren Lesestoff an globalen Orientierungen aus, Schweizer Literatur wird kaum noch gelehrt. Das Volk der Bauern und Händler hat sich in eines der Bau- und Immobilienfachleute verwandelt, das Anwälte und Treuhänder braucht, Bankiers und Hoteliers, aber denkende Intellektuelle? Unsere Sekundarlehrer-Literatur, der wir heute ausgeliefert sind, bringt Lehrer und Belehrer hervor, gibt sich zufrieden mit Polo Hofers und Patrick Freys, lässt sich von der SRG-Kultur (”Singen Sie noch?”) in der Idylle eines Landes festhalten, welches das stabilste demokratische System geschaffen hat, das die Welt kennt. Wer als Nichtschweizer in dieses Biotop eindringt, wird in den Krimi gedrängt (Petra Ivanov) oder aus dem Bewusstsein gestrichen (Alex Sadkowsky), dies nach dem Motto “Wenn schon Ausländer, dann echte aus den Weltzentralen der Literatur.”
An der Uni Zürich lehrt Ursula P. Jauch, auch sie analytische Kommentatorin der literarischen Welt. Sie meint, unser Schweizer Sein habe sich längst in Zahlen verwandelt. Damit dies nicht als Landesverrat interpretiert wird, beruft sie sich auf die frühen Griechen, wo dieser Prozess eingesetzt habe. Vielleicht ist der letzte Poet von nationalem wie globalem Niveau Walter Kielholz, der Präsident des Verwaltungsrats der Credit Suisse-Group, der sagt “Eine Null-Risiko-Gesellschaft ist eine Illusion.” Ihm, dem man kulturelles Engagement nachweisen kann, schliesst sich auch der St. Galler Bankier Dr. Konrad Hummler (Wegelin & Co.) an, der die Zukunft der Schweiz in einem City State sieht, wie Singapur, die Londoner City und Hongkong es vorleben.
Themen gibt es für Schweizer Schriftsteller zu genüge. In meiner Bibliothek macht Schweizer Literatur etwa ein Prozent des Bestandes aus. Ich würde dies gerne in den kommenden zwanzig Jahren auf zwei Prozent ausbauen.
*Klaus J. Stöhlker, Unternehmensberater für Öffentlichkeitsarbeit in Zollikon/ZH, ist Mitglied des Verbandes Schweizerischer Autorinnen und Autoren.


am 17. October 2007 um 10:06 Uhr.
Dass Unternehmensberater den Niedergang der Schweizer Literatur beklagen ist ja doch erstaunlich. Und dann auch noch im Internet. Fand ich sehr lesenswert. Und dass ein mir bisher unbekannter Schriftsteller (sorry!) wie Lukas Bärfuss allein schon mit der Frage:”Warum schweigen die Schweizer Schriftsteller?” auf und aus dem Rahmen fällt, ist auch irgendwie bezeichnend. Ein Land, das keine Literatur mehr hervorbringt ,die bewegt, hat wirklich ein ernstes Problem. Die zitierte Zürcher Literaturprofessorin Ursula Jauch hat recht:”Unser Schweizer Sein hat sich in Zahlen verwandelt.” Wir reden über nichts anderes mehr als über Zahlen. Das genügt für die Schweiz AG, aber nicht für die Schweiz als Land.
Wir haben keinerlei Vorstellung mehr, wohin wir mit diesem Land wollen. Es treibt nur noch dahin. Vonwegen: Willensnation! Die Analogie zum NZZ-Feuilleton trifft leider: In Schönheit dahingehen. Dabei könnten gerade von dort Impulse ausgehen, die man wahrnimmt und die mit unserer Lebenswirklichkeit zu tun haben. Diese lässt sich nicht allein auf Zahlen reduzieren.
Aber leider bin ich überzeugt: Der kurze Anflug von Nachdenklichkeit, der da und dort spürbar ist, wird nach den Wahlen wieder wie weggewischt sein. Business as usual. Im Verdrängen von Realitäten sind wir Schweizer Weltmeister. Das haben wir schon so oft bewiesen.
Wetten, unsere Medien verschlafe auch diese Chance, einen tiefergehenden Diskurs in Gang zu bringen und diesen auch weiter zu treiben?
am 14. January 2008 um 15:26 Uhr.
ich will Ihren Blog nicht mit “Werbung” füllen, habe aber Ihren Beitrag mit Interesse gelesen und denke, dieser Anlass könnte Sie auch interessieren. Im März 08 (voraussichtlich am 17.3. in Zürich) wird es eine Podiumsdiskussion zu diesem Thema geben. Die Frage dreht sich um die Rolle der Intellektuellen in der Gesellschaft und das verstummen im öffentlichen Diskurs, und soll die angestimmte Diskussion von Lukas Bärfuss nochmals aufgreifen. Zudem wird ein Film über das Wirken Max Frisch’ erscheinen, der sich im weiteren Sinne ebenfalls mit dem Thema beschäftigt.
am 21. July 2008 um 12:09 Uhr.
alles schön und gut, aber was zur Hölle spricht eigentlich gegen Stephen King, der abschätzig erwähnt wird? Die hohen Auflagen, die er erzielt? Die ändern nichts daran, dass er der grösste lebende Erzähler ist.