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Monatsarchiv für August 2007

Warum die Lektüre der “NZZ” manchmal wirklich Spass macht.

Mittwoch, den 29. August 2007 um 14:54

Die Ausgabe Nr. 197 der “NZZ” vom 27. August war die Lektüre wirklich wert. Einige Beispiele gefällig?

- Schon auf der Titelseite ist die Nachricht zu finden, dass ohne Preisbindung nur die Bücher-Bestseller billiger geworden sind. Genau dies wurde während Jahren vorausgesagt, aber vor zehn Jahren wollte die “NZZ”-Redaktion von einer solchen Entwicklung überhaupt nichts wissen. Die Buchhändler, ohnehin ein mehr naives Völkchen, wurden von Pascal Couchepin am Seil herabgelassen. Unser Bildungsminister hat sich in dieser Sache gegen die Bildung entschieden, denn gute Bücher sind jetzt teurer geworden.
- Ein auf der gleichen Seite zu findender Angriff gegen Calmy-Rey (“Unzufriedene Diplomaten”) wird dann auch von anderen Redaktionen aufgenommen. Die “NZZ” steht den Diplomaten näher als der Bundesrätin, das ist keine Überraschung, lohnt aber die Lektüre.

Zwei originelle Artikel in einer Ausgabe, das liegt über dem Schweizer Durchschnitt. Jedoch darf nicht verschwiegen werden, dass es dem Chef der “NZZ”-Auslandredaktion in letzter Minute noch gelungen ist, Karl Rove zu rehabilitieren, “dessen Erfolgsausweis trotzdem bemerkenswert ist” (H.K.) Hier hat der Kartellführer der “alten Tante” nochmals zugeschlagen.

Wieso braucht Föderalismus Effizienz?

Mittwoch, den 29. August 2007 um 14:11

Das föderalistische Staatsprinzip ist eigentlich nicht legitimationsbedürftig, denn es verschafft gerade kleinen Einheiten Entfaltungsmöglichkeiten, die in zentral geführten Staaten nicht geboten oder sogar verhindert werden. Aufmerksamen Beobachtern fällt auf, dass die Schweiz 700 Jahre einem mehr aufbauenden Föderalismus gegenseitiger Unterstützung gewogen war, sich aber zunehmend Tendenzen durchsetzen, die man auch als Raubföderalismus bezeichnen könnte, wonach jeder von jedem soviel wie möglich nimmt – oder mindestens verlangt. Deshalb findet im März 2008 unter Leitung von Bundesrat Dr. Christoph Blocher in aargauischen Baden eine nationale Föderalismus-Konferenz statt, die den überraschenden Titel trägt “Föderalismus unter Effizienzdruck”. Was soll das heissen? Offensichtlich sollen die Kantone für einen effizienteren Föderalismus gewonnen werden. Unter den Referenten entdecke ich auch Claude Hauser, den MGB-Präsidenten, der in den letzten Jahren viel getan hat, um die Migros mehr zu zentralisieren. Prof. Dr. Alfred Defago wird sicher mitteilen, wie in den USA der Föderalismus durch Washington in entscheidenden wirtschaftlichen, sozialen und sicherheitspolitischen Fragen ausgehebelt wurde. Bundesrat Blocher hat bereits den Tarif durchgegeben: Vieles am Schweizer Föderalismus ist veraltet und gegenwärtig eher hemmend. Da auch unser Zürcher Hausschriftsteller Hugo Loetscher mit von der Partie ist, wird dieser Weltmann von der Limmat sicher zu vermitteln wissen, wie in seinem Lieblingsland Brasilien der Föderalismus unterdrückt und die Zentralisierung durchgesetzt wurde. Leider sind keine Italiener angemeldet, die uns aufzeigen würden, wie schon die alten Römer subsidiär dachten und seither jeder Versuch scheiterte, den föderalistischen Süden ebenso wie den kampfstarken Norden in ein funktionierendes nationales Prinzip zu integrieren.

Pelli legt ein liberales Charivari vor.

Mittwoch, den 29. August 2007 um 13:02

Das ist ein merkwürdiges Buch, von dem man ebenso sagen könnte, es sei gar keines. Fulvio Pelli, dem es bisher nicht gelungen ist, seiner Partei, der FDP, ein wirkliches Konzept für die bevorstehenden Wahlen zu verpassen, liess “37 Gründe, liberal zu sein” bei Orell Füssli drucken. Es enthält demzufolge weder einen themenbezogenen Titel (woher sollte er auch kommen?), sondern nur den Namen “Fulvio Pelli” programmatisch gross auf der Frontseite. Karl-Hermann Flach, Pelli kennt ihn sicher nicht, hat vor gut vierzig Jahren das letzte grosse liberale Programm verfasst. Seither ist die deutsche FDP, ihren genialen Generalsekretär vergessend, massiv abgestürzt. Pelli lässt dafür Kurt Aeschbacher sinnieren. Wir werden am 21. Oktober wissen, ob die FDP in der Schweiz solcherlei Charivari überlebt.

Wer will Schweizer Diplomat werden? Wenige.

Mittwoch, den 29. August 2007 um 12:06

Es ist nicht mehr chic, Diplomat werden zu wollen. Beim EDA sind in diesem Jahr bisher nur 74 Bewerbungen eingegangen, darunter 38 von Frauen. Nun, Micheline Calmy-Rey, unsere Aussenministerin, hat auch alles getan, um Männern diesen Job zu verleiden. Zudem müssen unsere von Verarmung bedrohten Botschafter jetzt ihre Risikoprämie für den Einsatz an gefährlichen Orten ebenso versteuern wie die Zuschüsse an die – teuren – Auslandschulen für ihre Kinder, denen man wirklich nicht zumuten kann, die Einheimischen Normalbürger kennenzulernen. Botschafter leiden auch unter Smog an ihren Einsatzorten (Tokio, Peking etc.) und fühlen sich oft allein, weil sie zu wenig Personal haben. Poor guys.

Berner Theaterfest: Die Hauptstadt hält Anschluss.

Mittwoch, den 29. August 2007 um 8:47

Die Berner gaben ein Theaterfest, um ihr Stadttheater als “jung, frech und dynamisch” im Volk zu verankern. Die Schauspieler, zumeist leicht, morbid oder transsexuell bekleidet, betonten “Der Körperkontakt ist für uns wichtig” und liessen sich gerne betasten. Andere traten gleich als “Rampensau” und “Traumtänzer” vor das neugierige Volk. Von Inhalten der kommenden Stücke war kaum die Rede. Solcherlei Tun liesse sich auch als dekadent beschreiben, aber Stapi Tschäppät will zu Kollege Ledergerber aufschliessen, damit “downtown Switzerland” ein “uptown Berne” entgegengestellt werden kann.

Roger Schawinski widerspricht de Posch

Mittwoch, den 29. August 2007 um 7:59

Roger Schawinski lässt nicht locker, denn dies wäre gegen seine Natur. Er stellt klar: “Ausser dem Vorstand haben alle Mitarbeiter je 400 Euro erhalten. Ich übrigens nicht; zu diesem Zeitpunkt war ich nicht mehr im Unternehmen.” Schawinski bestätigt, er sei als Mitglied des Kaders in einen Stockoption-Plan eingebunden gewesen, dies als Teil des Arbeitsvertrags.

Wie bei vielen Stellungnahmen, sind die von “Sat1″ vermittelten Fakten diskussionsfähig. Schawinski wird dies verschmerzen. Gestern Abend sprach ich vor einem guten Duzend Managern über unser Schweizer Fernsehen und Armin Walpens gravierendsten Fehlentscheid, Ingrid Deltenre zur Programmdirektorin der SRG zu machen. Zum bevorstehenden Wechsel auch dort, voraussichtlich nach den kommenden Wahlen in den Bundesrat, wird Schawinski und seine Meinung gebraucht. Letztlich ist er der einzige TV-Profi auf Management-Ebene, den wir in unserem Land noch haben.

War der 11. September für die USA eine Ausnahme?

Mittwoch, den 29. August 2007 um 7:27

Nur noch Aussenseiter, wie Prof. Karl-Heinz Brodbeck in der Juli/August-Ausgabe von “persönlich”, wagen zu sagen, die offizielle Verschwörungstheorie der US-Regierung sei eine Irreführung der Weltöffentlichkeit. Vielmehr sei damit der “Krieg gegen den Terror” begründet worden und der Einmarsch in den Irak, der sich heute als zweites Vietnam herausstellt. Dass diese Technik des “catrastophic and catalyzing events” (Paul Wolfowitz) für die USA keine Besonderheit ist, beweisen folgende Vorgänge:

- 1889: Explosion des US-Kriegsschiffs “Maine” im Hafen von Havanna mit anschliessendem Einmarsch auf die spanisch verwaltete Insel. Es kann angenommen werden, dass die Amerikaner das Schiff in die Luft sprengen liessen, zumal die Offiziere an diesem Abend Landgang hatten. Es starben nur 280 Mitglieder der Schiffsmannschaft.
- 1915: Angriff der deutschen U-Boote auf die “Lusitania”, wobei über 1500 Menschen, darunter über 250 Amerikaner zu Tode kamen. Die “Lusitania” war voll beladen mit schweren US-Waffen zur Unterstützung der Engländer und Amerikaner; dem deutschen Geheimdienst wurde diese Information im voraus zugespielt.
- 1944: Japanischer Angriff auf Pearl Harbour mit 2 900 Toten. Dieser Angriff war in Washington mindestens 14 Tage zuvor bekannt. Die USA brauchten diesen “event”, um die kriegsunlustige Bevölkerung von der Notwendigkeit des Kriegseintritts zu überzeugen.

Historiker können diese Liste mit Vorfällen rund um den Korea- und Vietnamkrieg leicht verlängern. Tatsache ist, dass unsere teilweise US-gesteuerten Redaktionen, wie die “NZZ”, solche Entwicklungslinien natürlich nicht ernst nehmen.

Körperkult im Wahlkampf.

Dienstag, den 28. August 2007 um 16:31

Freisinnige Kandidatinnen sitzen nicht mehr bieder in den Hinterstübchen der “Hirschen” und der “Rössli’s”. Sie lassen sich coachen wie Madonna in ihren besten Jahren, springen in die Höhe wie ein Genfer Balletmädchen und zeigen Haut wie Go go-girls. Dies ist ein globaler Trend: Putin tritt als Rambo in Militärklamotten auf, zeigt Brust und Bizeps, Sarkozy macht mit und tritt oben ohne als Beachboy auf. Berlusconi bleibt, was er war: Ein Latin Lover. Georgieboy tritt am liebsten als Topgun auf; sogar Ahmadi Neshad zeigt sich mit Schwarzem Gurt. Was ist nur in unsere Politiker gefahren? Showbusiness allerorten.

Schawinski erhielt mehr als Euro 400.—von Sat 1

Dienstag, den 28. August 2007 um 15:07

Unser lieber “Roschée” ist ein Showstar einsamer Grösse. Bis vor einer Stunde war ich der Überzeugung, er habe – wie die anderen Mitarbeiter auch – nur Euro 400.–bekommen, als der Sender an die Heuschrecken verkauft wurde. Jetzt sagt sein Chef, Guillaume de Posch: “Roger Schawinski vergisst, dass auch er eine ordentliche Prämie vom Unternehmen bekommen hat. Das gönne ich ihm.” Merke: Unsere Schweizer Medienwelt wäre langweiliger ohne die grossen Erzähler, von denen wir zu wenige haben. Roger Schawinski ist und bleibt einer von ihnen.

Das Wilde im Menschen stirbt nicht.

Dienstag, den 28. August 2007 um 14:24

Unsere Behörden, allen voran die Verkehrsbehörden, die Polizei und das Bundesamt für Gesundheit, geben sich alle Mühe, das Wilde im Menschen zu zähmen. Die Beamten sollten ins Oberwalliser Dorf Baltschieder fahren, wo vom 31. August bis zum 8. September das Stück “Ds Wild Mandji” auf einer Freilichtbühne aufgeführt wird. Regisseur Bruno Zenhäusern ist überzeugt davon, und wir stimmen ihm bei, dass das Wilde im Menschen nie sterben wird. Warum nicht? Aus dem Wilden wächst auch das Neue, aus dem Ungewohnten das Gewohnte. Wir sollten deshalb unsere Wilden, seien es Denker, Künstler und Jugos, nicht verdammen, sondern als Wurzelgrund der Kreativität betrachten. Einstein, Churchill und Gandhi waren alles Wilde; ohne sie wäre unsere Welt ärmer, mindestens aber anders.

 
     
     
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