Lord Byron und die neue “BlocherWoche”
5. Juli 2007 um 16:18Roger Köppel, äusserlich immer mehr Karl Lagerfeld ähnelnd, sollte mit seiner Blocher nahe stehenden “Weltwoche”, die in meinem Jargon “Blocher-Woche” genannt wird, der Gewinner der Wochenzeitungs-Unternehmer sein. Wie es aussieht, hat ihm vorläufig die “Handelszeitung” mit Kollege Ralph Büchi und Chefredaktor Martin Spieler die Show gestohlen; dort wurde massiv Auflage zugekauft.
Weil ich der “Weltwoche” immer noch Weltblatt-Format unterstelle (woran sollte sie sonst gemessen werden?), nahm ich die aktuelle Ausgabe frohgemut zur Hand, um sofort einen Teil der Kosten meines Jahresabos abzuschreiben, denn eine Story über Harry Potter als Titelgeschichte ist höchstens für Sekundarlehrer interessant. Autorin Rowling wird im Editorial gelobt, weil sie mit diesem Kitsch Milliardärin wurde. Dafür darf Kolumnist Peter Rothenbühler sich von Alinghi-Bertarelli distanzieren, weil er Milliardär und ohnehin kein echter Schweizer ist. Solches nennt man Meinungsvielfalt. Die Zufallsgeschichte mit Eva Morales brachte keinen weiteren Sinngewinn, während das Lob der beiden polnischen Zwillingspolitiker Kaczynski am ehesten zu meiner Ideal-”Weltwoche” passte, denn besonders die Deutschen unterschätzen ihren östlichen Nachbarn.
Im innenpolitischen Sozialbereich zeigt die “Weltwoche” weiterhin Kampfkraft (Sozialdemokraten werden Sozialabbauer, Pflegeheim-Aufenthalt nur noch privat finanzieren, Kantonalbanken verstaatlichen, versickerte Schweizer Hilfsgelder, Scheinfirma von Andreas Gross, Asylstreit wegen Fettsucht). Zur Erholung wird eine Annäherung an die “SI” gewährt: “Das Wesen der Frau”, entschlüsselt am Beispiel der Handtasche. Kein Thema von Weltklasse, eher provonziell, wie der Triumpf über die zurückgezogene Klage der Rumantschen. Das Duell Pereira-Möst war ebenso wenig ergiebig wie das Interview mit Fred Iklé, den nur 30jährige nicht kennen. Jean-Pierre Hoby wurde – wieder einmal – nicht enträtselt, worüber er sich diebisch freuen und mit seiner Frau ein sechstes Kind zeugen wird. Was an den TV-Kritiken von Gion M. Cavelty gut sein soll ist mir ebenso rätselhaft wie die Notwendigkeit der Kolumnen von Jürg Ramspeck im “Blick”. Hierfür Bäume zu verschwenden sollte ebenso strafbar werden wie Schnellfahren. Immerhin wird mir dann noch die Trientschlucht vorgestellt, an der ich seit 30 Jahren vorbeifahre und mir stets vornehme, sie einmal zu durchwandern. Die “Weltwoche” klärt mich auf, dass sie nur 200 Meter lang ist. Ich nehme mir vor, dies nun nachzuholen. Danke, Roger Köppel, Weltgeist der “WeWo”. Ich werde mein Abo verlängern, schon um zu wissen, was der SVP am Herzen liegt, was Kurt W. Zimmermann verwunderlich findet und Christoph Mörgeli und Max Frenkel aufdecken. Bescheidenheit ist angesagt.

