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Monatsarchiv für Mai 2007

Selbstgemachte Image-Krise

Donnerstag, den 24. Mai 2007 um 15:59

Runterspielen von aufgedeckten Fällen von Sozialhilfemissbrauch und sich verschanzen hinter Floskeln: Die Zürcher Sozialvorsteherin Monika Stocker gibt in den letzten Wochen ein Trauerspiel ab. “Für uns ist es in solchen Situationen fast nicht mehr möglich, das in der Öffentlichkeit hervorgerufene Bild zu korrigieren. Vielleicht haben wir in unserem Departement aber auch eine gewisse Déformation professionelle und schätzen den Informationsbedarf der Durchschnittsbürger falsch ein”, so Stocker heute in der “NZZ”. Die Frau hat nicht nur ein Kommunikationsproblem. Die Frage ist erlaubt, wie weit sich Monika Stocker schon von ihren Wählern und dem gemeinen Volk entfremdet hat. Schwierige “Klienten”, so nennt man heute in der Sozialindustrie die Sozialhilfebezüger, hin oder her: Ziel müsste es sein, den Missbrauch bei der Sozialhilfe zu verhindern. Stattdessen beschleicht einen das Gefühl, dass man sich im Zürcher Sozialdepartment von Stadträtin Monika Stocker damit abgefunden hat. Diese Haltung darf nicht sein. Sie ist ein Watsche ins Gesicht jedes anständigen Steuerzahlers.

Philippe Welti

Jeder muss in den Bau – manche dürfen früher heraus.

Donnerstag, den 24. Mai 2007 um 15:52

Laut neuem Strafgesetzbuch, das ganz leise seit dem 1. Januar 2007 in Kraft ist, heisst es in Artikel 86, Absatz 4: “Hat der Gefangene die Hälfte seiner Strafe, mindestens aber drei Monate verbüsst, so kann er ausnahmsweise bedingt entlassen werden, wenn ausserordentliche in der Person des Gefangenen liegende Umstände dies rechtfertigen.” Nehmen wir einmal ein, ein berühmter oder einflussreicher Schweizer wird verurteilt, kommt er jetzt schon mit grossem Rabatt vorzeitig frei. Bei einem Normalbürger liegen solche Sonderfälle nur selten vor, bei einem Ausländer wohl kaum. Immerhin ist dies eine gute Technik, unsere überbelegten Gefängnisse vorzeitig zu leeren.

„Ich schäme mich“

Donnerstag, den 24. Mai 2007 um 12:55

Das Schweizer Volk wurde noch nie ernsthaft befragt, was es wirklich von seinen obersten Führungskräften hält. Es ist auch gut so, dass man es nicht getan hat. Was sich bei Skyguide, der Schweizer Flugsicherung, abgespielt hat, ist eine Schande für unser Land. Diese Schande wird noch übertroffen durch die Tatsache, dass man dem ermordeten Fluglotsen nun durch alle Beteiligten die Schuld zuzuschieben sucht – rette sich, wer kann. Das gleiche gilt für den Untergang der Swissair, für den sich niemand wirklich verantwortlich fühlt. Stellvertretend für das Schweizer Volk, dem dazu das Wort verweigert wird, will ich hier einmal deutlich sagen: “Ich schäme mich.” Wir waren einmal ein derart perfektes Land, ein Beispiel für die Welt, dass diese kollektive Verantwortungslosigkeit, die unsere Führung befallen hat, nur erschütternd und aufklärend wirken kann. Die Erinnerung an Gore Vidal wird wach, den Kritiker der Elite seiner amerikanischen Heimat. Er sagte kürzlich: “I feel like weeping, but I don’t, I can’t.”

Fluchtort Quintamar

Donnerstag, den 24. Mai 2007 um 12:46

Dank Golfplätzen und den traditionell engen Banden zu Grossbritannien: Die West-Algarve in Portugal ist touristisch fest in britischen Händen. Die Ost-Algarve mit dem Naturpark Ria Formosa , der sich von Faro bis zur spanischen Grenze hinzieht, hingegen wird von den grossen Touristenströmen nicht beachtet und ist in den letzten Jahren weitgehend unberührt geblieben. Das haben auch Schweizer und Deutsche entdeckt, die dem Naturtourismus mehr abgewinnen können als die Massen, und die sich immer öfters hier auch niederlassen. Die grossräumige Ausscheidung von Naturzonen in der Algarve ist der Schlüssel für das gedeihliche Zusammengehen von Natur und der boomenden Wirtschaft Portugals, das Modell Quintamar ist wegweisend für den sanften Tourismus. Hier kann es auch schon mal passieren, dass man morgens aufwacht und vor der Ferienwohnung einen Storch am Pool antrifft.

Philippe Welti

Liegt Göschenen in der Schweiz?

Mittwoch, den 23. Mai 2007 um 15:40

Das letzte nennenswerte Ereignis in Göschenen war die Eröffnung des Gotthard-Tunnels, wo man 2000 Arbeiter, die meisten aus Italien, gnadenlos ausbeutete. Dann blutete das Tal aus. Jetzt gibt der Ägypter Samih Sawiris Andermatt neue Perspektiven; Göschenen kann wieder aufleben. Ein Engländer hat das Hotel Gotthard übernommen, ein deutsches Ehepaar die “Krone”. Die Hotels “de la Gare” und “Löwen” sind fest in russischer Hand. Ich sage, die Winterolympiade 2018 in Andermatt beginnt sich abzuzeichnen. Vorher müssen wir am 4. Juli zu Sotschi ja sagen, das 2014 Wladimir Putins Winterspiele durchführen will.

VD: Antirassismus mit zwei Gesichtern

Mittwoch, den 23. Mai 2007 um 14:31

SVP-Mitglied und VD-Staatsrat Jean-Claude Mermoud distanzierte sich von SVP-Bundesrat Dr. Christoph Blocher, der eine Abschaffung der Anti-Rassismus-Strafnorm begrüsst. Er tat dies sinnigerweise anlässlich der 102. Delegiertenversammlung des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes in Lausanne. Seine Glaubwürdigkeit war jedoch eingeschränkt, da er sich in der Diskussion um die 523 von Ausschaffung bedrohten Waadtländer Asylanten genau gegenteilig ausgedrückt hatte.

Merke: Die Macht des Faktischen ist ein Element, das auch der SVP zu schaffen macht.

Sieg für Couchepin und Aebischer

Mittwoch, den 23. Mai 2007 um 11:00

Die ETH Zürich kommt definitiv unter den Einfluss der ETH Lausanne, und die Zürcher Regierung lässt sich dazu nicht vernehmen. Unter dem Einfluss des Rektors der ETH Lausanne, Patrick Aebischer, hat Bundesrat Pascal Couchepin entschieden, Prof. Schwab zum neuen Rektor der ETH Zürich zu machen; der Antrag des zuständigen ETH-Rats läuft in diese Richtung. Damit stärkt Couchepin, der im kommenden Jahr Bundespräsident wird, seine Position in der Westschweiz. Sein starker Einsatz für die Krankenkasse Mutuel, die zweitgrösste der Schweiz, weist in die gleiche Richtung.
Verliererin ist die ETH Zürich, die nach dem Hafen-Skandal nun von einem Hochschullehrer geführt wird, dem Managementerfahrung nicht zugesprochen wird. Bereits sind 30 Mio. Franken aus den ordentlichen Mitteln des ETH-Budgets nach Lausanne abgewandert. Die Stärkung der ETH Lausanne ist auch offizielle Politik des ETH-Rats, was immer dessen Gründe sein mögen. In Gefahr ist die Zukunftsfähigkeit der ETH Zürich, die auf den internationalen Ranglisten in letzter Zeit zurückgefallen ist. Prof. Schwab steht vor einem Härtetest, von dem auch ein Teil des Schicksals des Kantons Zürich abhängig ist.

Zolliker Sammlung König ist heimatlos

Mittwoch, den 23. Mai 2007 um 8:50

Wenige Häuser von unseren Büros entfernt, befindet sich das schöne Haus der Zolliker Sammlung König, deren letzten Stunden an diesem Ort offensichtlich gekommen sind. Suzanne von Meiss König, die Erbin, wollte diese Sammlung nach Martigny bringen und dort in die Sammlung Gianadda integrieren, Leonard Gianadda war einverstanden. Jetzt hat sich der VR der Stiftung Gianadda – erstmals seit 30 Jahren – gegen ein solches Vorhaben ausgesprochen. Der Grund: mangelnde Qualität. Als langjähriger Nachbar der Stiftung kann ich diese Zweifel nur bestätigen. Der einstige, kürzlich verstorbene Stahlbaron hat einen Teil seiner Produktion in Metallprodukte verwandelt. Die wenigsten davon würde ich in meinem Garten dulden.

Merke: Nicht alles, was als gut befunden wird, ist es auch.

Der soziale Flügel der Freisinnigen

Dienstag, den 22. Mai 2007 um 14:20

Die Freisinnigen, die nicht mehr freisinnig, sondern liberal sein wollen, haben auch einen sozialen Flügel. In Zürich wird er vertreten von Urs Lauffer, einem FDP-Kantonsrat, der das Geld seiner reichen Freunde und Kunden gerne sozialverantwortlich unter die Leute bringt; einmal gelang es ihm sogar Rainer E. Gut zum Engagement für den GC Zürich zu verleiten, was nach rekordhohen Millionenverlusten im Chaos endete. Urs Lauffer setzt sich auch für Sozialleistungen ein, die sein rechter Parteiflügel bekämpft. Sei’s drum.
In Baselland nimmt diese Funktion Hans Furer von der FDP ein, der sich vehement für eine 40-Stunden-Woche und fünf Wochen Ferien für jedermann einsetzt. Was die Pharmaindustrie schon längst eingeführt hat, macht anderen Industrie- und KMU-Betrieben Angst. Was soll man davon halten? Ich habe mein 50jähriges Arbeitsjubiläum längst hinter mir, hatte nie fünf Wochen Ferien und arbeite heute noch 70 Stunden in der Woche. Mindestens und glücklich. Ich frage mich, für wen diese FDP-Vertreter eigentlich kämpfen. Es ist, betrachten wir die nichteuropäischen Völker um uns, eine Trägheit des Denkens. Der Calvinismus, den Hans Furer verurteilt, die protestantische Ethik, haben Europa viel gebracht. Ob die Konsumethik des Jung-Freisinns viel bringt, können wir erst in 50 Jahren sagen. Zweifel daran sei heute schon erlaubt.

1929 is back.

Dienstag, den 22. Mai 2007 um 11:04

Die Amerikaner haben auch diesen Rekord wieder einmal geschafft: Ein Prozent aller US-Amerikaner verfügen über 40% des nationalen Reichtums. Das ist der höchste Anteil seit 1929. 1979 waren es erst 20%. Ich sehe keinen Grund, weshalb wir in der Schweiz uns in Bescheidenheit üben und dem nachstehen sollten.

 
     
     
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